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Quelle: futurezone.at
Adresse: https://futurezone.at/digital-life/aus-dem-online-verhalten-wird-kreditwuerdigkeit-berechnet/99.486.793
Datum: 12.12.2014, 15:16


Datenschutz Serie

Aus dem Online-Verhalten wird Kreditwürdigkeit berechnet.

Versicherungen und Kreditinstitute versuchen, Risikobewertungen und Bonität anhand von Konsum- und Online-Verhalten abzuschätzen.

Autor: Florian Christof

Risikobewertung mit Risiko
Risikobewertung mit Risiko - Foto: parazit/Fotolia

Informationen über individuelles Online-Verhalten wird für personalisierte Marketingzwecke verwendet, wie Wolfie Christl in seiner Studie "Kommerzielle digitale Überwachung im Alltag" zeigt. Diese Analysen sind allerdings nicht nur auf Werbezwecke beschränkt und werden beispielsweise auch für die Risikobewertung von Versicherungen oder Kreditinstituten verwendet.

Bei Aviva, der fünftgrößten Versicherungsgesellschaft der Welt will man herausgefunden haben, dass sich etwa traditionelle Verfahren zur Gesundheitsuntersuchung auf Basis von Blut- und Urinproben durch eine Prognose aus Marketingdaten zum Konsumverhalten ersetzen lassen könnten. Wie Wolfie Christl in seiner Studie schreibt, konnte von Aviva aus Daten über Konsumverhalten, Lebensstil und Einkommen die Risiken für Krankheiten wie Diabetes, hohem Blutdruck oder Depression abgeschätzt werden. Laut dem Zuständigen bei Aviva seien die Ergebnisse ähnlich gut, wie die aus traditionellen Gesundheitsuntersuchungen.

Online-Verhalten als Bonität

"Alle Daten sind Kreditdaten, wir wissen nur noch nicht, wie wir sie richtig einsetzen", sagt Douglas Merrill, der Gründer von "zest finance" und ehemaliger Chief Information Officer von Google. Wohl nach diesem Motto berechnet sein Unternehmen die Kreditwürdigkeit von Privatpersonen auf Basis von 70.000 verschiedenen Merkmalen aus unterschiedlichsten Quellen. Dafür greift zest finance etwa auf Standortinformationen, Telefonie-Verhalten oder Profilen in sozialen Netzwerken zurück.

Beim Hamburger Unternehmen Kreditech fließen laut Christl über 15.000 Datenpunkte in die Bonitätseinschätzungen ein, darunter Facebook-, Xing- oder LinkedIn-Profil, welches Device die Nutzer verwenden um den Online-Kreditantrag zu stellen oder welche Apps sie auf ihren Endgeräten installiert haben. 

Tastatur-Eingabedynamik

Außerdem wird, wie Christl schreibt, bei der Risikobewertung von Kreditech berücksichtigt, wie lange die Antragsteller für das Ausfüllen des Formulars benötigen oder welche Fehlerquote sie dabei aufweisen. Denn wie eine kanadische Studie festgestellt hat, können allein anhand von Rhythmus und Dynamik beim Tippens auf einer Tastatur Rückschlüsse auf Emotionen gezogen werden. Je nach Fehlerquote, Druckintensität sowie Zeitintervalle zwischen Drücken und Loslassen lassen sich emotionale Zustände errechnen, die mit der Eigenwahrnehmung der Nutzer gut übereinstimmten, so die Studie.

Risikobewertung mit Risiko

Eine Einschätzung von Bonität und Kreditwürdigkeit anhand von derartigen Daten, birgt große Risiken sowohl für den Antragsteller als auch für die Kreditinstitute. Wie Christl in seiner Studie schreibt, seien die Prognosen prinzipiell unscharf, da sie auf Korrelationen und Wahrscheinlichkeiten beruhen. Fehler in den Analysemodellen können dabei massive negative Auswirkungen auf Einzelne haben. Zudem seien die Prognosen hochgradig intransparent und fehleranfällig.

Wer etwa am "falschen" Ort wohnt, die "falschen" Apps installiert hat, beim Ausfüllen des Antragsformulars abgelenkt wurde oder seinen Laptop, Tablet oder PC gemeinsam mit anderen verwendet, dem könnte aufgrund seiner hinterlassenen digitalen Spuren ein Kredit oder eine Versicherung verweigert werden.

Fehlende Transparenz

Im Gespräch mit der futurezone kritisiert Christl, die fehlende Transparenz: "Es wäre mehr als wünschenswert, dass Kunden und Konsumenten eine Einsicht haben, anhand welcher Daten derartige Entscheidungen getroffen werden." Ganz generell wäre es wichtig, wenn über derartige Praktiken von Unternehmen mehr an die Öffentlichkeit gelangen würde, wünscht sich Christl.

"Wenn wir in Zukunft in einer Gesellschaft aufwachen, in der digitale Überwachung omnipräsent ist, dann könnte das einen massiven Einfluss auf unser Leben, Verhalten und unsere Möglichkeiten haben. Wir müssen aufpassen, dass das Informationszeitalter nicht zu einer Art digitalen Technokratie wird", warnt Christl. Gleichzeitig ist er aber davon überzeugt, dass man Informationstechnologie auch anders einsetzen kann.

Datenschutz Serie zum Nachlesen

Teil 1: So durchleuchten Unternehmen unser Verhalten im Web
Teil 2: Aus dem Online-Verhalten wird Kreditwürdigkeit berechnet
Teil 3: Online-Shops: PC-User kommen billiger davon als Mac-Nutzer
Teil 4: Internet of Things: Anreize zur Verhaltensänderung

(futurezone) Erstellt am 04.12.2014, 06:00
Stichworte:   Datenschutz, Privatsphäre, Versicherungen, Kreditwürdigkeit,