B2B
23.03.2013

Frequentis will die Weltmeere erobern

Das österreichische Technologie-Unternehmen Frequentis hat nach der Luftfahrt nun auch die Schifffahrt im Visier. Nach einem Auftrag in Australien werden bereits 20 Prozent der Weltmeere von Frequentis-Kommunikationslösungen abgedeckt. Im futurezone-Interview kündigt CEO Hannes Bardach an, die Weltmarktführerschaft anzustreben.

An einer Wand in seinem Büro hängt sein „Meisterbrief".  Die Meisterprüfung musste Hannes Bardach machen, als er 1983 die Geschäftsführung von Frequentis übernommen hatte. „Mein Hochschulabschluss an der TU reichte damals nicht aus", sagt Bardach und schmunzelt, „aber Ausbildung schadet ja niemandem." 1983 hatte Frequentis 46 Mitarbeiter und war eine mittelgroße Wiener Firma. Heute beschäftigt Frequentis mehr als 1000 Mitarbeiter weltweit und ist zu einem globalen Unternehmen herangereift, das in einigen Bereichen Weltmarktführer ist.

In einer Glasvitrine in Bardachs Büro sammelt der Frequentis-CEO seine diversen Auszeichnungen und eine, die ihm Mitarbeiter aus Lego-Steinen gebaut haben – eine Sicherheitszentrale mit verschiedenen Fahrzeugen – ein Helikopter, ein Polizeimotorrad, ein Feuerwehrauto und eine Mischung aus Gelände- und Amphibien-Fahrzeug. Die Lego-Kreationen stellen die Geschäftsbereiche von Frequentis dar. Ein Fahrzeug müssten die Mitarbeiter Bardach noch basteln – ein Schiff. Denn das österreichische Technologie-Unternehmen ist drauf und dran, mit ihren Kommunikationslösungen auch die Weltmeere zu erobern – Australien ist nach Kanada die nächste See-Nation, die auf eine Maritim-Lösung von Frequentis setzt.

Transponder-Technologie
In den 90er Jahren hat Frequentis eine damals neue Transponder-Technik entwickelt, bei der auf einer Frequenz eigene Daten ausgeschickt werden, etwa die eigene GPS-Position und andere Informationen. Diese Technik kam in zwei Bereichen zur Anwendung, in der Flugsicherung und in der Schifffahrt. In der Flugsicherung ist sie vor allem im skandinavischen Raum im Einsatz. In der Schifffahrt ist sie zum weltweiten Must Have geworden. Damit hat man auf sehr einfache Weise ein Schiff am Display, wie ein Radarbild, aber ohne Radar. Jedes Schiff führt eine Funkzelle mit sich, wenn es in Reichweite eines anderen Schiffes kommt, wird dieses alarmiert.

"Wir setzen Standards"
„Es werden jetzt 20 Prozent der Meeresoberfläche mit Frequentis-Technologie kontrolliert", so Bardach. Seit einigen Jahren schon wird die kanadische Küste von einem Frequentis-Informationssystem abgedeckt, Australien ist der jüngste Auftrag. „Auf den Weltmeeren sind Kanada und Australien die beiden führenden Nationen", erklärt Bardach, „beide sind in allen Gremien vertreten und das ist wiederum für uns wichtig, weil wir mit unseren Produkten Standards setzen wollen. Denn einer unserer Lehrsätze lautet: Wir setzen Standards."

Seenot-Systeme
Der Einstieg in den Maritim-Bereich gelang vor einigen Jahren, als man sich mit dem weltweiten elektronischen SOS-System mit der Bezeichnung Global Maritime Distress Safety System (GMDSS) beschäftigte. Bei diesem Seenot-System wird die Kommunikation im Notfall über unterschiedliche Technologien abgewickelt, abhängig davon, wo sich das Schiff befindet – über Mobilfunk, über Ultrakurzwelle VHF, über Mittelwellenfunk, über geostationäre Satelliten in den Polargebieten und über Polar-Satelliten. „Bei einem Unglück, drückt der Kapitän quasi auf eine Taste und der Notruf wird von der Küstenwache und anderen Schiffen empfangen", erklärt Bardach. In Kanada und jetzt Australien steckt nun Frequentis Know-How dahinter. Bardach: „Die Schiffstechnik ist derzeit noch sehr in Einzelelementen gegliedert. Unsere Vision ist ein Arbeitsplatz, der dem Lotsen an der Küste hilft, alles zu managen und über ein einheitliches Medium zu kommunizieren."

River-Information-System
Frequentis hat nicht nur auf den Weltmeeren, sondern auch in Häfen und in der Binnenschifffahrt große Erfolge vorzuweisen. So wurde etwa der Hafen in Singapur von Frequentis ausgestattet , der Hafen Hamburg ebenfalls und Großbritannien kann man ohne Frequentis-Technologie gar nicht betreten, dort ist das österreichische Technologieunternehmen mit all seinen Systemen vertreten: bei der zivilen und auch militärischen Flugsicherung, GSM-R-Dispatcher (Zuteiler) bei der Bahn (hier arbeitet man mit der Kapsch-Gruppe zusammen), in der Schifffahrts-Kommunikation, Scotland Yard kommuniziert via Frequentis und 60.000 Überwachungskameras werden ebenfalls von einem Frequentis-System gesteuert.

Gemeinsam mit der Via Donau hat Frequentis das Donau River Information System (DoRIS) entwickelt, das erste Fluß-Informationssystem in Europa, das mittlerweile weltweit im Einsatz ist, wie etwa am Nil in Ägypten.

Weltmarktführer
„Unser Ziel ist, die globale Nummer eins bei Kontroll-Center-Lösungen zu werden, denn alles, was wir tun, tun wir weltweit“, sagt Bardach. „Das ist eine Vision, aber bis dato haben wir unsere Ziele dank unseres hochmotivierten Teams immer erreicht.“ In den 90er Jahren wollte Bardach europäischer Marktführer auf dem Gebiet der Flugsicherung werden – und wurde es. Für das Jahr 2000 hatte er das Ziel, eine Milliarde Schilling Umsatz zu schaffen. Er erreichte diesen bereits 1999. In fünf bis zehn Jahren will er Marktführer bei Kontrollzentralen sein und ein globales Unternehmen mit noch mehr Niederlassungen und noch mehr Firmenbeteiligungen. „Aber die Weltzentrale wird immer Wien sein.“

Frequentis wurde 1947 in Wien gegründet, hat derzeit etwas mehr als 1000 Mitarbeiter, ist in 50 Ländern vertreten und konzentriert sich weltweit auf Informationssysteme und Kontrollcenter-Lösungen für die wichtigsten sicherheitskritischen Bereiche – das sind etwa Kontrollzentralen für die Flugsicherung, die Luftverteidigung, die Polizei, den Öffentlichen Verkehr und auch den Maritim-Bereich. Frequentis setzt dabei auf drei Komponenten, nämlich Sprachkommunikation, Datenkommunikation und eine übersichtliche Lage-Darstellung.