Digital Life
30.10.2013

Bahnstrecken sollen Handy- und Internetreif werden

Die ÖBB wollen die Netzversorgung entlang der Hauptverkehrsachsen West- und Südstrecke verbessern, um die Qualität bei Telefonie und Surfen zu erhöhen.

Die mangelnde Mobilfunknetz-Versorgung im Zug ist einer der größten Kritikpunkte in den Kundenbefragungen. Dass Handy-Verbindungen in Zügen abreißen, damit müssen Zugfahrer seit nunmehr zwei Jahrzehnten leben. Seit 1992 wurde die GSM-Telefonie in Österreich möglich, in den 21 Jahren hat sich die Situation für die Kunden zwar verbessert, von einem idealen Zustand ist man aber weit entfernt. Sobald der Zug Stadtgrenzen verlässt, hapert es mit der Netzqualität. In den Anfangszeiten der GSM-Telefonie war dies darauf zurück zu führen, dass der GSM-Standard nicht auf Tempo ausgelegt war – in den ersten GSM-Spezifikationen wurde ein Telefonat bis maximal 130 km/h von einer auf die nächste Funkstation übergeben. War der Zug schneller, schaffte das die Funkzelle nicht mehr.

Scheiben als Problem

Während sich das Handover-Tempo mit der Entwicklung des Mobilfunks nach oben schraubte, blieb ein Problem bestehen, und zwar das der bedampften Scheiben. Viele Waggons sind mit Metall bedampften Fenstern ausgestattet, die den Empfang stören und die Funkwellen nicht ins Wageninnere lassen. Um den Passagieren an Bord Handy-Empfang und Internet an Bord zu ermöglichen, müssen in den Waggons „Repeater“ und Empfangsverstärker eingebaut werden. Die Internetversorgung im Zug kommt so über das Mobilfunknetz in den Zug. Doch Repeater alleine nützen nichts, wenn die Grundversorgung noch nicht ausreichend vorhanden ist. Das soll sich in den kommenden Monaten ändern.

Ausbau

"Wir arbeiten an einer Mobilfunk- und an einer WLAN-Strategie", sagt ÖBB-Holding-Vorstand Franz Seiser. "Damit die Netzabdeckung auf den beiden Hauptverkehrsachsen West- und Südstrecke durchgehend hoch ist, müssen viele zusätzliche Funkstationen errichtet werden. Die Kosten werden aus heutiger Sicht sehr deutlich im zweistelligen Millionenbereich liegen", so Seiser weiter. Fraglich ist, wer diese Kosten übernimmt: Wenn in den Zügen der ÖBB telefoniert und im Internet gesurft werden kann, kann das ein wahrer Umsatztreiber bei den Mobilfunkbetreibern werden, gleichzeitig macht es auch das Produkt "Bahnfahren" attraktiver.

Kostenloses WLAN als Alternative

Schon jetzt bieten die ÖBB in den Railjets kostenloses WLAN an, allerdings müssen Konsumenten auch hier Geduld aufbringen, da die Verbindung immer wieder abreißt. Auf der Westbahnstrecke ist die Versorgung gut - auch weil der Funkempfang im Alpenvorland durch die Topographie nicht so intensiv behindert wird wie auf der oft engen Trasse der Südstrecke. Neben den vier Doppelantennen auf der Zugaußenhüllen werden im Inneren des Railjets 14 Antennen eingesetzt - zwei pro Wagen. Die Nutzung der begrenzten Bandbreite erfolgt über das Fair-Use-Prinzip, die vorhandenen Kapazitäten werden auf die eingeloggten User aufgeteilt.

Konkurrent Westbahn

Die „Westbahn“ bietet seit Ende 2011 ebenfalls kostenloses "WESTlan" an. Im gesamten Zug kann das offene WLAN empfangen werden, es wurden pro Zug 28 WLAN-Router installiert. Westbahn setzt auf ein Multi-Sim-Verfahren von Nokia Siemens Networks (NSN), bei dem die Funksignale aller Mobilfunkbetreiber gebündelt werden. Daher scheint es auch stabiler zu sein, allerdings merkt man als Nutzer nicht sofort, wenn keine Bandbreite mehr verfügbar ist, da die Verbindung zum WLAN-Netz durchgehend aufrecht erhalten wird.

Kostenfrage

Zur Finanzierung des Ausbaus kann sich nach der Mehreinnahme bei der Frequenzauktion – das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) und das Finanzministerium können sich ja, wie berichtet, über etwa 1,5 Milliarden Mehreinnahmen freuen – eine neue Option auftun. Die Kosten könnte das BMVIT übernehmen, weil die Funknetzversorgung entlang der Bahnstrecken dem "Smart-City"-Konzept entsprechen würde: Funktioniert Mobilfunk und Internet entlang der Bahnstrecke, könnten mehr Autofahrer für einen Umstieg auf die Bahn bewogen werden.

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ÖBB wollen "Ticket-Dschungel vereinfachen"

Mit Mitte Dezember tritt ein neuer ÖBB-Fahrplan in Kraft. Dieser bringt insbesondere für Reisende von und nach Tirol mehr Verbindungen und kürzere Fahrzeiten. Wiedereingeführt werden auch zwei Direktzüge zwischen Graz und Linz sowie ein Tagzug Wien - Venedig. Das definitive Aus gibt es hingegen für die direkte Korridorzugverbindung zwischen Lienz und Innsbruck, sagte ÖBB-Chef Christian Kern am Mittwoch.

