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Durchleuchtet Big Data entscheidet über die Kreditwürdigkeit.

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Soziale Netzwerke, Einkaufsverhalten oder Telekommunikationsverkehrsdaten – weltweit setzen Startups im Zahlungsdienstleistungsbereich bei der Bonitätsprüfung zunehmend auf Big Data, auf das penible Auswerten verschiedenster Daten-quellen.

Als die deutsche Kreditauskunft Schufa das Forschungsprojekt mit dem privaten Hasso-Plattner-Institut ein gemeinsames Forschungsprojekt plante, war ihr wohl kaum bewusst, dass sie in Deutschland damit einen öffentlichen Aufschrei provozieren würde. Sie wollte überprüfen lassen, ob sich nützliche Informationen aus dem Internet gewinnen lassen. Eine Verknüpfung mit der Bonitätsprüfung mit den Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook war nicht geplant.

Im internationalen Vergleich lag die Schufa mit ihrem Vorhaben durchaus im Trend: Schon im vergangenen Jahr berichtete der „Economist" über Start-Ups im Finanzdienstleistungsbereich, die für die Kreditwürdigkeit Daten in einem Maße auswerten, das die üblichen Prüfverfahren weit übersteigt.

Sicherheit durch Datacrunching
Der schwedische Anbieter für Zahlungslösungen Klarna  setzt bei der Bonitätsprüfung erfolgreich auf Datacrunching. Klarna bietet Betreibern von Online-Shop-Portalen an, Kunden Ware gegen Rechnung zu liefern. Die Kunden müssen lediglich Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum eingeben. Die Ware muss erst nach Lieferung bezahlt werden. Dabei kann der Kunde den Betrag in eine beliebige Anzahl von Raten in einem Zeitraum von 24 Monaten aufteilen. Für die Portale ist das ein attraktiver Dienst, weil die Rechnungsstellung einerseits als relativ riskant gilt, andererseits bei den Kunden Vertrauen schafft und von ihnen stark nachgefragt wird. Klarna hat mit dem Rezept Erfolg: Es expandierte seit seiner Gründung 2005 bereits nach Norwegen, Dänemark und Finnland sowie Deutschland und den Niederlanden.

Klarna sichert sich dabei mit relativ wenigen Datenquellen ab: Mit den vom Kunden angegebenen Daten und der IP-Nummer, unter der sie sich ins Internet eingeloggt haben. Zudem nutzt Klarna die Daten von Wirtschaftsauskunfteien. Das Besondere von Klarnas Risiko-Minimierungsmethode besteht darin, das Bestellverhalten neuer Kunden mit dem alter Kunden zu vergleichen. Bei rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr stehen dafür viele interne Daten zur Verfügung. Insgesamt wendet Klarna für die Auswertung aller Daten dann mehrere hundert Variablen an, um die Daten auf Konsistenz und auf Betrugsmuster zu überprüfen.  Ein typisches Verhaltensmuster ist laut Ohad Samet, der bei Klarna für das Risikomanagement zuständig ist, zum Beispiel folgendes: Die Betrüger verhalten sich anfangs vorsichtig und geschickt. Sie fangen mit einem Kauf mit niedrigem Betrag an und schließen dann viele Einkäufe mit hohen Beträgen in sehr kurzer Zeit ab. Ein weiterer Hinweis sind erfundene Details.

Daten aus sozialen Netzwerken nutzen?
Samet zeigt sich mit seiner Datenbasis zufrieden: „Wir glauben, dass die Daten, die wir haben, ausreichen." Auf Daten aus sozialen Netzwerken verzichtet Klarna übrigens bewusst. Samet: „Wir wollen nicht zu viel wissen. Die Leute wollen einkaufen. Wenn sie zu viele Daten preis geben müssen, fühlen sie sich nicht mehr gut behandelt." Der Erfolg von Klarna lässt sich sehen: Verluste aufgrund von Betrug betragen weniger als 1 Prozent des Umsatzes. In Schweden, wo Klarna viele Stammkunden hat, werden etwa 6 Prozent aller Kaufgesuche auf Rechnung abgelehnt. In Deutschland, wo Klarna viele neue Kunden hat, ist diese Zahl etwa doppelt so hoch.

