© Jakob Steinschaden

Interview

"Facebook ist die totale Simplifizierung"

"Keine Angst, ich komme gerade von einer Grabrede. Ich bin nicht jeden Tag wie ein Totengräber angezogen." Schon die Begrüßung des "Statusmeldung"-Autors beim Interview-Termin mit der FUTUREZONE verspricht eine interessante Unterhaltung. Interessant ist schließlich auch Fabian Bursteins (28) Vergangenheit: Der studierte Publizist in Wien, warf mit der Filmdoku "Porno Unplugged" einen Blick hinter die Kulissen der Sex-Industrie und gründete kürzlich den digitalen Buchverlag "mcpublish" (Bericht dazu hier).

Mit seiner jüngsten Veröffentlichung hat er eines der größten Internet-Phänomene der vergangenen Jahre zum Thema gemacht. "Das Buch spielt sich auf einem Sessel ab, von dem aus die Geschichte erzählt wird", so Burstein. Im von einer sehr unruhigen Grundstimmung geprägten Text reihen sich Blog-Einträge an fiktive Facebook-Chats und Profileinträge, zusammengehalten durch einen Ich-Erzähler namens Julian Kippendorf.

FUTUREZONE: Ihr neues Werk wird als "erster Facebook-Roman der Welt" beworben. Warum hat es sich diese Bezeichnung verdient?

Burstein: Weil es auf Romanebene das erste ist. Es gibt zwar auch dieses "Zwirbler" (//Fortsetzungsroman, der auf einer Facebook-Seite veröffentlicht wird, Anm.//), das auch in diesem Kontext vermarktet wird. In meinem Buch geht es um Entfremdung, Vereinsamung und eine Vertrauenskrise im großen Stil. Dass sich die ganze Handlung über diese sozialen Netzwerke abspielt, ist symptomatisch, weil diese Phänomene miteinander verheiratet sind.

Ist Facebook Symptom oder Ursache dieser Entfremdung?

Ich gebe die Schuld an dieser Vereinsamung schon diesem Web-2.0-Umfeld, weil alles auf eine Oberfläche hochgesickert ist. Es versucht ja keiner mehr, den anderen zu verstehen, sondern per se einen Gegenstandpunkt zu entwickeln. Das betrifft aber nicht nur Facebook, sondern die ganze Kulturszene. Niemand versucht mehr zu verstehen, was den anderen getrieben hat. Das ist ein Riesenthema in meinem Buch, das sieht man auch daran, dass sich die Hauptfigur verliebt, obwohl es auf zwischenmenschlicher Ebene gar keinen Grund dazu gibt. Das ist ganz eng mit dem Social Web verknüpft.

Im zweiten Satz schreiben Sie gleich von "verdammten Voyeuren, Internet-Freaks und Online-Spannern". Sie halten wohl nicht viel von den Facebook-Nutzern?

Nein, ich sehe mich als Beobachter. Ich steh`da überhaupt nicht drüber, ich bin mitten drinnen und spiele mit dem Ding. Ich sehe es aber nicht als primären Lebensinhalt, sondern als einen weiteren Teil in meine Sozial-Kanon.

An einer anderen Stelle heißt es, dass Medium wäre eine "zugeschmierte Klotür im virtuellen Raum". Das ist ebenfalls wenig schmeichelnd.

Man muss das aus der Sicht der Hauptfigur (//Julian Kippendorf, Anm.//) sehen, die keinerlei autobiografische Dimensionen hat. Das, was der da redet, ist nicht das objektivierbare "Ist" schlechthin, sondern das, was er gerade empfindet. Das drückt sich auch dadurch aus, dass er an vielen Stellen Tourette-Syndrom-artig sein Umfeld beschimpft. Da liegt auch die Grenze zwischen der Romanfigur und mir. Ich würde nicht kategorisch behaupten, dass Facebook eine Klotür ist, auf die jeder draufschmieren kann. Ich finde die Weblog-Kultur viel schlimmer.

