Digital Life
14.09.2013

Androsch: "Digitalisierung hat Gesellschaft zersplittert"

Der Industrielle Hannes Androsch hat ein neues Buch veröffentlicht. Im futurezone-Interview spricht er über das Werk, Politik und Forschung.

Das Erscheinungsdatum ist nicht zufällig gewählt. Wenige Wochen bevor die Österreicher über ihren neuen Nationalrat abstimmen, hat Hannes Androsch sein neues Buch „Das Ende der Bequemlichkeit“ veröffentlicht. Der Industrielle, ehemaliger Vizekanzler und Finanzminister, Initiator des Bildungsvolksbegehrens und Forschungsrat-Vorsitzender stellt in seinem Werk sieben Thesen zur Zukunft Österreichs auf. Im Interview spricht Androsch über sein Buch, über Politik, Politiker und welchen Aufholbedarf Österreich bei Bildung und Forschung hat.

Österreich hat in den vergangenen Jahren einiges an Reputation eingebüßt, schreiben Sie. In der aktuellen Ausgabe des wichtigsten EU-Innovationsrankings haben wir den neunten Platz inne. 2009 war es noch der sechste Platz. Im Global Innovation Index sind wir auf Platz 23 gelandet und waren 2009 noch auf Rang 15 zu finden. Müssen wir uns um das Land sorgen machen?
Wir haben einen Wohlfahrtsstaat, der ist jedoch mit 34 Prozent der Wirtschaftsleistung an Transferleistungen zu geräumig geworden und seine Treffsicherheit hat deutlich abgenommen, wie etwa das Verhältnis höchster Familienförderung und geringer Geburtenzahl deutlich macht. Unser Sozialsystem ist vielfach ineffizient geworden, aber da man es finanzieren muss, können Investitionen in andere Bereiche nicht oder nur zu wenig getätigt werden. Beispiel Frühpensionen: Vor 30 Jahren hatten wir 50.000 Frühpensionisten, jetzt sind es 650.000. Die Geburten wiederum sind trotz höchster Fördergelder für Familien von 135.000 pro Jahr auf 78.000 zurückgegangen. Und während die Lebenserwartung seit Einführung des ASVG um 20 Jahre gestiegen ist, ist das effektive Pensionsantrittsalter von 61 Jahren Mitte der 70er Jahre auf inzwischen 58 Jahre gesunken. Auch sonst gibt es noch interessantes statistisches Material: Die Wochenarbeitszeit verringerte sich in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg von 48 auf 38 Stunden, der Mindesturlaub erhöhte sich von zwei auf fünf Wochen.

Aber Österreich steht damit nicht alleine da? In anderen EU-Ländern ist es nicht wirklich anders.
Richtig, nicht nur national kommen wir mit dem Wohlfahrtsstaat an die Grenzen bzw. haben sie schon überschritten. In der EU werden 25 Prozent der Weltwirtschaftsleistung generiert, aber 50 Prozent der Sozialausgaben von knapp über sieben Prozent der Weltbevölkerung konsumiert.

So schrecklich diese Zahlen auch klingen, aber diese Sozialleistungen wird man nicht so einfach streichen können. Das würde auch Ihnen als Sozialdemokrat widersprechen.
Zu den Sozialleistungen kommt ja noch der völlig aufgeblähte Verwaltungsapparat. Die Verwaltungsstrukturen sind hypertroph, von Doppelgleisigkeiten und Ineffizienzen geprägt. Der Föderalismus in Österreich mit seinen teuren Vielgleisigkeiten ist völlig überzogen. Polemisch könnte ich sagen: Entweder wir schaffen die Landeshauptleutekonferenz oder die Bundesregierung ab.

Sie fordern ein Ende des Beamtenstaats?
Reformen in vielen Bereichen wie z. B. Bildung, Universitäten oder Pensionen sind überfällig geworden. Wir brauchen wieder eine dynamische Innovationskultur. Mit unterfinanzierten Unis und einer Forschungslandschaft, die das Abwandern von Experten ins Ausland begünstigt, wird man das nicht schaffen.

Sie warnen vor den direktdemokratischen Instrumenten. Widerspricht das nicht ein wenig dem üblicherweise so digital denkenden Hannes Androsch?
Die Initiative für das Transparenzgesetz wurde „von unten“ angestoßen – von den so genannten digitalen Eliten. Die Digitalisierung hat aber dazu geführt, dass die Gesellschaft zersplitterter und diffuser geworden ist und es daher politisch zunehmend schwieriger wird, zielgerichtete Gemeinsamkeiten zu bündeln: Woher kommen wir, wo stehen wir, wo wollen wir hin und was müssen wir tun? Gerade deshalb brauchen wir starke, visionäre Persönlichkeiten.

Wie könnte es der “nächsten Generation” wirklich besser gehen?
Das ist aus heutiger Sicht schwer zu beantworten – ganz abgesehen davon, dass es nicht trivial ist, zu definieren, was „besser“ überhaupt bedeutet. Heißt es, dass die nächste Generation sich noch mehr Produkte kaufen wird können? Oder bedeutet es eher, dass sie aufgrund gesteigerter Produktivitätsraten weniger arbeiten und mehr Freizeit haben wird? Letztendlich geht es aus heutiger Sicht aber nicht um die Frage, ob es der nächsten Generation besser gehen wird, sondern darum, ob Österreich sein derzeitiges Wohlstands- und Wohlfahrtsniveau aufrechterhalten kann sowie Wohlbefinden und Zufriedenheit herrscht. Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, ist zu befürchten, dass nicht einmal das derzeitige Niveau gehalten werden kann.

