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Interview
10/20/2011

Das IT-Dilemma beginnt in der Puppenecke

Insourcing statt Outsourcing – Kapsch hat die Produktion von China nach Österreich zurückgeholt. Kapsch-CEO Georg Kapsch spricht im Interview über den Industriestandort Österreich, den IT-Fachkräftemangel und in welchem dritten Bereich Kapsch künftig auch Weltmarktführer werden möchte.

futurezone: Alle reden von Outsourcing, Kapsch hat ingesourced und die Produktion beim Zugfunk GSM-R aus China wieder nach Österreich zurück „verlagert“.
Georg Kapsch: Bei Massenproduktionen ist das durchaus üblich, aber wir haben mit GSM-R ein spezifisches Produkt. Wir haben ja Nortel übernommen, und die hatten nach China ausgesourced. Allerdings hatten wir sowohl bei der Logistik als auch bei der Qualität Probleme. In Österreich sind zwar die Produktionskosten etwas höher, aber die kann man mit den Einsparungen kompensieren. Wir haben aus wirtschaftlichen Gründen und aus Überzeugung ingesourced.

Viele Unternehmen lassen ja aus wirtschaftlichen Gründen in China produzieren, weil die Produktion im Inland zu teuer wäre.
Wie gesagt, bei Massenproduktionen ist das üblich, aber hier sollte der Konsument mündig werden. Es müssten in allen Ländern die gleichen Umwelt- und Sozialstandards geben.

Ein Ziel, das sich wohl nicht so leicht erreichen lässt, wenn man etwa die immer wieder kritisierten Zustände beim chinesischen Hersteller Foxconn betrachtet, der für Apple arbeitet.
Es müsste zum einen auf politischer Ebene Aktivitäten gesetzt werden, zum anderen müssen die Konsumenten Druck ausüben, aber die Endkonsumenten sind nicht mündig. Wenn man bei H&M ein T-Shirt umd 4,90 Euro bekommt, das in Vietnam produziert wird, sollte einem das zu denken geben. Aber wer dem Kapitalmarkt verantwortlich ist, dem bleibt eben keine andere Wahl.

Das macht Kapsch anders?
Ja, wir sind ein traditionelles Unternehmen.

Kapsch ist ja eines der technologischen Vorzeigeunternehmen. Was würden Sie einem Jungunternehmer, bzw. Start-up, wie es man heute dazu sagt, raten?

Ich will da nicht überheblich sein und Ratschläge geben, aber einer der Schlüsselfaktoren zum Erfolg ist Konsequenz. An die eigene Idee glauben und diese mit Konsequenz realisieren. Man muss sich aber genau überlegen, ob ich es alleine schaffe oder ob ich Partner benötige. Denn für manche Projekte benötigt man weniger, für andere viel Geld. Daher stellt sich die Frage, ob man sein Projekt mit einem Business-Angel realisiert oder einen Private Equitiy-Partner dazu holt oder einen strategischen Partner braucht. Auf jeden Fall muss man auf die finanziellen Rahmenbedingungen achten. Das Grundproblem in der heutigen Gesellschaft, zumindest in Europa, ist, dass jemand, der scheitert, als Halbverbrecher abgestempelt ist. Damit tötet man das innovative Element ab. Aber Innovation benötigt eine Offenheit für das Scheitern.

In den USA ist es ja anders, da werden jene, die mit einer Firma scheitern, aufgefordert, es nochmals zu probieren.
Genau, den möglichen Misserfolg muss man einkalkulieren.

Und man darf nicht zu früh dran sein mit seiner Idee.
Wir waren schon einmal zu früh dran, und zwar mit der SmartCard, die hatten wir schon vor 15 Jahren. Zu einer Zeit, zu der es keine Lösungen gab.

Österreich droht ein IT-Fachkräftemangel, wie versucht Kapsch diesem Problem zu begegnen?
Kurzfristig durch Migration, aber das wird uns durch das Steuerproblem sehr schwer gemacht. Beispiel Slowakei: Ein Mitarbeiter aus der Slowakei bleibt lieber dort, weil dort Steuern und Abgaben niedriger sind.

Und langfristig?
Mädchen und Buben schon im Kindesalter für naturwissenschaftliche Themen begeistern und damit schon im Kindergarten anfangen.

Schon im Kindergarten?
Ja, dort muss die Sozialisation beginnen. Im Kindergarten gibt es die Puppenecke für die Mädchen und die Bastelecke für die Buben, das ist ja ein stereotypes Denken. In den Schulen gibt es nach wie vor Pädagogen, die Technik nicht leben und im Studium könnte man ebenfalls Anreize schaffen, um mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern.

Wie könnten solche Anreize aussehen?
Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich bei leistungsorientierten Stipendien etwas überlegen könnte. Wenn man in einem Fach, sagen wir Biochemie, studiert und die entsprechenden Leistungen bringst, bekommt man ein Stipendium. Aber ich finde ja, dass das Image der Technik aufpoliert gehört.

Wie könnte man das tun?
Bewusstseinsbildung und thematische Schwerpunkte in den Medien. Im ORF Fernsehen beispielsweise gibt es unter zwei Prozent Sendungen mit Technik-Bezug. Soap-Operas sind dort wichtiger als der Bildungsauftrag. Leider.

Kapsch ist Weltmarktführer beim Zugfunk GSM-R, bei Maut- und Verkehrssystemen. Was sind Ihre Zukunftspläne?
Wir haben in zwei Nischenmärkten eine guten Marktstellung, meine Vision ist, dass wir auch in einem dritten Nischenmarkt Weltmarktführer werden.

Welcher ist das?
Das will ich noch nicht verraten, hat aber mit Energie zu tun.

Kapsch zählt zu den erfolgreichsten Technologieunternehmen Österreichs Zur Kapsch Group zählen die drei Schlüsselgesellschaften Kapsch TrafficCom (verkehrstelematische Systeme für den Straßen- und Schienenverkehr), Kapsch CarrierCom (Produkte für Festnetz- und Mobilfunkbetreiber) und Kapsch BusinessCom (Lösungen für Klein-, Mittel- und Großunternehmen). Kapsch ist ein Familienunternehmen und wurde vor mehr als 100 Jahren gegründet. Im vergangenen Jahr erzielte die Kapsch-Gruppe mit seinen fast 4000 Mitarbeitern einen Umsatz von 511 Millionen Euro.