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Cloud
05/29/2012

“Wenn Amazon offline geht, gehen wir mit”

Dropbox, Yelp, Foursquare, Twitter oder Netflix: Dutzende große Web-Dienste und unzählige kleine Start-ups, die keine eigenen Rechenzentren betreiben, setzen auf die Cloud-Dienste von Amazon. Rechenkapazität, Online-Speicher, Bandbreite sind schnell gemietet. Doch die Auslagerung so vieler Services und Nutzerdaten an einen einzigen großen Player birgt Risiken, die nur sehr schwer einzuschätzen sind.

von Jakob Steinschaden

Ein Fotoalbum in der Dropbox, ein Check-in bei Foursquare, eine Kurznachricht via TweetDeck (gehört Twitter), eine Restaurant-Kritik auf Yelp oder ein schnelles Facebook-Spiel zwischendurch bei Playfish: Kaum ein Nutzer würde damit rechnen, dass seine Daten auf den Servern von Amazon landen. Denn der Konzern aus Seattle ist mehr als nur der größte Online-Händler der Welt. Ohne seine weltweit geschätzten 450.000 Großrechner würde es das halbe Social Web in seiner derzeitigen Form nicht geben.

Auch viele andere neben den genannten Diensten sind Kunden der Amazon Web Services: Die Zimmer-Plattform AirBnB, Die Film-Datenbank IMDb, der Streaming-Dienst Netflix, der Frage-Antwort-Dienst Quora, daneben Reddit, Hootsuite, Mendeley und viele andere Web-Dienste - ohne Amazons Rechenpower und Speicherplatz würde hier gar nichts laufen, oder zumindest nicht so schnell. Selbst Größen wie Twitter oder Zynga, die heute großteils auf ihren eigenen Großrechnern laufen, kamen zeitweise nicht umhin, ihre Datenbanken bei Amazon unterzumieten.

Server für Schnellstarter
Dass es mit dem Web-2.0-Boom Bedarf für schnell und einfach verfügbare Server-Infrastruktur gibt, hat Jeff Bezos früh erkannt. Seine Firma startete ihre Web-Services (kurz AWS) 2006 - also zu einer Zeit, als von der “Cloud” maximal eingeweihte IT-Experten sprachen, iCloud-Anbieter Apple noch am iPhone bastelte und Drew Houston seine Dropbox noch nicht eingefallen war. Heute ist Amazon Anlaufstelle Nummer Eins bei jenen, die schnell einen neuen Web-Dienst hochziehen wollen.

“Man kann innerhalb von Minuten einen neuen Server hochfahren, das hat früher Tage gedauert”, sagt Gerald Bäck, Gründer des in Wien gestarteten und jetzt in Berlin ansässigen Start-ups Archify, das ebenfalls auf den Web-Services aufbaut.  “Gerade für Start-ups und KMU is das toll, auch weil man keine eigene Hardware mehr anschaffen muss.” Flexibel ist das Ganze auch: Braucht man kurzfristig mehr Rechen-Power (etwa für Testberechnungen), kann man zusätzliche Kapazität anmieten oder stundenweise Server dazunehmen, wenn man mit einem Nutzeransturm rechnet.

Pro Gigabyte zahlt man Amazon maximal neun Cent, je mehr man mietet, desto günstiger wird es. Die Datenübertragung kostet extra (max. neun Cent pro GB), auch hier gibt es Mengenrabatt. In der Praxis heißt das: Kleine Start-ups kommen mit wenigen Hundert Euro pro Monat aus, für eine Million Besucher pro Monat muss man mit Kosten von 1000 bis 2000 Euro rechnen, wie futurezone-Recherchen ergaben. “Es ist natürlich teurer, als würde man eigene Server betreiben”, sagt Bäck. AWS ist mittlerweile ein Milliardengeschäft, wie GigaOm vorrechnet.

Ausfälle und der Lock-in-Effekt
Dass so viele Web-Dienste an Amazon auslagern, ist natürlich nicht unproblematisch. Am 21. April 2011 crashte die Amazon-Cloud in Nordamerika, und mit ihr Foursquare, Reddit, Quora, Hootsuite, SCVNGR, About.me und dutzende andere Seiten, Apps und Services. Auch unzählige Nutzerdaten sind damals auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

“Wenn Amazon offline geht, gehen wir mit”, sagt Bäck. Insofern sei es immer notwendig, doppelt und dreifach Backups durchzuführen. “Innerhalb weniger Tage können wir dann bei einem anderen Anbieter wieder online gehen.” Zumindest theoretisch: Denn besonders attraktiv scheint die Konkurrenz derzeit nicht. Windows Azure kann bei weitem nicht so viele Kunden (darunter T-Systems, Boeing, NASA) wie Amazon anführen - weswegen Microsoft sein Angebot demnächst auch ausbauen will.

Sich Amazon gänzlich auszuliefern, befürchten ebenfalls einige. So rät Bäck etwa von proprietären Datenbanklösungen ab, die Amazon als Teil der Web-Services anbietet. “Wenn man die einsetzt, ist man auf ewig Amazon verpflichtet.”Insgesamt fühlt man sich bei Archify mit Amazon aber am wohlsten - so sicher wie bei dem IT-Riesen wäre das Service wohl nirgendwo sonst.

Ein wenig kritisch sieht man die Angelegenheit auch bei der österreichischen Arbeitgeber-Bewertungs-Plattform Kununu, die offiziell als AWS-Kunde angeführt wird. “Das ist ein zweischneidiges Schwert”, sagt Michael Osl, IT-Verantwortlicher bei Kununu. “Einerseits kann man die Daten jederzeit wieder herausholen, andererseits bezieht man sich immer stärker auf das System, je mehr man damit macht und Prozesse, etwa der API, auf Amazon ausrichtet.”

Polit-Einfluss und vorauseilender Gehorsam
Amazons Cloud ist aber nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern aus politischer Sicht problematisch. Als US-Unternehmen unterliegt Bezos` Konzern dem US-Recht und damit auch dem Patriot Act, der US-Behörden einfach Zugriff auf die Daten auf seinen Servern gibt - auch wenn diese im Ausland stehen. Im Falle AWS ist das Irland. Ob man als europäische Firma auf eine solche Plattform aufbauen will/kann, sollte vor dem Start rechtlich geprüft werden.

Amazon hat sich in der Vergangenheit jedenfalls nicht als eifriger Verteidiger seiner Kunden hervorgetan. Die Whistleblower-Plattform WikiLeaks mietete Ende 2010 Rechenkapazität bei AWS an, um die drohende Last im Zuge der Veröffentlichung der US-Depeschen abfedern zu können. Amazon kündigte damals nach eigenmächtiger Entscheidung den Vertrag mit WikiLeaks, obwohl noch gar nicht erwiesen war, dass Julian Assanges Plattform überhaupt gegen geltendes Recht verstoßen hatte. Drohungen seitens US-Senat sollen Amazon damals zu der voreiligen Entscheidung getrieben haben.

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Die Konkurrenz:

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VM Ware bietet mit seiner "vCloud" ebenfalls Möglichkeit zur Virtualisierung von Servern.