B2B
02.03.2017

Snapchat: Angst vor dem Twitter-Schicksal

Der Börsengang von Snapchat scheint zum perfekten Zeitpunkt stattzufinden. Doch laut Experten sagt ein gutes Debüt auf der Börse wenig aus.

Es ist eine App, die wohl niemand, der über 40 ist, versteht, aber fast jeder unter 20-Jährige verwendet: Snapchat. Die Foto-App zählt weltweit mehr als 158 Millionen täglich aktive Nutzer, der Großteil davon ist zwischen 18 und 34 Jahren alt. Nun geht der Mutterkonzern von Snapchat an die Börse. Der Social-Media-Konzern Snap soll rund 24 Milliarden US-Dollar wert sein und will beim Börsengang zwischen drei und vier Milliarden US-Dollar an frischem Kapital einnehmen. Damit wäre das der größte Börsengang eines Technologie-Konzerns seit Facebook vor fünf Jahren.

„Von Facebook Lehrgeld bezahlt“

„Der Börsengang kommt vom Timing sehr günstig, da die Märkte zur Zeit ein starkes Hoch verzeichnen“, so Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin bei Bank Austria Private Banking. Dieser Zeitpunkt wurde wohl auch bewusst gewählt, um möglichst Kapital von den Märkten lukrieren zu können. Mit 17 US-Dollar pro Anteil liegt man sogar einen Dollar über dem ursprünglich angepeilten Preisbereich. Der Markt hatte aber mit noch mehr gerechnet. Hier dürfte wohl auch Investmentbank Morgan Stanley, das bereits für den Börsengang von Facebook verantwortlich war, vorsichtiger agieren.

„Die Preisgestaltung bei Facebook war etwas zu aggressiv. Da hat Morgan Stanley wohl etwas Lehrgeld bezahlt“, so Rosen-Philipp. Sie ergänzt aber: „Ein Börsengang sagt nicht viel über den weiteren Erfolg eines Unternehmens aus.“ So sei der Börsengang von Facebook katastrophal verlaufen, das Unternehmen konnte sich aber sehr gut entwickeln. Dem gegenüber steht Twitter, das zwar ein erfolgreiches Börsendebüt hinlegte, später aber aufgrund anhaltender Probleme mit dem Geschäftsmodell abstürzte.

Mehr Verlust als Umsatz

Ebendieses bereitet den Anlegern wohl noch etwas Kopfzerbrechen. Während Facebook rund fünf Dollar pro Nutzer Umsatz generiert, ist es bei Snapchat lediglich ein Dollar pro Nutzer. 2016 wurden 404 Millionen US-Dollar Umsatz verbucht, ein großer Teil davon mittels Werbekampagnen. Das war jedoch zu wenig: Der Nettoverlust betrug 2016 514,6 Millionen US-Dollar. Neben Werbung verkauft Snapchat auch geobasierte Filter. Private Nutzer und Unternehmen können Filter erstellen, die an einem bestimmten Ort kurzfristig angezeigt werden.

So kann man beispielsweise einen persönlichen Filter für eine Party oder einen Event erstellen. Seit einigen Monaten ist man auch im Hardware-Geschäft tätig und verkauft beispielsweise die Augmented-Reality-Sonnenbrille „Spectacles“ für rund 140 Euro. Diese nimmt mit einer Weitwinkellinse kurze Clips aus der Perspektive des Nutzers auf, die anschließend auf Snapchat hochgeladen werden können. Berichten zufolge arbeitet man auch an Kamera-Drohnen und 360-Grad-Kameras. Bereits 2017 will man so eine Milliarde US-Dollar Umsatz generieren.

Vom Sexting zu Augmented Reality

Wie schwer sich Snapchat monetarisieren lässt, merkt man spätestens dann, wenn man es selbst einmal verwendet hat. Die Nutzer können Fotos oder Videos an Freunde verschicken, die sich nach einer Weile „selbst zerstören“. Teenager nutzten das rasch aus, um sich gegenseitig Fotos in anzüglichen Posen zu schicken. Aus diesem Grund hing Snapchat auch lange der Ruf nach, eine sogenannte „Sexting“-App zu sein.

Doch das konnte Snapchat in den vergangenen zwei Jahren abschütteln. Insbesondere die sogenannten „ Augmented Reality“-Filter erwiesen sich als Erfolgsfaktor. Dabei werden reale Aufnahmen mit virtuellen Inhalten kombiniert. So kann sich ein Nutzer beispielsweise virtuelle Hunde- oder Pandamasken über das Gesicht legen lassen, die auf die Mimik reagieren. Öffnet man beispielsweise den Mund, schleckt der Nutzer plötzlich mit einer virtuellen Zunge den Bildschirm ab.

Angriff von Facebook

Die App wurde rasch zur Zuflucht vieler junger Nutzer, die mit Facebook wenig anfangen konnte. Sowohl Facebook als auch Google wollten das Start-up bereits kaufen, scheiterten aber an Snapchat-Gründer Evan Spiegel. Der 26-Jährige will auch nach dem Börsengang Kontrolle über das Unternehmen behalten und wirft daher vorerst nur Anteile ohne Mitspracherecht auf den Markt. Spiegel hat nun aber auch mit zunehmender Konkurrenz zu kämpfen.

Facebook kopierte auf nahezu all seinen Plattformen – Facebook, Messenger, Instagram und auch WhatsApp – das „Stories“-Feature von Snapchat. Dort können Nutzer ihre Fotos und Videos öffentlich teilen, die nach 24 Stunden automatisch wieder verschwinden. Insbesondere die Instagram-Kopie erwies sich als erfolgreich. Demnach hätten viele Influencer von Snapchat auf Instagram gewechselt, weil sie dort mehr Nutzer erreichen können. Ein halbes Jahr nach dem Start verzeichnet Instagram Stories bereits 150 Millionen täglich aktive Nutzer – beinahe so viel wie Snapchat.