Digital Life
18.05.2012

Facebook: "Geschäftsmodell Unterwäsche"

Das Online-Netzwerk wird mit mehr als 100 Milliarden Dollar bewertet. Die Welt steht im Banne des Hypes um den Facebook-Börsegang. Und übersieht, dass sie sich von der Plattform längst in das Korsett einer Maschinenlogik zwingen hat lassen, sagt der Medienforscher Konrad Becker.

Bald eine Milliarde User, 100 Milliarden Dollar Firmenwert an der Börse – die Brüder Bell hätten sich bei der Erfindung des Telefons gefreut über so einen Start.
Konrad Becker: Dass die Early Adopters mehr Schwierigkeiten haben als die, die sich auf etwas Vorhandenes draufsetzen, ist öfter so in der Geschichte. Wobei: Bell hat Dinge ermöglicht, Facebook schränkt Dinge ein.

Aber ist Facebook als Kommunikationsplattform nicht eine so epochale Erfindung wie die des Telefons?
Also ich sehe das eher als Rückschritt. In Wirklichkeit ist das ja so etwas wie die gigantische Fehlspekulation um Compuserve und America Online in den 1990er-Jahren. Da ging’s auch um Milliarden und um die Idee, dass die wilde weite Welt des Internet dem Einzelnen nicht zuzumuten ist – eine Art Portal mit Einkauf, News etc. sollte die Leute einfangen. Nur hat dieses Konzept in der Alphabetisierungsphase des Internets nicht so verfangen, weil die junge Generation nicht neugierig darauf war, sich von Compuserve oder AOL vorschreiben zu lassen, wie die neue Onlinewelt auszusehen hat.

Wie schränkt Facebook die Möglichkeiten im Netz ein?
Man wird gezwungen, sich in einem umzäunten Terrain aufzuhalten. Wenn man einmal rausgeht, dann an der Leine, weil man sich woanders de facto auch mit seinem Facebook-Profil einloggt. Der Garten gehört dem Herrn Zuckerberg oder jetzt der Aktiengesellschaft.

Und wieso fühlen wir uns in diesem Garten so wohl?
Dass sich Leute gerne miteinander austauschen, ist nichts Verwunderliches und Schlechtes. Auch wenn auffällig ist, dass Kommunikationen in diesem Rahmen oft infantil bis regressiv ist, Meldungen gepostet werden, die man eher einem Vierjährigen zutrauen würde.

Das könnte man per Telefon oder Mail ja auch.
Nicht so ungeniert. Aber vielleicht liegt’s ja auch am Big-Brother-Phänomen von Facebook und daran, dass manche den einst so bedrohlichen Big Brother schon lieben gelernt haben.

Wie das?
Weil sie sich ohne Big Brother schon ein bisschen unsicher fühlen. Der angeblich freundliche große Bruder bietet in einer sich verändernden Welt mit großen Unsicherheiten sehr rigide und paternalistische Strukturen. Durch die man nicht durchblickt. Das ist fast wie bei der Kirche früher, und trotzdem war sie Halt.

Eine Ersatzheimat?
Eine Ersatzheimat, die Rollenmodelle der Kommunikation anbietet, die sehr problematisch sind. Weil es um eine krankhaft übersteigerte Aufmerksamkeitsökonomie geht, die an den Lebensrealitäten von Teenagern vorbeigeht. Denn die menschlichen Bereiche werden immer mehr in das Korsett einer Maschinenlogik gezwungen.

Apropos menschliche Bereiche: Eine US-Studie sagt, Facebook ist so beliebt, weil das Preisgeben von Persönlichem dieselben Hirnregionen stimuliert wie Sex. Wär’ nur noch die Frage, ist es guter oder schlechter Sex?
Das Selbstbild und das Bild, das andere von uns haben, ist ein wichtiger Faktor. Aber wollen wir das wirklich in die Logik pressen, die von Gefällt-mirs und der Evaluierung von virtuellen Freundeskreisen bestimmt wird? Diese statistische Einschätzung des Lebens ist etwas zutiefst Inhumanes.

Statistische Einschätzung ?
Das Geschäftsmodell von Facebook ist, in der Unterwäsche von fremden Leuten zu schnüffeln. Um Daten zu verkaufen. Um Profile von Einzelpersonen und gesellschaftlichen Segmenten zu machen. Wenn ich bei irgendeiner Firma im Callcenter in Bangalore anrufe, dann wissen die dank der von Facebook und anderen Unternehmen gesammelten Daten längst mehr über mich als meine Mutter und meine besten Freunde zusammen – vom Bildungsgrad über meine aktuellen Wehwehchen bis zum Nettolebenseinkommen.

Wir sind sehr empfindlich, wenn es um Datenschutz, geht, aber im Netz geben wir alles von uns preis? Warum?
Es ist ein Mangel an politischer Bildung: Zu begreifen, dass Privatsphäre nicht nur mit dem Schminkköfferchen zu tun hat, sondern eine gesellschaftliche Frage der Souveränität des Individuums ist. Und es gibt zu wenig Ahnung, wie diese Daten verwertet und analysiert werden. Da fehlt Aufklärung, das ist auch ein Versagen der Politik.

Was hat die Politik damit zu tun?
Früher wurde zwischen Bürgern und Staaten verhandelt, welche Daten behalten werden. Im 21. Jahrhundert steht an, wie man das kritisch mit dem grauen Bereich des Web 2.0 regelt. Und im Grunde setzen sich da immer nur die durch, die riesige Rechtsabteilungen haben – und/oder Geld.

Gibt’s nicht auch Gutes an Facebook?
(Denkt lange nach) Mir ist noch nichts aufgefallen, auch wenn ich weiß, dass viele das nur für Kontakte mit tatsächlichen Freunden und Verwandten in aller Welt nutzen. Man kann diese Infrastruktur schon auch für etwas anderes „missbrauchen“, als wofür sie von ihren Erfindern eigentlich gedacht ist. Aber es bleibt am Ende: The winner takes it all, und der ist Facebook. Ein Facebook. Ein Google. Immer nur einer. Das steht im totalen Widerspruch zur neoliberalen Wirtschaftslehre.

Wie ist Ihre Prognose für Facebook?
Schwer zu sagen. Einerseits haben diese Dinge eine kurze Halbwertszeit, andererseits haben sie ein Umfeld, wo es rein physikalisch schwierig ist, dass Konkurrenz erwächst. Google zum Beispiel verwendet inzwischen ganze Flüsse, um seine Datencenter zu kühlen. Das muss einmal wer nachmachen.

Also doch Facebook-Aktien kaufen?
Laut Analysten ist das ja eher nicht die sicherste Investition. Wenn, dann würde ich gerne zum privilegierten Kreis der Erstemission gehören und eine Woche später verkaufen.

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Zur Person

Konrad Becker (53) ist Medienforscher, Künstler und Mitbegründer des World Information Institute sowie der Plattform Wahlkabine.at.