Digital Life
27.08.2015

Androsch: "Wir brauchen ein Mut-Viagra"

IV-Präsident Georg Kapsch und Hannes Androsch kritisieren die Bundesregierung, der es an Visionen und Mut fehle. Von den Bürgern fordern sie einen Veränderungswillen.

„Was braucht dieses Land?“ Die Frage, die der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, zum Auftakt der Technologiegespräche in Alpbach in die Runde warf, beantwortete Kapsch selber: „Wir brauchen endlich eine Aufbruchsstimmung und Menschen in der Führung des Landes, die den Mut haben, etwas zu tun. Das Kollektiv der Bundesregierung hat diesen Mut nicht.“ Der Großindustrielle und Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Hannes Androsch, formulierte es drastischer: „Wir brauchen ein Mut-Viagra. Wir sind von der Überholspur auf die Kriechspur gelangt und in manchen Bereichen stehen wir schon auf dem Pannenstreifen.“ Österreich habe seine Wettbewerbsfähigkeit verloren, und das sei ein Ausdruck der Ungleichheit - übrigens das diesjährige Thema des Forum Alpbach.

Es fehlt eine Vision

„Die Ungleicheit hat viele Gesichter, der größte Punkt in der Ungleichheit liegt in der Bildung“, so Androsch. Für Kapsch fehlt dem Land und ganz Europa eine Vision. Man könne über die 68er-Bewegung denken wie man wolle, aber „das war eine Bewegung, die gesagt hat, wir brauchen etwas grundsätzlich Neues - und das fehlt Europa völlig. Uns ist die Neugierde und der Wille etwas zu bewegen abhanden gekommen, wir sind saturiert und vermeintlich in einem sicheren Hafen“, so der IV-Präsident. Österreich gehe das Geld für die Zukunft aus. Androsch: „Wir produzieren nur noch ein Viertel, das in die Bildungspolitik gesteckt wird, der Rest geht in die Erhaltung des Staates und ins Abdienen der Verpflichtungen aus der Vergangenheit. Wir brauchen schlanken Staat, dann haben wir mehr Ressourcen für die Zukunft.“

Veränderungswille gefragt

„Die Menschen spüren, dass sich etwas verändern muss, die sind ja nicht dumm“, meint Androsch. „Über Jahrzehnte hat man den Menschen erklärt, dass der Staat sei für sie da sei“, ergänzte Kapsch. „Man hat ihnen aber nicht klar gemacht, dass sie selbst der Staat sind und die Dinge in die Hand nehmen müssen. Wir haben die Menschen nie gefordert und gefördert, stattdessen haben wir sie versorgt. Diesen Mind-Set aus einer Bevölkerung wieder rauszubekommen ist nicht einfach“, sagte Kapsch. Der Kern, um den sich alles dreht, seien Arbeitsplätze, um den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Das wiederum erreiche man über die Wirtschaft, insbesondere die Industrie, die der Motor der Wirtschaft sei. Dies sehe auch die Bevölkerung so, verwies Kapsch auf eine entsprechende GfK-Umfrage vom Mai 2015: 83 Prozent der Befragten sagten, dass es mehr Förderung für Forschung und Entwicklung geben müsse. „Das ist doch eindeutig ein Auftrag an die Regierung.“

Forschung ins Land holen

Positiv sei, dass mittlerweile drei Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aufgewendet würden. „Die Frage ist, ob die Verteilung richtig ist“, so Kapsch und sieht einen Aufholbedarf bei der Internationalisierung der Forschung: „Wir müssen Forschung und Akademiker ins Land holen“, so Kapsch. Die Rot-Weiß-Rot-Card habe nicht den gewünschten Erfolg gezeigt, wir schicken Bachelors nach Hause und PhD-Absolventen ebenfalls. Wir vergeuden volkswirtschaftliches Vermögen.“ Und Androsch ergänzte: „In unserem Land herrscht geistige Windstille.“