Online-Händler wollen Rücksendekosten abtreten

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Arbeitsbedingungen
02/19/2013

Amazon-Boykott: Was vom Protest übrig bleibt

Die widrigen Arbeitsbedingungen bei Amazon Deutschland ziehen eine Welle des Protests nach sich. Nutzer drohen mit Boykott und Verleger kritisieren Steuerflucht. Doch was wird von der Aufregung langfristig übrig bleiben? Die futurezone hat sich in der Branche und bei Nutzern umgehört.

von Claudia Zettel

"amazon? Nein Danke!" - so nennt sich eine jüngst auf Facebook formierte Protestgruppe, die infolge des

bei dem Onlinehändler in Deutschland gegründet wurde. Die Facebook-Gruppe zählt inzwischen rund 4000 Mitglieder, Tendenz steigend. Gleichzeitig gibt es eineWebseite, auf der man eine Protest-Petition unterzeichnen kann. Sie zählt bereits mehr als 26.900 Unterstützer. Auch auf anderen Social-Media-Kanälen, in Online- ebenso wie in Offline-Medien stößt man dieser Tage auf heftige Kritik an dem internationalen Konzern: Es wird zum Boykott aufgerufen, neben den schlechten Arbeitsbedingungen ist von Steuerflucht die Rede und generellem Schaden für heimische Buchhändler.

Im Zuge des Proteststurms mehren sich fast stündlich die

seitens Wirtschaft, Politik, Interessensvertretern und Branchenbeobachtern. Die Diskussion um den Onlinehändler, die vergangene Woche durch eineARD-Dokumentationausgelöst wurde,  erhält immer neue Facetten und hat sich längst von Deutschland aus auch international ausgeweitet. Man habe es nicht mit einzelnen Vorkommnissen zu tun, Amazon umgehe und unterhöhle systematisch alle Regeln und Gesetze, an die sich alle anderen hielten und die für alle anderen gelten würden, kritisierte etwa Gerhard Ruiss von der IG Autoren am Montag in einemoffenen Brief.

Doch Amazon ist nicht das erste Unternehmen, dass sich einem Skandal stellen und mit Online-Protesten fertig werden muss. Ebensowenig ist es in der Regel mit Boykottaufrufen oder Protestbekundungen getan. Die grundlegende Frage ist, was am Ende von der Aufregung und dem Aufdecken des Skandals übrig bleiben wird, ob sich Kunden tatsächlich "bewusster" verhalten werden und auch, ob die Politik Maßnahmen ergreift.

Amazon unter Druck
"Man merkt schon, dass der Druck aus der Öffentlichkeit etwas bewegt. Immerhin hat Amazon in Deutschland bereits reagiert und sich von bestimmten Firmen getrennt", sagt Petra Hartlieb, Wiener Buchhändlerin und engagierte Amazon-Kritikerin, im Gespräch mit der futurezone.

Generell gibt es laut Hartlieb zwei wesentliche Punkte in der Diskussion. Einmal den Skandal um die Arbeitsbedingungen selbst und auf der anderen Seite, die Debatte, die schon davor im Gang war: Nämlich, ob man bei Amazon überhaupt kaufen sollte bzw. warum das der heimischen Wirtschaft und den Buchhändlern schade.

"Es geht - zumindest aus unserer Sicht - um Bücher und da stimmt das Argument, diese seien bei Amazon billiger, gar nicht", sagt Hartlieb. Das sei oft nur ein weit verbreiteter Irrglaube. Immerhin gelte die Buchpreisbindung, das Problem liege mitunter woanders: Bei der Bequemlichket der Kunden und dem Umstand, dass man bei einem internationalen Konzern wie Amazon alles auf einmal in Maus-Klickweite angeboten bekomme. "Und natürlich hat der Konzern extremen Marketingaufwand betrieben, sodass der Name Amazon heute de facto als Synonym für Internethandel gebraucht wird. Wer online ein Buch kaufen will, denkt dabei automatisch an Amazon", sagt Hartlieb.

Nutzer machen Bestell-Pause
Dass von heute auf morgen niemand mehr bei Amazon einkaufen wird, ist natürlich illusorisch. Online-Protestbewegungen, vor allem, wenn sie sich in Shitstorm-artige Gewänder kleiden, sind meist schnell wieder vergessen oder hallen nur bei ganz wenigen Menschen dauerhaft nach. Auch Hartlieb sieht die Dinge realistisch und glaubt hier nicht an ein Wunder. "Dennoch ist es wichtig, dass jemand etwas sagt. Es bringt auch nichts zu schweigen und sich zu denken, dass es anderswo vielleicht auch noch schlimmer zugeht", meint Hartlieb. Immerhin wisse sie, dass einige Leute aus dem Bekanntenkreis im Zuge des Skandals bereits ihre Amazon-Konten gekündigt hätten.

