B2B
06.09.2012

"Nokia erreicht früheren Marktanteil nicht mehr"

Minus 13 Prozent an der Börse in Helsinki, minus 16 Prozent für die in den USA notierten Aktien: Nokias Börsen-Absturz während der Präsentation des neuen Spitzenmodells Lumia 920 hat selbst Marktanalysten überrascht. Für die Präsentation musste der finnische Hersteller aber auch viel Kritik einstecken.

„Eine Präsentation ohne konkretes Launch-Datum und Preisankündigung ist enttäuschend“, wird Bengt Nordstrom, CEO der Telco-Beratungsfirma Northstream von Reuters zitiert. Andere konstatieren Nokia zwar ein solides Gerät, aber nichts Herausragendes, mit dem die Rivalen Samsung und Apple vom Smartphone-Thron gestoßen werden können.

Evolutionär statt revolutionär
„Die Leute haben auf etwas Überwältigendes gehofft. Das ist nicht eingetreten, das Gerät wird von den meisten Investoren als evolutionär und nicht als revolutionär gesehen“, sagt auch der Marktanalyst Mark Sue. Die Herausforderung für Nokia bestehe darin, dass die Konkurrenz bereits an der vierten, fünften und sechsten Generation ihrer Geräte arbeite, während Nokia immer noch vom Anfangskapitel wegzukommen versuche.

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Dass der Börsenkurs während und nach der

derart in den Keller
, sorgt allerdings selbst bei manchen Analysten für Kopfschütteln. „Ich habe es mittlerweile aufgegeben, die Börse verstehen zu wollen“, meint etwa Gartner-Analystin Carolina Milanesi gegenüber der futurezone. Das nun präsentierte Gerät sieht Milanesi als durchaus interessante Alternative zu Android für die kommende Weihnachtssaison, die traditionell als stärkstes Verkaufsfenster des Jahres gilt.

Spitzenposition adé
Ungeachtet von Nokias Marktpotenzials, das Milanesi weiterhin als gegeben erachtet, müsse man sich aber im Klaren sein, dass der finnische Handy-Hersteller seine ehemalige Spitzenposition wohl nicht mehr zurückerobern könne. „Sie werden den Marktanteil, den sie einmal gehabt haben, nicht mehr erreichen. Jetzt geht es ausschließlich darum, eine wertvolle Marke mit entsprechenden Margen zu schaffen“, so Milanesi.

Trotz des harten Konkurenzkampfes und der negativen Entwicklung der Verkaufszahlen ortet die Gartner-Analystin das finnische Traditionsunternehmen aber noch nicht in den letzten Zügen. An einen immer wieder kolportierten Verkauf – etwa an Microsoft – glaubt Milanesi nicht. „Ich denke, sie werden auch 2013 überleben. Aus Microsoft-Sicht bringt ein Kauf auch wenig, da Nokia sich ja ohnehin bereits ganz der Entwicklung von Windows Phones verschrieben hat“, meint Milanesi zur futurezone.

Auch bei den Marktforschern von Ovum hat man Nokia noch nicht ganz abgeschrieben und glaubt, dass Microsoft und seine Hardware-Partner bewusst beim Vermarkten von Windows Phone 7 zurückgehalten haben, um nun mit Windows 8 die Stärken plattformübergreifend auszuspielen. Das Lumia 920 schaffe, sich vom Design her von seinem Vorgänger und Konkurrenzprodukten abzuheben und könne sich als Alternative für Android-User erweisen, meint Ovum-Analyst Tony Cripps. Falls es auf dem US-Markt durch den Patentstreit zwischen Apple und Samsung zu einem Engpass von Samsung-Geräten komme, könnte Nokia in den USA zum Nutznießer werden.

Nokia schrammt am PR-Desaster vorbei
Als positiv streichen Marktbeobachter hervor, dass Nokia bei seinem neuen Highend-Modell großen Wert auf eine hochwertige Kamera lege. Das an sich positive Differenzierungsmerkmal drohte allerdings durch einen PR-Lapsus unmittelbar nach der Präsentation auf Nokia

. Denn ein Werbevideo, das die Bild-Stabilisierung des Handys anpries, wurde im Internet als manipuliert entlarvt. Mittlerweile hat sich Nokia für das ursprüngliche Video entschuldigt undzugegeben, dass es nicht mit einem Lumia 920 gefilmt worden war. Ein neues Video soll die Stabilisations-Funktion nun aber auf ehrliche Weise zeigen.

Abzuwarten bleibt zudem, ob die Flut an Windows-8-Geräten auch auf dem Smartphone-Markt für neue positive Impulse für Microsoft und dessen Hardware-Partner sorgen wird. „Ich denke schon, dass die Vielzahl an Windows-8-Tablets positiv auf den Smartphone-Bereich abfärben wird, zumal Microsoft enorm viel Geld in die Hand nimmt, um Windows 8 erfolgreich zu machen“, meint Gartner-Analystin Milanesi.

Die Frage, ob Nokia seine Windows-only-Strategie nicht überdenken und etwa auch Android mit ins Boot holen müsse, beantwortet Milanesi im Gespräch mit der futurezone mit einem eindeutigen „nein“. Aus Sicht der Marke und der Profitabilität könne Nokia von so einem Schritt derzeit nicht profitieren.

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