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Erziehung
08/10/2012

Brief an Ungeborenen wird zum Internet-Hit

Einen Liebesbrief gegen Engstirnigkeit und Schwulenhass hat der Kolumnist John Kinnear an seinen ungeborenen Sohn verfasst. Jetzt wird er als Held der Web-Community gefeiert.

von Nicole Kolisch

Der Brief, den "RedBarc", User der Internet-Plattform Reddit, am Dienstag veröffentlichte, ging um die Welt: "So klingt Hass" schrieb RedBarc und legte die Zeilen vor, mit denen sein Vater ihm jeglichen Kontakt zur Familie untersagte. Was geschehen war? Der junge Mann hatte sich am Vorabend geoutet...

"Klar", meinte Blogger John Kinnear, "Vorurteile auf Grund von sexueller Orientierung überraschen im Süden der USA nicht wirklich. Das ist in Utah Alltag." Auch seine Freunde aus der LBGT-Community [US-Sammelbegriff für lesbisch, schwul, bi- und transsexuell, Anm.] hätten das alle in der Highschool erlebt, so Kinnear. "Aber dieser Brief hat mir das Herz gebrochen, weil ich selber gerade Vater werde." Seine Reaktion war eine unmittelbare. Noch am selben Abend verfasste er einen eigenen Brief an seinen Sohn. "Er ist noch im Bauch seiner Mutter, daher kennen wir seine sexuelle Orientierung nicht, aber ich musste ständig denken: Was wäre, wenn..."

"Hypothetisch schwul"

Es kam wie es kommen musste; auch Kinnears Brief wurde über Nacht zum Online-Phänomen. Der österreichische Autor Harald Havas hat ihn für den KURIER übersetzt und wir stellen ihn hier erstmals auf Deutsch zur Verfügung.

„Mein lieber hypothetisch schwuler Sohn,

Du bist schwul. Ganz offensichtlich weißt du das bereits, denn Du hast es uns gestern beim Abendessen mitgeteilt. Ich entschuldige mich für die peinliche Stille danach, aber ich habe gerade gekaut. Es war so, als wären wir gerade in einem Restaurant und der Kellner kommt gleich nachdem ich zugebissen habe und fragt mich wie es mir schmeckt. Nur dass du in dieser Metapher der Kellner bist und statt mich nach meinem Essen zu fragen, sagst du, dass du schwul bist. Ich weiß nicht genau, wieso ich dir das jetzt erklären wollte. Ich glaube, ich brauchte eine witzige Art, die Tatsache zu wiederholen, dass du schwul bist... denn so klingt das gerade in meinem Kopf: "Mein Sohn ist schwul. Mein Sohn ist schwul. Min Sohn ist schwul."

Lass mich eines klarstellen: ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben. Nachdem schwul zu sein ein Teil von dem ist, was du bist, liebe ich eben auch, dass du schwul bist. Ich versuche nur gerade in meinem Kopf damit klar zu kommen. Wenn du in meiner Stille gestern Abend so etwas wie Traurigkeit gespürt hast, dann deswegen, weil ich so überrascht war, dass ich überrascht war. Im Idealfall hätte ich es nämlich bereits gewusst. Denn schon seitdem du ein Embryo warst, war meine Absicht dich immer als den zu sehen, der du bist, und nicht als den, der ich von dir zu sein erwarte. Und doch wurde ich gestern beim Abendessen überrascht. Habe ich in diesem Absatz oft genug „überrascht" gesagt? Also noch einmal: überrascht!

Gut. Lass uns ein paar Dinge klarstellen, wie das laufen wird.

"Es gibt Regeln"

Unser Zuhause ist ein Ort der Sicherheit und der Liebe. Die Welt hat dir ein schwieriges Blatt ausgeteilt. Obwohl LGBT-orientierte Menschen immer mehr akzeptiert werden, ist es noch immer schwierig diesem Weg zu folgen. Du wirst Hass erleben in der Welt, und Wut, und Missverständnisse darüber, wer du bist. Das wird dir hier nicht passieren. Du sollst mit jeder Faser von dir wissen, dass, wenn du durch die Eingangstür deines Zuhauses kommst, du sicher und geliebt bist. Deine Mutter stimmt mit mir in diesem Punkt absolut überein.

Ich bin weiterhin, wie schon immer, dein größter Verteidiger. Nur weil du schwul bist, bedeutet das natürlich nicht, dass du in irgendeiner Weise weniger in der Lage wärst, für dich zu sorgen oder dich selbst zu verteidigen. Das vorausgeschickt, wenn du mich brauchst, um neben dir zu stehen, oder vor dir zu stehen, Briefe zu schreiben, Petitionen zu unterschreiben, für dich einzutreten oder irgendetwas anderes, ich bin für dich da. Ich würde für dich in den Krieg ziehen.

Wenn du Jungs bei dir zu Besuch hast, musst du allerdings ab jetzt deine Zimmertür offen lassen. Tut mir leid, Junge. Das ist die Grenze. Ich durfte in meinem Zimmer keine Mädchen bei geschlossener Tür zu Besuch haben, also gilt dasselbe für dich und Jungs. Du und ich werden auch eine Neuauflage unseres Gesprächs zum Thema sicherer Sex haben. Ich weiß, das wird ziemlich peinlich für uns beide werden, aber es ist wichtig. Allerdings muss ich dazu erst ein wenig recherchieren, also gib mir ein paar Wochen Zeit. Wenn du schon davor Fragen oder Befürchtungen hast, lass es mich wissen.

Genug jetzt. Du darfst diesen Brief gerne als Vertrag ansehen. Sollte ich je eine der Zusagen, die ich hier gemacht habe, nicht einhalten, hol ihn raus und weise mich darauf hin. Lass mich folgendermaßen enden: Du bist nicht defekt. Du bist ganz und schön. Du bist kompetent und mitfühlend. Du und deine Schwester sind das Beste, das mir jemals in meinem Leben passiert ist und ich könnte gar nicht stolzer auf die Menschen sein, die ihr geworden seid.

In Liebe

Papa

PS: Dank einiger Grundsatzentscheidungen des Höchstgerichts und dem Heiratsgleichheitsgesetz aus dem Jahr 2020 darfst du legal heiraten. Als ich so alt war wie du, war das nicht mehr als eine Idee. Cool, was?"

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