Wird es nicht allen Ländern so wie Österreich gehen?
Andere Länder haben bereits deutlich früher begonnen, negative Trends zu erkennen und gegenzusteuern, wie etwa die Schweiz, Deutschland, die skandinavischen Länder oder Singapur. Die Schweiz etwa hat es in den letzten Jahren durch gemeinsame Anstrengungen aller Verantwortlichen geschafft, sich zu einem Innovationsland der Spitzenklasse zu entwickeln. Hierzu hat die schweizerische Wirtschaft, die sich von der weltweiten Konjunkturabkühlung nach 2008 überraschend schnell und kräftig erholen konnte, ebenso ihren Teil beigetragen wie die Politik mit ihren Weichenstellungen in den Bereichen Gesundheit, Pensionen, Bildung und Forschung. So verwundert es nicht, dass die Schweiz auch in diversen Rankings zu Lebensstandard, sozialer Situation oder Einkommensverteilung sehr gut abschneidet. Im „Innovation Union Scoreboard 2013“ ist die Schweiz folgerichtig zum wiederholten Mal als innovativstes Land ausgewiesen. Lediglich bei vier der 24 Indikatoren liegt die Schweiz nicht über dem Durchschnitt der EU-27.

Eine Ihrer Thesen lautet „Reformen brauchen weiterhin den Anstoß von oben“. Wer ist in Österreich mit „von oben“ gemeint?
Das Dilemma ist, dass das Risiko, als Reformer abgewählt zu werden in einer Demokratie groß ist, da Reformen oft erst nach zwei, drei Regierungsperioden zum Tragen kommen. Der Staatsgründer Singapurs, Lee Kuan Yew, hat hier etwas Weises gesagt: „Mein Job als Leader ist es sicherzustellen, dass sich vor den nächsten Wahlen so viel entwickelt und eröffnet hat, dass ich die Leute wieder für meine Sache gewinnen kann.“ Regierungen stehen vor der Herausforderung, notwendige Maßnahmen zu setzen und ihre positive Wirkung rechtzeitig zur Entfaltung zu bringen.

Sie loben – wenig überraschend – die Leistungen der SPÖ Österreichs unter Kreisky, Waldbrunner, Streicher etc. Werden Sie hier nicht ein wenig zu subjektiv, verhindert nicht genau Parteipolitik die Entwicklung und somit die Zukunft eines Landes?
Das muss und darf nicht sein. Schweden etwa hatte in den 90er-Jahren umfangreiche Reformen in Angriff genommen, nicht zuletzt um seine Staatsverschuldung zu reduzieren, und war damit erfolgreich. Heute führt Schweden viele Rankings an, damit hat dieses Land eindrucksvoll demonstriert, dass es zur Reform der öffentlichen Finanzierung kein Genie braucht, sondern den politischen Willen und für längere Zeit die Unterstützung der Mehrheit eines Landes. Das Problem liegt sicher nicht darin, zu erkennen, was zu tun ist, sondern es zu tun. Leider gibt es in Österreich Verhinderer, die die erforderlichen Reformen blockieren. Da es auf breiter Basis den Menschen gut geht, ist allerdings das Veränderungsbewusstsein auch gering. Doch wenn der Leidensdruck groß genug ist, wird sich die Vernunft durchsetzen. Das hat in Schweden funktioniert, also muss Österreich es auch schaffen können.

Die Laufbahn

Der ehemalige Finanzminister, Vizekanzler, Generaldirektor der CA Creditanstalt Bankverein und heutige Industrielle ist u.a. Aufsichtsratsvorsitzender des Austrian Institute of Technology (AIT/2007) und der FIMBAG Finanzmarktbeteiligung Aktiengesellschaft des Bundes (2008), des Leiterplattenherstellers AT&S (1995) sowie seit 2010 Vorsitzender des Rates für Forschung und Technologieentwicklung (RFTE). Androsch ist an einigen österreichischen Betrieben beteiligt, wie etwa beim Leiterplattenhersteller AT&S Austria Technologie & Systemtechnik AG, der Österreichische Salinen AG, und beim F.X. Mayr Kurhotel VIVA in Maria Wörth .

7 Thesen

Österreich hat seit 1945 eine unglaubliche Erfolgsstory hingelegt und ist bisher besser durch die Krise gekommen als die meisten anderen Länder. Doch diese Erfolgsstory schreibt sich nicht von selbst fort. Bequemlichkeit, Reformmüdigkeit und mangelnder Leistungswille drohen das Land zurückfallen zu lassen, schreibt Hannes Androsch.

Der frühere Finanzminister belässt es nicht bei der Diagnose des Status Quo. Er beschäftigt sich mit den großen Linien der österreichischen Identitäts-Geschichte und bringt jene Kräfte zum Vorschein, die im Land seit Jahrhunderten bremsend fortwirken: Von der überbordenden Liebe zum Landesfürsten bis hin zum notorisch schwierigen Umgang Österreichs mit seinen herausragendsten Köpfen.

"Das Ende der Bequemlichkeit - 7 Thesen zur Zukunft Österreichs" ist im Brandstätter-Verlag erschienen.

Drei signierte Bücher

Die futurezone verlost drei signierte Exemplare von Hannes Androsch' neuem Buch "Das Ende der Bequemlichkeit - 7 Thesen zur Zukunft Österreichs". Einfach ein Mail mit dem Betreff "Zukunft Österreich" an redaktion@futurezone.at senden. Die Gewinner werden am 23. September per eMail verständigt.