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Forum Alpbach
08/17/2012

Das Internet erzieht die Kinder

Das Internet und die digitale Welt prägen die Entwicklung von Kindern, ob es Eltern gefällt oder nicht. Die Auswirkungen sind jedoch völlig unbekannt, meinte Neuropsychologe Thomas Elbert im Rahmen seines Vortrags am Freitag in Alpbach.

"Wir erleben eine Revolution", ist Neuropsychologe Elbert überzeugt, seines Zeichens Professor für klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz. In seinem Alpbacher Vortrag "Tablet-Computer statt Vater und Mutter: Gefahren und Chancen für die Entwicklung unserer IT-Kinder" veranschaulicht er diese Ansicht mit einem Video eines Babys, das die ersten Worte sprechen lernt und dabei auf Computer-Icons tapst.

30 Prozent Kinder-Gamer
Das Internet ist bereits komplett in die physiologische Entwicklung der Kinder integriert. 30 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen nutzen Kinderspiele auf dem Computer. Das führt bei 80 Prozent der 15- bis 18-Jährigen nahtlos zum täglichen Internet-Gebrauch. Auch die ersten sexuellen Kontakte werden heute praktisch ausschließlich über das Web geknüpft. Für besorgte Eltern heiße das: Verteufeln helfe nicht, denn es führe kein Weg zurück. Verstehen und das schnell, laute vielmehr die Devise."Derzeit wissen wir überhaupt nicht, was diese Revolution künftig bringen wird. Gefahren? Chancen? Die Erkenntnisse der Vergangenheit nutzen uns da gar nicht", sagt Elbert. Jedenfalls: "Das menschliche Gehirn ist plastisch, und wir haben uns immer angepasst."

8,8 Stunden Fernsehen
Zweijährige sind heute im Schnitt 8,8 Stunden TV-Konsum pro Woche ausgesetzt, bei Vierjährigen sind es 14,8 Stunden. Und es gibt einen direkten Zusammenhang mit der Zunahme des Bauchumfangs, haben Studien ergeben. Fernsehen verändert also nicht so sehr das Gehirn, sondern eher den Bauchumfang. Computer hingegen sind durch ihre Interaktionsfähigkeit anders, ist Elbert überzeugt: "Sie sind so konstruiert, dass Kinder dranbleiben."

Das habe auch gute Seiten, sagt der Neuropsychologe: "Kinder können schon mit eineinhalb Jahren trainiert werden – zum Beispiel wenn sie an Sprachstörungen leiden. Die geeigneten Computerprogramme verbessern sogar den IQ." Die zentrale Frage laute also: Wie viel Computer, Handy, Internet, IT-Spiel, Facebook etc. ist gut für mein Kind?

"Soll ich ihm früh Medienkompetenz antrainieren oder ist das alles eine Sache des Teufels?" Elbert ist überzeugt, dass "die Wahrheit wie immer im Leben irgendwo in der Mitte liegt. Es ist notwendig, dass sich Kinder mit der aktuellen Welt auseinandersetzen und nicht mit Pferdekutschen, so romantisch ich die finde."

Wissenschaft Fehlanzeige
Harte, wissenschaftliche Daten fehlen allerdings, sagt Elbert: Zwar gäbe es Studien, die belegen, dass Kinder, die mehr Zeit am Computer verbringen, schlechtere Schulleistungen haben. "Schaut man sich diese Untersuchungen aber näher an, sieht man, dass das nicht über alle Schichten hinweg stimmt." Eines dürfe man ebenfalls nie vergessen: "Kinder sind Nachahmungsmaschinen. Sitzt der 30-jährige Vater ständig vor dem Computer, sodass es kein Familienleben mehr gibt, kann man dem Kind schwer beibringen: ,Aber du darfst das nicht!""

Elberts Empfehlung an Eltern lautet: "Werden Sie Teil des Computerspiels und machen Sie mit, versuchen Sie, zu verstehen. Und kontrollieren Sie die Dauer der Nutzung. Wer Vorschulkinder im Haus hat, sollte das Ding wegsperren!" Und sein Fazit, das eindeutig keines ist: "Wir machen gerade ein großes, gesellschaftliches Experiment, weil uns die Technik überholt hat."