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Konferenz
04/11/2014

"Cloud Computing ist Jahrhundertchance für Europa"

Auf der dritten europäischen Cloud Computing Conference haben sich Vertreter der Software-Industrie optimistisch gezeigt, dass die US-Herrschaft gebrochen werden kann.

von Martin Stepanek

Viel Zweckoptimismus und ein bisschen Warnung vor territorialer Abkapselung und Regulationswahnsinn wurden auf der dritten Cloud Computing Conference Mitte dieser Woche in Brüssel zur Schau getragen. Kein Zweifel herrschte unter der Teilnehmerschar, die sich aus Vertretern der Software- und IKT-Branche, aber auch aus Repräsentanten diversen Arbeitsgruppen der EU-Kommission zusammensetzte, dass die Zukunft dem Cloud Computing gehöre.

Europäische Strategie gesucht

Der Begriff werde in einigen Jahren vermutlich obsolet sein, weil alles, was mit IT-Services zu tun habe, ohnehin nur mehr Cloud-basiert sei, wie etwa Achim Klabunde von der europäischen Datenschutzbehörde EDPS ausführte. Dass die EU deshalb unter Federführung von Kommissarin Neelie Kroes auf eine europäische Cloud-Strategie drängt und dafür entsprechende Regeln und Voraussetzungen schaffen will, verwundert daher kaum.

Zum einen soll sichergestellt werden, dass die derzeit dominierenden US-Firmen ihre Dienste für Europa adaptieren und strengere europäische Datenschutzregeln befolgen. Gleichzeitig sollen europäische IT- und Software-Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen, die der Paradigmenwechsel in der IT mit sich bringt. „Cloud Computing ist eine Jahrhundertchance für Europa, die Autonomie und Vorreiterschaft zurückzugewinnen, die wir mit Siemens, Bull, Olivetti und Nokia früher hatten“, meint Helmut Fallmann, Gründer des österreichischen Cloudanbieters Fabasoft, im Gespräch mit der futurezone am Rande der Konferenz.

Daten-Schengen gefordert

„Daten sind das Gold unserer Zeit. Daher muss gewährleistet sein, dass europäische Unternehmen in jeder politischen globalen Weltkonstellation auf ihre Daten zugreifen können müssen und diese vor unautorisierten Zugriffen geschützt sein müssen“, sagt Fallmann. Europa müsse entsprechende Spielregeln definieren, damit der Wettbewerb zwischen US- und europäischen Anbietern endlich fair werde. Gerade beim Datenschutz könne es nicht angehen, dass sich US-Anbieter nicht an europäische Regeln halten. Die EU-Datenschutzrichtlinie sei ein guter Schritt, wenngleich die Umsetzung viel zu lange dauere, kritisiert Fallmann.

Der Fabasoft-Gründer geht im Interview mit der futurezone gar so weit, ein Schengen für Daten zu fordern. „Wo die Daten physisch gespeichert sind, ist politisch, aber auch juristisch gesehen, eine wichtige Frage. Für mich ist daher denkbar, dass Daten prinzipiell auf europäische Datenzentren verteilt werden können, diese die EU-Außengrenzen aber nicht verlassen sollten“, sagt Fallmann. Ein Ausschlusskriterium für US-Anbieter sei dies aber nicht: „Im Gegenteil – die guten Cloud-Anbieter, wie etwa Salesforce, haben heute schon verstanden, wie wichtig der Datenstandort in Europa ist und investieren in entsprechende Datenzentren auf europäischem Boden.“

Abschottung nicht zielführend

Nicht alle Konferenzteilnehmer stimmten in den Chor nach einer dezidierten Europa-Lösung ein. So warnte etwa Rita Balogh von der Software Alliance in einer Podiumsdiskussion davor, „einen kleinen abgeschotteten Raum zu schaffen“. US-Unternehmen würden schon jetzt substanziell in Europa investieren und damit auch wertvolle Beiträge für den Wirtschaftsstandort leisten. Es sei völlig kontraproduktiv in der Diskussion zwischen europäischen und nicht europäischen Unternehmen zu unterschieden. „Die Wertschöpfung ist viel größer, wenn wir auf Austausch und Zusammenarbeit setzen“, mahnte Balogh.

Auch die Diskussion über verbindliche Standards und Zertifizierungen verlief kontrovers. Während einige Industrieteilnehmer davor warnten, dass zu starke europäische Vorgaben die Innovationskraft der Branche schmälern würde und so Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen aus anderen Regionen der Welt bedeuten, wiesen andere auf die Notwendigkeit von Standards hin. So habe erst der Verabschiedung des GSM-Standards die Innovationsfähigkeit und schließlich auch den Geschäftserfolg von Unternehmen wie Nokia begründet.

Ken Ducatel, der den Arbeitskreis Cloud Computing innerhalb der Europäischen Kommission verantwortet, bekräftigte auf der Konferenz zudem, dass man mit den geplanten Regulierungsvorhaben keinesfalls Innovation behindern wolle und sich in erster Linie auf einige verbindliche Industrievorgaben verständigen wolle. Europa habe im Bereich der privaten Business-Clouds hervorragende Voraussetzungen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. „Wenn wir das hinbekommen in Europa und Vertrauen in unsere Cloud-Lösungen aufbauen können, werden auch andere außerhalb Europas auf unsere Services setzen“, ortet auch Ducatel große Chancen für Europa.

Innovation vs. Datenschutz

Eine Lanze für den Datenschutz und höchstmögliche Transparenz brach hingegen Achim Klabunde von der Datenschutzbehörde EDPS. Natürlich sei es legitim davor zu warnen, dass gesetzliche Vorgaben Innovation behindern könnten. „Gleichzeitig kann die Entwicklung von Technologien keine Ausrede sein, um gesetzliche Mindestanforderungen auszulöschen, gerade wenn es um Grundrechte von Bürgern geht“, meinte Klabunde in seinem Diskussionsbeitrag. „Man kann die Verantwortung nicht einfach abgeben, nur weil etwas in der Cloud ist.“

Für die Zukunft wünscht sich Klabunde neben der rechtlichen Klärung aber auch einen stärkeren Fokus auf die technische Umsetzung. „Wir haben uns viele Jahre lang fast ausschließlich auf die gesetzlichen Vorschriften konzentriert. Nun wäre es an der Zeit, sich noch stärker damit zu befassen, wie der Schutz von Daten auch technisch gewährleistet werden kann. Wie müssen Technologien von Grund auf gestaltet, wie Prozesse aufgesetzt werden, damit solche Lösungen transparent und gleichzeitig sicher sind“, sieht Klabunde hier noch Nachholbedarf in der Branche.

Die Reisekosten für den Besuch der Cloud Computing Conference in Brüssel wurden von der futurezone und Fabasoft übernommen.