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B2B
05/11/2017

Solarworld gibt Konkurrenz aus China Schuld an der Pleite

Die drohende Insolvenz des letzten großen deutschen Solarherstellers Solarworld ist nach Auffassung eines Branchenexperten schlecht für die deutsche Forschungslandschaft.

„Das ist nicht nur ein trauriger Tag für die Belegschaft“, sagte Götz Fischbeck vom Solar-Beratungshaus Smart Solar Consulting. Den deutschen Hochschulen und Fraunhofer-Instituten gehe so auch ein wichtiger Industriepartner verloren. „Sie brauchen solche Unternehmen, die Innovationen aus der Forschung in Massenproduktion umsetzen und so den Fortschritt weitertreiben.“

"Dominanz aus China"

Deutschland habe die Solarindustrie maßgeblich entwickelt - nun herrsche in dieser „Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts“ aber eine „bemerkenswerte Dominanz von China und Taiwan“, sagte der Solarexperte. Zuletzt habe Solarworld noch Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 1,5 Gigawatt produziert, bei rund 80 Gigawatt jährlicher Produktion weltweit. Die Chancen, dass ein deutscher Investor Solarworld übernehmen könnte, schätzte Fischbeck als eher gering ein. „Wahrscheinlicher ist ein asiatisches Unternehmen.“

Die Solarbranche leide nach wie vor unter ihrer starken Zersplitterung, die zehn größten Unternehmen weltweit deckten weniger als die Hälfte des Absatzes ab. Kleinere Marktteilnehmer seien anfälliger gegen Preisschwankungen. Außerdem könnten durch den schnellen technischen Fortschritt spät kommende Unternehmen Know-how zukaufen und so Erfolge erzielen. „Die Pioniere haben in diesem Markt - anders als zum Beispiel in der Halbleiterindustrie - keine Vor-, sondern eher Nachteile.“

Die mit Milliarden-Subventionen zum Aushängeschild der deutschen Energiewende getriebene Solarindustrie verliert mit Solarworld ihren letzten Pionier. Wie viele Wettbewerber vor ihm hat nun auch Firmengründer Frank Asbeck den Gang zum Insolvenzgericht angetreten. „Die Marktverwerfungen und der Preisverfall haben uns überholt“, sagte der Manager am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters.

Er habe keine Chance mehr gesehen, wie geplant 2019 schwarze Zahlen zu schreiben und die Schulden der seit Jahren defizitären Firma zurückzuzahlen. „Meine Aufgabe ist es jetzt, zusammen mit dem Insolvenzverwalter so viele Arbeitsplätze wie möglich zu sichern“, kündigte der einst als „Sonnenkönig“ titulierte Asbeck an.

Insolvenzverfahren

Das Amtsgericht Bonn teilte mit, dass Asbeck am Donnerstagnachmittag den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für Solarworld gestellt habe. Zugleich sei beantragt worden, einen vorläufigen Insolvenzverwalter zu bestellen und einen vorläufigen Gläubigerausschuss einzusetzen. Die Anträge würden nun geprüft.

Solarworld beschäftigt 3.300 Mitarbeiter und betreibt Werke im thüringischen Arnstadt und Freiberg sowie in Hillsboro im US-Staat Oregon. Asbeck lastet die Pleite der vor knapp 20 Jahren gegründeten Solarworld AG einmal mehr der Konkurrenz aus China an. Es habe sich gezeigt, dass ausländische Unternehmen mit Dumpingpreisen ein Monopol ergattern können. „Die Politik muss darauf ein wachsames Auge haben.“


Grund für den Insolvenzantrag ist Überschuldung. Das ist kein Grund für eine Insolvenz, solange der Vorstand und Experten ein Unternehmen noch für sanierungsfähig halten. Doch den Glauben daran hat Asbeck verloren. Im März hatte er sich noch zuversichtlich gegeben, das Ruder mit dem Abbau von 400 Arbeitsplätzen und der Konzentration auf Hochleistungsprodukte herumreißen zu können. Experten waren mit Verweis auf die niedrigen Marktpreise damals schon skeptisch.

Vor vier Jahren hatte die damals mit einer Milliarde Euro verschuldete Solarworld schon einmal am Rande der Insolvenz gestanden. Damals rettete Asbeck den Konzern, indem er sich mit den Gläubigern auf einen Schuldenschnitt verständigte. Für frisches Kapital sorgte ein Investor aus Katar, der zuletzt 29 Prozent hielt. Asbeck gehörten noch 21 Prozent an Solarworld. Am Donnerstag brach die Aktie um 75 Prozent auf 87 Cent ein.

Anfang des Jahrtausends hatten üppige Subventionen der jungen deutschen Solarbranche zu einem Nachfrageboom und Rekordgewinnen verholfen. Auch in der Politik wurden die Firmen als Beispiele deutscher Zukunftstechnologie gepriesen. Doch bald sorgten chinesische Anbieter bei den Branchengrößen Solarworld, Q-Cells, Conergy und Solon für ein jähes Ende der sonnigen Zeiten. „Solarworld hat in den USA und in Europa den Kampf gegen illegales Preisdumping angeführt. Dieses Dumping hat jetzt jedoch nochmals zugenommen“, klagte Asbeck.

Werksschließungen

Der Branchenverband BSW sieht nun die Politik in der Pflicht. „Die Pleite ist bitter für die Branche. Solarworld ist ein Opfer des internationalen Wettbewerbs, aber auch der harten Einschnitte der vergangenen Jahre“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW), Carsten Körnig, zu Reuters. Die Energiewende gehe weiter. Doch dazu müsse die deutsche Bundesregierung die Zügel lockern, bürokratische Hemmnisse und andere Hürden beseitigen. „Wenn die in Paris vereinbarten Klimaschutzziele erreicht werden sollen, müssen in Deutschland die Solar-Ausbauziele deutlich nach oben gesetzt werden“, forderte Körnig.

Von Zöllen zur Abwehr von Billigimporten hält Körnig dagegen nichts. Ganz anders die Branchenvereinigung EU Prosun. Deren Präsident Milan Nitzschke ist auch Solarworld-Sprecher. „Seit nunmehr fünf Jahren beklagen wir in der EU massives Dumping chinesischer Solarhersteller. Über 100 Insolvenzen und Werksschließungen mussten wir in der europäischen Solarindustrie seitdem verzeichnen“, sagte er. „Chinesische Staatsbanken haben inzwischen einen dreistelligen Milliardenbetrag in eine Produktionskapazität gesteckt, mit der das Land alleine den weltweiten Bedarf 1,3 Mal decken kann.“ Das habe weltweit zum Abbau Zehntausender Arbeitsplätze geführt.