Digital Life
14.06.2015

Gefährlicher Selfie-Trend: Foto-Shooting auf Gleisen

Wo bin ich, was mache ich, wie geht es mir? Klick, ein Selfie, und alle wissen Bescheid. Für die Inszenierung auf den sozialen Netzwerken riskieren manche ihr Leben.

Die drei Mädchen wollten ein Selfie machen. Sie kletterten die Böschung an einer Eisenbahnbrücke in Bremen hoch und posierten auf den Gleisen. Das hätte sie beinahe getötet: Ein Lokführer konnte gerade noch bremsen, die Regionalbahn blieb wenige Meter vor den Teenagern stehen. Ein schnellerer Zug hätte sie wohl überrollt. Immer wieder wagen sich junge Leute für Fotos auf Schienen - es geht dabei um Fernweh, um ein Symbol für Unendlichkeit, um ein Zeichen treuer Freundschaft. Ein gefährlicher Trend, den die Bundespolizei deutschlandweit vor allem unter Mädchen beobachtet.

„Hinterher tat es ihnen furchtbar leid“, sagt Holger Jureczko von der Bundespolizei in Bremen über den Vorfall mit den drei Mädchen, der sich im April ereignete. „Ihnen war die Gefahr gar nicht bewusst.“

Mehrere Tote

Bereits vor vier Jahren erfasste im schwäbischen Memmingen ein Zug eine 13- und eine 16-Jährige. Die Ermittler entdeckten später Fotos auf deren Handys und in Profilen in sozialen Netzwerken, die sie auf den Gleisen zeigten. Zwei Jahre später kamen zwei 14 und 15 Jahre alte Freundinnen im westfälischen Lünen bei einem ähnlichen Unfall ums Leben. Auch dort fand die Polizei solche Fotos.

Mädchen, die Hand in Hand auf Bahngleisen balancieren und dazu ein Spruch, der ewige Freundschaft beschwört - Bilder wie diese tauchen nach Angaben des Sprachwissenschaftlers Martin Voigt seit einigen Jahren in den sozialen Netzwerken auf. Er hat in seiner Doktorarbeit an der Uni München den Einfluss von Facebook & Co auf Mädchenfreundschaften untersucht. Gerade 12- bis 16-Jährige sei es wichtig, wie sie im Internet rüberkommen, erläutert Voigt. „Sie wollen beliebt sein, hübsch aussehen, eine beste Freundin haben. Entsprechende Priorität hat die “Öffentlichkeitsarbeit„ online.“

Bahn-Romantik

Mädchen sind mit der besten Freundin auf Facebook wie „verheiratet“. Sie laden Selfies hoch, die sie eng umschlungen, Wange an Wange, ähnlich einem Liebespaar zeigen - und dokumentieren damit vor allen: Wir sind uns ganz nah. Ein beliebtes Motiv dafür sind Bahngleise, die laut Voigt eine romantische Symbolik haben: Sie laufen parallel wie ein Paar, das sich niemals trennt. Und signalisieren, dass man mit der besten Freundin sogar in den Tod gehen würde.

Dass sie sich bei ihren Selfies in Gefahr begeben, ist den Mädchen oft gar nicht bewusst. Die Schnappschüsse mit dem Smartphone sind für viele Jugendliche eine Art Hobby. Sie fotografieren sich überall und ständig, um Freunde an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Diese antworten wiederum mit einem Selfie - und kopieren dabei auch die Motive der anderen. „Es ist eine Alltagspraxis“, sagt der Marburger Medienwissenschaftler Jens Ruchatz. „Man denkt gar nicht mehr darüber nach, ob es sinnvoll ist oder nicht, was man da gerade tut.“

Gezielte Prävention

Wie viele Vorfälle es wegen Selfies auf den Gleisen in den letzten Jahren gegeben hat, kann die Bundespolizei nicht sagen. Sie ist aber alarmiert: Seit diesem Jahr gehen Beamte gezielt in Schulen, um über die Gefahren der Foto-Shootings aufzuklären. Diese bringt ein Flyer zu dem Thema auf den Punkt: Ein Zug mit Tempo 160 legt 100 Meter in 2,25 Sekunden zurück. „Selbst bei Windstille hört man ihn zu spät.“