Aus für drei Hundetickets

Kunden sollten sich auch auf geänderte Ticketpreise einstellen. Allerdings soll es neben Verteuerungen auch Verbilligungen geben. Details wollte Kern nicht nennen, das sei noch "work in progress". Vor allem aber solle der "Ticket-Dschungel vereinfacht" werden. Aktuell gebe es noch 61 unterschiedliche Tickets, diese sollen reduziert werden. So gibt es beispielsweise drei Hundetickets, für den "Schoßhund, den gemeinen Hund und den Diensthund", erklärte Kern. Mittelfristig soll dann die "Preiserhöhung an die Inflation angepasst werden", sagte Kern.

Insgesamt soll der neue Fahrplan zu einem "bemerkenswerten Zeitgewinn für die Kunden" führen, sagte Kern. Im Fernverkehr werden zwei zusätzliche Verbindungen von Klagenfurt nach München sowie eine Business-Verbindung von München nach Wien sowie von Wien nach Salzburg eingeführt. Der Tageszug Wien - Venedig über Villach soll das bestehende Nachtreisezug-Angebot nach Italien ergänzen. "Ich bin gespannt ob sich die verbale Bekennerschaft auch im realen Ticketkauf niederschlägt", sagte Kern. Mit der Fertigstellung des Salzburger Hauptbahnhofs werden neue Umsteigemöglichkeiten geschaffen.

Schneller nach Tirol

Zwischen Graz und Linz verkehren ab Dezember zwei direkte InterCity-Züge, die kürzeste Fahrzeit beträgt damit drei Stunden. Dass diese Verbindung 2010 eingestellt wurde, bezeichnete Kern als "sicher nicht die beste Entscheidung". Tirol profitiert vom neuen Fahrplan besonders, die derzeit verkehrenden InterCity-Züge werden großteils durch Railjets ersetzt. Dadurch verkürzt sich die Fahrzeit von Wien ins Ötztal um 50 Minuten, nach Kufstein und 28 und nach Innsbruck um sieben Minuten. Und ab dem Fahrplanwechsel gibt es zwischen Wien und Innsbruck zwischen 5.30 Uhr und 19.30 Uhr stündlich eine schnelle Verbindung.

Im Nahverkehr führt der neue Fahrplan zu "mehr Haltestellen und Intervallverkürzungen", sagte Kern. So wird im Innviertel das Angebot um 20 Prozent erweitert, Ried wird zum Vollknoten. In Tirol wird die S-Bahn nach Jenbach verlängert, in Vorarlberg das Angebot mit vier neuen Zügen auf der Achse Lindau - Bregenz - Bludenz verdichtet. In Salzburg werden zwei neue S-Bahn-Haltestellen in Betrieb genommen (Salzburg Liefering und Straßwalchen West). In der Ostregion bekommt die S50 einen Halbstundentakt.

"Dort, wo Improvisation und Spontanität gefordert sind, tun wir uns schwer."

Stichwort Qualitätsoffensive der ÖBB: Das Beschwerdemanagement bezeichnete Kern als "eine unserer absoluten Schwächen". Probleme gebe es auch im Störungsfall. "Dort, wo Improvisation und Spontanität gefordert sind, tun wir uns schwer", so der Vorstandschef. Verbesserungen wie die Garantie, dass Anfragen innerhalb von 24 Stunden bearbeitet oder Fahrgeldrückforderungen innerhalb von 15 Tagen überwiesen werden, sollen hier Abhilfe schaffen. Mehr Personal soll die Kundenzufriedenheit im Störungsfallmanagement erhöhen, das Berufsbild eines "Bahnhofsverantwortlichen" kreiert werden.

Insgesamt nehmen die ÖBB in den kommenden Monaten für Verbesserungen 35 Millionen Euro in die Hand, erklärte Kern. Das auch für Banalitäten wie "Duftbäume in den Toiletten", so der Bahn-Chef.

S-Klasse statt Holzklasse

Im Nah- und Regionalverkehr werde die ÖBB entgegen dem internationalen Trend "zu eher spartanischer Ausstattung“ auf Qualität setzen, stellte ÖBB-Vorstandschef Christian Kern Anfang September die neuen Garnituren des cityjet vor, der ab 2015 in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark eingesetzt werden soll. Kern versprach „S-Klasse statt Holz-Klasse auf die Schienen zu bringen.“ Punkto Komfort sei der cityjet mit dem railjet (der auf Langstrecken zum Einsatz kommt) "auf Augenhöhe". Bereits im Jänner wurden 100 "Desiro ML"-Züge bei Siemens bestellt.

Bilder vom neuen cityjet

ÖBB erhalten neuen Cityjet

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Cityjet

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Die neuen Garnituren erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h . Innen werden die Waggons farblich in vier Zonen gegliedert sein: In Komfort-, Arbeits-, Service- und Ruhe-Zonen. In Letzteren werden Handys verboten. Verbaut sind verstellbare Sitze mit ergonomischen Kopfstützen und Armlehnen, Leselampen, Steckdosen, ausklappbare Tischerl.

Ende 2013 gehen die Züge in Produktion, 2015 sollen sie in Betrieb genommen werden. 30 davon ersetzen in und um Wien sukzessive die blau-weißen S-Bahn-Garnituren, 70 sind für den Regionalverkehr in NÖ, OÖ und der Steiermark vorgesehen.