Wie eine kleine Umfrage der futurezone in sozialen Netzwerken ergab, sieht das auch die Mehrheit der Nutzer eher nüchtern. Dass man niemals wieder etwas bei Amazon bestellen werde, sei unwahrscheinlich, so der Tenor. Aber man werde es sich künftig ganz genau überlegen. Viele wollen zumindest solange nicht mehr bei dem Internethändler einkaufen, bis die Arbeitsbedingungen nachweislich und dauerhaft verbessert wurden.

Auch dass es eben um die eigene Bequemlichkeit gehe, räumen viele Nutzer ein, die sich im Zwiespalt zwischen Empörung und den eigenen Gewohnheiten befinden. Einige wenige sagen auch, sie hätten ohnehin bislang schon kaum oder gar nicht bei Amazon bestellt. Andere wiederum kritisieren die "Doppelmoral" jener, die zum Boykott aufrufen, immerhin seien die Arbeitsbedingungen bei vielen anderen Konzernen in der IT- und Online-Branche ebenso schlecht.

Alternativen
Gegen Onlinehandel ist die Buchändlerin Hartlieb ganz und gar nicht, auch ihr Geschäft bietet die Bestellmöglichkeit im Internet an. "Ich bin überzeugt davon, dass nur jene Buchhandlungen überleben werden, die beides machen: Internethandel und physisches Geschäft vor Ort." Wichtig sei nun, dass die heimische Branche aktiv werde, Kampagnen schalte und den Konsumenten massiv ins Gedächtnis rufe, welche Alternativen es zu Amazon gibt und warum man lieber bei heimischen Händlern kaufen sollte. "Jetzt wäre der beste Zeitpunkt dafür. Sonst haben die Leute das alles bis zum Weihnachtsgeschäft wieder vergessen", sagt Hartlieb.

Tatsächlich sei man bereits aktiv, es gebe diverse Initiativen seitens heimischer Buchhändler, heißt es vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels auf Nachfrage der futurezone. So stehe ganz unabhängig vom jetzigen Amazon-Skandal der diesjährige Jahreskongress des Verbandes unter dem Motto "Buy Local". "Diese Maßnahmen sind schon zuvor entstanden. Wir wollen Bewusstsein dafür schaffen, dass der stationäre Handel wichtig ist. Es gilt, diesen für die Kunden attraktiv zu machen", sagt Ingrid Führer, Sprecherin des Buchhandelsverbandes zur futurezone. Auch Führer betont, dass letztlich aber nur jene überleben werden, die auch online etwas anbieten. "Die anderen werden es sehr sehr schwer haben."

Stellungnahme von Amazon
Amazon nehme die Vorwürfe sehr ernst, sagt eine Sprecherin von Amazon Deutschland, auf Nachfrage der futurezone und verwies auf die allgemeine Stellungnahme des Unternehmens: "Amazon ist verantwortlich dafür, dass alle Beschäftigten unserer Logistikzentren jederzeit sicher sind und mit Respekt und Würde behandelt werden. Es ist uns eindeutig nicht gelungen, die Einhaltung unserer hohen Standards auch durch den Dienstleister, der für Unterbringung, Transport und den Einsatz der Sicherheitskräfte verantwortlich war, zu gewährleisten. Aus diesem Grund beenden wir unsere Zusammenarbeit mit diesem Unternehmen. Den Einsatz des kritisierten Sicherheitsdienstes hatten wir bereits beendet."

Wie und ob man nun konkret jenen aufgebrachten Nutzern entegegentrete, die ihrem Ärger online in sozialen Netzwerken Luft machen, darauf ging die Sprecherin auf Nachfrage der futurezone nicht konkreter ein. Sie verwies jedoch auf eine Webseite, die weiterführende Informationen zu Amazons Logistikzentren und deren Löhnen beinhaltet.

Auswirkungen auf die Marke
Auch wenn wohl davon auszugehen ist, dass sich der Proteststurm gegen Amazon mit der Zeit wieder legen wird, so ist doch erkennbar, dass Fragen über faire Produktionsbedingungen eine immer wichtigere Rolle spielen. Das schlägt sich bei Konzernen wie Apple, deren Zulieferer Foxconn immer wieder in Kritik geriet, genauso nieder wie nun im Zuge des Amazon-Skandals. "In der Öffentlichkeit stehende Unternehmen müssen sich heute mehr denn je über ihr soziales Handeln bewusst sein", sagt Marketingexperte Markus Hübner von der Agentur Brandflow. Für die Marke bedeute dies zukünftig eine noch stärkere Beobachtung. "Das ist gerade im
Zeitalter der starken digitalen Vernetzung eine sehr sensible Angelegenheit. Für erfolgreiche Markenführung wäre es wichtig, zukünftig transparent und verständlich aufzuzeigen , was man warum und in welcher Form unternimmt."

Die Problematik sei vielschichtig, weil vor allem auch "die umgekehrte Thematik" ins Spiel komme, so Hübner weiter. "Konsumenten möchten immer alles schnell und billig verfügbar haben, sie wollen aber die Kehrseite dieser Kostendruck-Medaille nicht wahrhaben." Das zeige sich derzeit auch im Zusammenhang mit dem Pferdefleischskandal in der Lebensmittelindustrie.

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