© Quintessenz

Interview
10/15/2010

Der Überwacher der Überwacher

Seit elf Jahren vergibt der Verein Quintessenz am 25. Oktober den BigBrotherAward an jene "Personen, Institutionen, Behörden und Firmen, die sich im Feld der Überwachung, Kontrolle und Bevormundung ganz besonders verdient gemacht haben." Die Futurezone sprach mit Georg Markus Kainz, dem Chef von Quintessenz über den BigBrotherAward, Facebook und das Datenschutz-Bewusstsein der Bürger.

//FUTUREZONE: Warum sind Sie nicht auf Facebook vertreten?//

GEORG MARKUS KAINZ: Ich habe nicht die Zeit für oberflächliches Geplänkel. Wer im Wohnzimmer sitzt, Facebook benutzt und glaubt, die Anonymität des Wohnzimmers zu haben, irrt. Man sitzt am Hauptplatz und jeder, der vorbeikommt, hört mit.

// FUTUREZONE: Ist Datenschutz und Privatsphäre den meisten Bürgern nicht egal, wenn man sich ihr Verhalten in den sozialen Netzwerken näher anschaut?//

GEORG MARKUS KAINZ: Es ist ihnen nicht egal, aber sie spüren es nicht. Weil sie ja glauben, im Wohnzimmer zu sitzen. Das Bewusstsein ist da, aber das Gespür fehlt. Mit Datenschutz verhält es sich so wie mit Autofahren - jeder weiß, dass es gefährlich ist und denkt, mir passiert eh nichts.

//FUTUREZONE: Zum 12. Mal werden am 25. Oktober die Big Brother Awards vergeben. Wenn man 2010 und 1999 vergleicht - was hat sich geändert, hat man etwas bewegen können?//

GEORG MARKUS KAINZ: Es gibt einige Fälle, die abgestellt worden sind, aber leider kommen die Themen immer wieder, was die Arbeit ein wenig frustrierend macht. Es gibt Institutionen und Organisationen, die den Datenschutz mit Füßen treten.

//FUTUREZONE: Ist es leichter oder schwerer Kandidaten für den BBA zu finden?//

GEORG MARKUS KAINZ: Es ist leichter geworden, da an viel mehr Stellen Datenschutz-Verletzung stattfindet. Das Herausfiltern ist aber schwieriger geworden. So gibt es etwa tausende ungenehmigte Video-Installationen - jeden einzelnen vor den Kadi zu zerren, würde keinen Sinn machen. Wir wollen Öffentlichkeit erzielen und wollen pro Kategorie vier Kandidaten - und das geht sich locker aus. Leider.

//FUTUREZONE: Bringt es was, den BBA zu vergeben? Es wird ja, wie sie selbst zugegeben haben, nichts besser?//

GEORG MARKUS KAINZ: Es bringt sehr sehr viel. Ich vergleich das mit der Grünbewegung in den 70er Jahren, die auch eine Veränderung des Konsumverhaltens gebracht hat. Vor zehn Jahren hat niemand gedacht, dass ein Handy punkto Datenschutz gefährlich sein kann und heute ist Handy-Ortung alltäglich. Der BigBrotherAward bringt dort was, wo jemand, der öffentlich tätig ist, konkret angesprochen wird, wie es in der Politik der Fall ist. Da werden Missstände sofort abgestellt. Bei Datenhändlern bringt der BigBrotherAward nichts, die machen weiter wie bisher.

//FUTUREZONE: Die Verleihung der BBA fand früher im Flex statt, neuerdings im Rabenhof. Warum sind Sie mit der Veranstaltung übersiedelt?//

GEORG MARKUS KAINZ: Das war eine Zielgruppen-Frage. Im Flex war man auf Jugendliche beschränkt, es war spaßig und lustig. Unser Ziel war und ist, breitere Kreise anzusprechen und das Rabenhof-Theater ist das angesagteste neu aufgebaute Theater in Wien. Wir wollten nicht jünger, sondern reifer werden.

//FUTUREZONE: Wenn Sie die vergangenen zwölf Jahren Revue passieren lassen, wer würde den BBA des Jahrzehnts erhalten?//

GEORG MARKUS KAINZ: National, ganz klar, der amtierende Innenminister, die sind Wiederholungstäter. Man bedenke etwa die Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung. In Deutschland ist sie seit zehn Monaten in Kraft; die Verbrechensrate ist nicht zurückgegangen und die Aufklärungsrate nicht nach oben.

