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Europa: Zwischen US-Datenkraken und chinesischer IT-Diktatur

Europa: Zwischen US-Datenkraken und chinesischer IT-Diktatur

Wenn die EU auch in Zukunft eine gewichtige Stimme bleiben und seine Zukunft aktiv gestalten wolle, gebe es dazu keine Alternative, mahnte Gabriel am Samstagabend bei seiner Eröffnungsrede zur Innovationskonferenz DLD in München, die heuer unter dem Titel "Reconquer" ("Zurückerobern") steht und bei der noch bis Montag Antworten auf technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen gesucht werden. Zu Gast sind unter anderem EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel und prominente Vertreter von Facebook und Google

Derzeit würde auf der einen Seite das Silicon-Valley-Modell aus den USA und auf der anderen Seite die staatlich geförderten chinesischen Technologieunternehmen um die Vorherrschaft in der Technologiewelt kämpfen. Dem Überwachungskapitalismus der großen US-Player, die so viele Daten wie möglich kontrollieren wollen, stehe die streng regulierte chinesiche Indsutrie gegenüber, die es dem autoritären System unter dem Motto "Big Brother meets Big Data" ermögliche, noch autoritärer zu werden. Wenn Europa nicht zum Schlachtfeld dieser beiden Modelle werden wolle, müsse es bessere Antworten finden, sagte Gabriel.

Dazu müsse man gemeinsame Interessen definieren und europäische Werte und Errungenschaften schützen, forderte der deutsche Außenminister. Es brauche einen gemeinsamen europäischen digitalen Markt und nachhaltige Modelle, die Datenschutz mit wirtschaftlichen Ansprüchen zusammenbringen: "Wir müssen viel investieren und bereit sein, Risiken einzugehen", sagte Gabriel.

"Neuer Gesellschaftsvertrag"

Europa müsse eine Vision für die Informations- und Wissensgesellschaft entwerfen, die auch einen neuen Gesellschaftsvertrag beinhalte, sagte der Risikokapitalgeber Albert Wenger. Dazu brauche es auch neue regulatorische Werkzeuge. "Smartphones werden nicht von ihren Besitzern, sondern von den Herstellern kontrolliert", führte Wenger aus: "Wir brauchen eine Regulierung, die die Macht der großen digitalen Player beschneidet."

Regulierung sei ein langwieriger Prozess, sagte Paul-Bernhard Kallen vom Konferenzveranstalter Hubert Burda Media. "Man muss verstehen, was wirklich geschützt werden soll und darüber diskutieren." Eine solche Diskussion vermisse er aber - nicht nur in Europa.

"Bedrohlich"

Man müsse den sozialen Auswirkungen von Technologien mehr Gewicht einräumen, sagte die Journalistin Megan Murphy. "Wir müssen Fake News und Nazis auf Online-Netzwerken nicht akzeptieren." Dass es in Europa keine politische Bewegung gebe, die demokratische Werte im Umgang mit der Digitalisierung in den Mittelpunkt stelle, sei das wirklich Bedrohliche.

"Europa hat die Fähigkeit etwas Neues zu schaffen", meinte Wenger. Weil bislang nur wenige die Gewinne aus der digitalen Revolution eingestreift hätten, habe man Trump und den Brexit bekommen. "Darauf müssen wir eingehen", sagte der Investor: "Sonst bekommen wir mehr statt weniger Trumps."

Zukunft der Arbeit

Thema am ersten Tag der Innovationskonferenz war auch, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeit auswirkt. Die Diskussion habe sich zuletzt verlagert, sagte der Automatisierungsexperte Sami Haddadin von der Leibniz Universität in Hannover. Anstatt Angst davor zu haben, dass Roboter Menschen Arbeitsplätze wegnehmen, werde vermehrt über die Chancen der Technologie diskutiert. Die neue Generation von Robotern seien Werkzeuge, die von Menschen genutzt werden könnten, um neue Formen der Arbeit zu schaffen. "Es werden Ideen und Möglichkeiten entstehen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können."

Das ändere nichts daran, dass es auch viele Verlierer dieser Entwicklung gebe, sagte der Ökonom Carl Benedikt Frey von der Universität Oxford. Viele Leute würden in den Niedriglohnsektor gedrängt, zahlreiche Jobs würden auch verschwinden, gab Frey zu bedenken. Es brauche dichte soziale Netze und auch Anpassungen im Bildungssystem. An einfache Lösungen, wie etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, glaube er nicht, sagte der Ökonom.

"Viele Gelegenheiten"

Die Geschichte zeige, dass technologische Umbrüche auch viele neue Arbeitsplätze schaffen würden, sagte Bernd Huber, Präsident der Ludwig Maximilian Universität in München. Die Digitalisierung bringe auch viele Gelegenheiten mit sich. Roboter in der Altenpflege würden dabei helfen, andere Trends, wie die Überalterung der Gesellschaft, abzufedern.

In den nächsten fünf bis zehn Jahren werde es Millionen intelligenter Roboter geben. Die Digitalisierung betreffe die gesamte Gesellschaft und müsse transparent gestaltet werden, forderte Haddadin. Neben Politik, Wissenschaft und Industrie müsse auch die Bevölkerung in den Diskurs miteinbezogen werden. "Technologie verändert alles. Wir müssen darauf achten, die Leute mitzunehmen."

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Patrick Dax

pdax

Kommt aus dem Team der “alten” ORF-Futurezone. Beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Innovationen, Start-ups, Urheberrecht, Netzpolitik und Medien. Kinder und Tiere behandelt er gut.

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