Wieso denn das?//

Dort, wo das Weblog seine Eigendefinition als Weblog verlässt und behauptet, es sei Journalismus. Das finde ich extrem problematisch, wenn in einem Rahmen Subjektivität gepflegt wird, wo sie nicht hingehört. oder umgekehrt, wenn sich Journalisten ihrer Arbeit, Journalisten zu sein, entziehen, irgendetwas herausrülpsen und dann behaupten, es ist eh nur ein Weblog.

//Themenwechsel: Sie haben das Buch "Statusmeldung" getitelt. Was ist die Eigenheit dieser Statusmeldungen, von denen täglich hunderte Millionen geschrieben werden?

Früher gab es in den schottischen Clan-Kämpfen den Slogan. Damit steckte man sein Territorium ab und titulierte mit einem Satz, was man war. Insofern kann man die Statusmeldung als Fortsetzung dessen sehen, ein Versuch, die anderen in verkürzter Form wissen zu lassen, was man ist und was einen bewegt. Darin liegt das Paradoxon: Jeder Mensch ist so komplex und möchte trotzdem in 140 Zeichen sagen, wie es ihm geht. Das ist gleichzeitig das Faszinierende und Abstoßende der Statusmeldung.

Das Buch besteht trotz aller Faszination nicht nur aus Statusmeldungen, sondern über weite Strecken aus längeren Blog-Einträgen.

Ja, das braucht das literarische Format, um eine Geschichte zu erzählen. Nur Statusmeldungen zu verwenden, wäre eine Kunstaktion gewesen. Und Facebook nach Kommentaren zu durchforsten und abzuschreiben, war mir zu billig.

Glauben Sie, dass Internetnutzer überhaupt etwas mit Ihrem Buch anfangen können? Die sind möglicherweise nur mehr an kurze Texthäppchen gewöhnt, immer weniger aber an lange Texte.

Derzeit ist die PISA-Debatte virulent, da müsste man sich eher fragen, ob die junge Generation überhaupt mit einem Buch etwas anfangen kann. Das hat nichts spezifisch mit meinem Werk zu tun. Das Buch ist eher ein Zugeständnis an sie, weil es sich in ihre Welt hineinbewegt. Hoffentlich trage ich dazu bei, dass bei der nächsten PISA-Studie der Durschnitt der gelesenen Bücher um Eins steigt.

Wo liegt für Sie das Geheimnis des Erfolgs von Facebook und vergleichbaren Diensten?

Facebook ist die totale Simplifizierung. Das war auch das Geheimnis der Partner-Börsen, weil man so an gemeinsamer Geschichte viel überspringen kann.

Wie begegnen Sie dem Vorwurf, als Trittbrettfahrer am Erfolg von Facebook mitzunaschen?

Wenn ich als Kulturschaffender überlege, wo es einen Markt gibt für das, was ich tue, ist das gesunder Menschenverstand. Natürlich ist es viel schicker, dem "L"art pour l"art"-Anspruch zu folgen, aber ich möchte ein Publikum haben. Ich schreibe nicht für mich und mache keine Psychotherapie damit, sondern will, dass es Leute lesen. Da ist es nur legitim, sich zu überlegen, wo die Themen sind, die die Menschen bewegen.

Warum haben Sie das Buch nicht in dem von Ihnen kürzlich gegründeten digitalen Buchverlag "mcpublish" veröffentlicht?

Das fände ich nicht besonders raffiniert, weil es "Statusmeldung" zu einem Web-2.0-Spleen degradieren würde. Das ist es aber nicht, denn es geht darin um gesellschaftliche Phänomene an einem Menschen, und das würde komplett davon ablenken.

Letzte Frage: Was war die abstoßendste Statusmeldung, die Sie jemals lesen mussten?

LOL. Knapp gefolgt von

(Jakob Steinschaden)


Fabian Burstein

Links:
Für den fiktive Helden des Romans, Julian Kippendorf, hat Burstein Social-Media-Profile angelegt:

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Statusmeldung, erschienen im Labor Verlag

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