//FUTUREZONE: Und Ihr internationaler BBA-Favorit?//

GEORG MARKUS KAINZ: Wahrscheinlich Google, weil der Konzern eine große Gefahr geworden ist.

//FUTUREZONE: Von wem geht größere Gefahr aus - Staat oder Privatwirtschaft? Bei Orwell war es ja der Staat?//

GEORG MARKUS KAINZ: Private und Firmen wie etwa Google, haben mehr Daten als der Staat. Und der kann auf die Daten zugreifen, wenn er will. Beispiel Patriot-Act in den USA. Die Privaten sammeln praktisch Daten auf Vorrat und der Staat kann auf diese zugreifen oder sie zusammenführen.

//FUTUREZONE: Was sind die Themen 2010? Auch Pressefreiheit? Immerhin schreiben Sie auf der Webseite: "Big Brother ist Bevormundung an sich. Zum Beispiel durch Personen aus Politik und Industrie, die etwa Journalisten sagen wollen, was diese zu bringen oder gut zu finden haben und was nicht."//

GEORG MARKUS KAINZ: Natürlich ist die Pressefreiheit ein wichtiges Thema, denn Zensur-Bestrebungen und Medienkontrolle müssen im Ansatz erstickt werden. Ich war vor 5 Monaten in Oxford, und Großbritannien ist ja ein Musterland der Überwachung. Da erzählte man mir von BBC-Journalisten, die von einer Demo berichten wollen. Die wurden auf dem Weg dorthin via Kameraüberwachung aufgespürt, auf der Autobahn aufgehalten und festgehalten, bis die Demo vorbei war. Daher ist jede Art von Pressekontrolle strikt abzulehnen.

//FUTUREZONE: Ein weit verbreiteter Satz in der Bevölkerung ist auch: Ich bin brav, ich habe nichts zu verbergen.//

GEORG MARKUS KAINZ: Das Problem dieses Satzes: Wenn man nichts zu verbergen hat, gibt es bald jemanden, der einem sagt, was erlaubt ist und was nicht. Ich will kein Normverhalten. Wenn ich mit meinen Nordic Walking-Stecken und Rucksack durch die Stadt marschiere und bei der TU vorbeikomme, schauen die Leute auch blöd. Aber mir und meinem Rücken tut es gut. Ich will nicht, dass mir der Nachbar vorschreibt, was ich zu tun und zu denken habe. In Österreich haben ohnehin 50 Prozent der Bürger Angst, in der Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen.

//FUTUREZONE: Auf der Webseite der BigBrother-Awards habe ich den Satz gefunden: "Die Sicherung der Privatsphäre wird im Zeitalter der globalen Kommunikation zur wesentlichen demokratischen Herausforderung" - kümmert Privatsphäre und Datenschutz irgendjemanden?//

GEORG MARKUS KAINZ: Die Menschen haben sich an Datenschutzverletzungen sehr gewöhnt, stimmt. Aber dennoch halten 80 Prozent der Bürger Datenschutz für wichtig. Gleichzeitig denkt aber keiner daran, dass er selber darauf Einfluss nehmen kann. Das ist ein Missverhältnis, denn es liegt in der eigenen Verantwortung.

//FUTUREZONE: Jeder rüstet für den Cyberwar. Bedeutet das nicht, dass die Überwachung in Zukunft noch raffinierter wird und man sie nicht mehr nachweisen kann?//

GEORG MARKUS KAINZ: Mit Ende des Kalten Krieges wurde das Geld neu verteilt, wurden neue Ziele gesucht. Es wird im Hintergrund schon längst ein Cyberwar geführt, bei dem sich eine Nation durch Spionage einen Wirtschaftsvorteil zu verschaffen versucht. Warum sind in Internet-Routern von US-Herstellern Schnittstellen, also Backdoor-Möglichkeiten eingebaut, damit Behörden und Geheimdienste bei Bedarf schnüffeln können? In allen großen Anlagen gibt es solche Backdoor-Systeme.

//FUTUREZONE: Wie schaut die Welt in zehn Jahren aus? Wie wird die Welt in zehn Jahren überwacht?//

GEORG MARKUS KAINZ: Schwer zu sagen, aber der BigBrotherAward wird noch wichtiger sein als heute. Das Datenschutzbewusstsein wird steigen, wird sogar massiv steigen - weil immer öfter etwas passieren und die Wahrscheinlichkeit selbst Opfer zu werden, steigen wird.