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Report
04/17/2012

Greenpeace: Cloud läuft mit schmutzigem Strom

Maximal 56 Prozent jenes Stroms, den Rechenzentren der weltweit führenden Cloud-Anbieter verbrauchen, stammen aus sauberen Energiequellen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtet, dass durch den Ausbau von Cloud-Servern auch der Bedarf an Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken rasant steigen wird.

von Jakob Steinschaden

Ein Foto auf Facebook, ein Video von YouTube, eine App am iPhone oder am Android-Handy, ein Song von Spotify, eine Kurznachricht auf Twitter - wer per Tablet, Smartphone oder Laptop irgendeine Art von Daten nutzt, der kommt mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Cloud (a.k.a. Internet-Wolke) in Kontakt. Oder besser gesagt: Er stellt eine Verbindung zu den riesigen Rechenzentren von IT-Riesen wie Google, Apple, Amazon und Facebook her. Und die werden zunehmend zum Umweltproblem.

Cloud Computing betrifft nicht mehr nur Nerds, sondern mittlerweile fast jeden”, sagt Claudia Prinz, Elektronikexpertin bei Greenpeace, im Gespräch mit der futurezone. “Einige der  Rechenzentren  benötigen so viel wie Energie wie 250.000 europäische Haushalte.” Die Befürchtung der Umweltschützerin: Das explosionsartige Wachstum im Cloud-Computing-Bereich führt zu einer rasant steigenden Nachfrage nach Kohle- und Atomstrom.

Viel Strom aus Kohle- und Atomkraft
Bei dem rasanten Ausbau der Cloud bleibt der Umweltschutz einem neuen Greenpeace-Report meist auf der Strecke. In akribischer Detektivarbeit haben die Umweltschützer Daten über den Energieverbrauch von Rechenzentren zusammengetragen. Die Statistik zeigt: Branchenriesen wie Apple, Microsoft oder Amazon beziehen nur einen geringen Anteil ihres Server-Stroms (oft nur etwa 15 Prozent) aus sauberen Energiequellen - der Rest kommt meist aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Auch andere Firmen wie Salesforce, IBM, HP oder Oracle, die auf Coud Computing setzen, stehen in der Energiebilanz schlecht da (siehe Grafik unterhalb).

Greenpeace

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“Wir haben aber auch schrittweise Verbesserungen bemerkt, vor allem bei Facebook”, sagt Prinz. So soll deren neues Datenzentrum im schwedischen Luleå ab 2014 zu fast 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen gespeist werden. Insgesamt werden neben Facebook auch Google und Yahoo! von Greenpeace gelobt. Ebenfalls nicht ganz so schlecht unterwegs: Twitter.

Schwarze Schafe & Schummeleien
“Das sind aber leider die Ausnahmen”, sagt Prinz. Amazon (auf deren AWS-Servern lagern etwa sämtliche Dropbox-Nutzerdaten), Microsoft und Apple hätten großen Aufholbedarf, und zwar nicht nur, was die Art der Energiequellen für ihre Server-Farmen angeht. Etwa bei der Transparenz: So hätten Apple und Amazon die Recherchen von Greenpeace als “nicht korrekt” bezeichnet, aber darüber hinaus keine Informationen geliefert, die das Gegenteil beweisen. Auch bei der Information der Öffentlichkeit werden Spielchen gespielt: So hat Apple eine Solaranlage in Maiden, North Carolina, groß angekündigt, wer sich die Sache aber näher anschaut, wird feststellen, dass diese nur 20 Prozent des Energiebedarfs des dortigen iCloud-Rechenzentrums abdeckt.

Das nächste Problem laut Greenpeace: Fast die gesamte Branche würde mit dem Messwert PUE (“Power Usage Effectiveness”) falsch umgehen. Dieser gibt das Verhältnis zwischen dem Stromverbrauch des gesamten Datencenters zum Energieverbrauch des IT-Euqipments an - woher der Strom kommt, lässt sich aus diesem aber nicht ablesen. Lediglich das Content Delivery Network Akamai (speichert etwa Facebook-Fotos oder iOS-Apps) verhält sich vorbildlich: Als einzige Firma weltweit gibt sie den CUE (Carbon Usage Effectiveness) an, der zeigt, wie viel CO2 ein Datencenter pro Kilowattstunde erzeugt.

Fragwürdige Standorte
Greenpeace kritisiert in dem Bericht auch die Wahl der Standorte von Rechenzentren - etwa jene in den USA. Bundesstaaten wie Illinois (rund um Chicago), North Carolina und Virginia haben maximal vier Prozent erneuerbare Energiequellen (Rest aus Kohle- und Atomkraftwerken). Trotzdem bauen dort Firmen wie Apple, Google, Facebook, Salesforce oder Microsoft in den kommenden Jahren massiv aus. Solche strategischen Entscheidungen hätten aber große Tragweite, weil die IT-Industrie einerseits stark zur Clusterbildung neigt und andererseits die Energieversorgung der gesamten Region betrifft. “Niemand hat Lust, mit seinen Facebook-Updates Atomenergie mitzufördern”, sagt Prinz. “Aber Firmen haben die Macht, bei der Wahl des Standorts Druck auf die Energieversorger auszuüben.”

Der Wunsch von Greenpeace: Cloud-Anbieter sollten sich in “guten” Regionen ansiedeln, und könnten so positive Trends auslösen. Länder wie Deutschland, Irland oder die Niederlande streben bis 2020 einen Anteil von 30 bis 40 Prozent erneuerbare Energien an, während etwa Hongkong (wichtig für den riesigen chinesischen Markt) bis 2020 nur ein bis zwei Prozent Ökostrom haben wird. “Wir hoffen, mit dem Report die große Masse der Firmen zum Umdenken zu bewegen”, sagt Prinz abschließend. “Die Internet-Wolke muss mit sauberer Energie versorgt werden.”

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Zahlen: Die IT-Branche will in den nächsten Jahren laut Intel-CEO Paul Otellini 450 Mrd.  Dollar in Cloud Computing  investieren. Es ist unschwer zu erahnen, wohin die Reise  geht. Denn der IT-Sektor war bereits 2008 für zwei Prozent des globalen Stromverbrauchs verantwortlich. Die globale Server-Infrastruktur verbrauchte bereits 2007 mehr Energie als Indien, Deutschland oder Frankreich. Nur die Länder Japan, Russland, China und die USA konsumierten mehr Strom.