Weniger auskunftsfreudig zeigen sich hingegen Vermittler von Kleinkrediten. Der Trend kommt aus Großbritannien: Dort stellen Firmen wie Wonga, Payday Express oder Quick Quid das Geld ihren Kunden schon rund zehn Minuten nach Antragstellung zur Verfügung. Die schnelle Kreditvergabe ist möglich, weil Wonga Daten aus sehr vielen unterschiedlichen Quellen auswertet, laut Economist auch aus Sozialen Netzwerken. Die so genannten „Payday Lender" wenden sich an Haushalte, die vor der monatlichen Gehaltszahlung etwas klamm in der Kasse sind und nur wenige hundert Pfund brauchen. So schnell das Geld zur Verfügung steht, so teuer ist es auch. Der effektive Jahreszinssatz kann durchaus bei über 4000 Prozent liegen.

Wonga macht Schule
Auch in Deutschland gibt es bereits zwei Anbieter, die sich am Vorbild Wonga orientieren. Das vor drei Monaten gegründete Hamburger Start-Up Kredito  und das im vergangenen Jahr an den Start gegangene Berliner Unternehmen VexCash vergeben online Mikrokredite mit kurzer Laufzeit. Kredito hat dafür selbst ein Verfahren entwickelt, das Auskunft über die Bonität gibt. Kredito-Gründer Alexander Graubner-Müller sagt: „Zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit können bis zu 7000 Datenpunkte einem Antrag zugeordnet werden." Dazu gehörten zunächst die vom Antragsteller eingegebenen Daten, zu denen auch Auskünfte über Arbeitgeber und Einkommen zählen. Die Adresse wird mit dem amtlichem Melderegister abgeglichen, ebenso die Angaben über das zu nutzende Bankkonto. Außerdem werden Schuldnerregister abgefragt. Zudem fließen Metadaten wie die IP-Adresse ein, um diese dem Wohnort zuzuordnen. Aus dem Wohnort wiederum können die durchschnittlichen Lebenskosten abgeleitet werden. Die Daten aus sozialen Netzwerken werten beide noch nicht aus.

Umstritten sind Kredito und VexCash derzeit, weil sie mit sehr günstigen Jahreszinsen werben, aber für das obligatorische Bonitätszertifikat eine relativ hohe Gebühr verlangen – Kredito für rund 50 Euro, VexCash für 25 Euro. Verbraucherschützer rechnen diese Gebühren in den effektiven Jahreszinssatz hinein. Edda Castelló von der Hamburger Verbraucherzentrale sagte der Hamburger Morgenpost: „Wenn man für 30 Tage schon 50 Euro zahlen muss, sind das deutlich mehr als 10 Prozent." Daraus ergäben sich Kredite mit einem effektiven Jahreszinssatz im dreistelligen Bereich, die als „Wucherkredite" einzustufen seien.

Kredito-Geschäftsführer Graubner-Müller hingegen weist darauf hin, dass sich das 30 Tage lang gültige Bonitätszertifikat von Kredito nicht nur für den Kredit verwendet werden kann, sondern dass auch attraktive Rabatt-Angebote bei einer Reihe von Partner genutzt werden können. Außerdem gebe es auch ein „kleines Bonitätszertifikat" für rund 30 Euro für Kredite bis 200 Euro. Zurzeit überprüft die deutsche Finanzaufsicht Bafin, ob beide Firmen unerlaubte Kreditgeschäfte betreiben. Kredito-Geschäftsführer Graubner-Müller betonte, dass man sich „im Dialog mit der Finanzaufsicht" befinde. VexCash reagierte auf mehrfache Anfragen bis Redaktionsschluss nicht.

Telekommunikationsverkehrsdaten verraten Bonität
Es gibt noch ganz andere Ansätze, aus alternativen Datenpools Hinweise auf die Bonität durch intensives Datamining zu ziehen. Das amerikanische Unternehmen Cignifi wertet hierfür gezielt die Nutzungsdaten von Handy-Besitzern aus, um auch den Menschen Kleinkredite anbieten zu können, die noch nicht einmal über ein Bankkonto verfügen. Bislang wurde die Technik erst in einem Pilotprojekt in Brasilien getestet.

Cignifi setzt bewusst auf Kunden in Brasilien, China, Indien und den Philippinen, die Zugang zu Kreditkartendiensten, Darlehen oder Versicherungen haben wollen. Ausgewertet wird die Länge eines Anrufs, der Zeitpunkt und der Ort. Ebenso spielt eine Rolle, ob man eine Prepaid-Karte regelmäßig auflädt. Stabile Nutzungsmuster lassen zuverlässige Kredit-Rückzahlungen erwarten.

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(futurezone/Christiane Schulzki-Haddouti) Erstellt am 21.06.2012, 06:00

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