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Netzpolitik
11/23/2010

Gegen Pseudonyme im Netz

Eine Lanze für die Pseudonyme oder: wieso die Forderung nach einem "Vermummungsverbot" im Internet nicht nur unsinnig und heuchlerisch, sondern auch gefährlich ist. Bettina Winsemann (twister) über die Forderung, Pseudonyme im Netz abzuschaffen.

Axel E. Fischer, CDU-Bundestagsabgeordneter in Deutschland, hat sich gegen ein "Vermummungsverbot" im Netz ausgesprochen. Es sei, so Fischer, nicht angemessen, dass sich Menschen hinter selbstgewählten Pseudonymen verstecken und sich so der Verantwortung entzögen. Bei demokratischen Prozessen solle man mit offenem Visier kämpfen. Hier zeigt sich der Abgeordnete als eher unwissend und erhebt eine nicht neue Forderung danach, jederzeit identifizierbar zu sein. Damit widerspricht er aber auch demokratischen Prinzipien.

Doch es lohnt sich, zunächst einmal das Thema Pseudonyme an sich aufzugreifen. Pseudonyme sind keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Auch wenn Politiker gerne den Eindruck erwecken, es habe vor dem Internet keine Pseudonymkultur gegeben, so ist dies falsch. Zu unterscheiden ist hier auch vor einem Pseudonym mit bekanntem Realnamen und einem mit unbekannten Realnamen. Für beides gab und gibt es gute Gründe.

Ellis Bell oder: Nehmt uns ernst

Ein Grund dafür, ein Pseudonym zu nutzen war beispielsweise der Wunsch, als weiblicher Literat ernstgenommen zu werden. Zu den Zeiten als die Bronte-Schwestern ihre Werke schrieben, war es für Frauen unschicklich, literarisch tätig zu werden, weshalb die Schwestern männliche Pseudonyme wie Ellis Bell wählten um zwar ihre Ideen zu veröffentlichen, darunter jedoch nicht gesellschaftlich leiden zu müssen. Zwar sind heutzutage Schriftstellerinnen nicht mehr verpönt, jedoch nutzen etliche Frauen männliche Pseudonyme, um sich nicht den "üblichen Fragen" ausgesetzt zu sehen. Während Schristeller größtenteils nach ihrem Werk, ihrer Motivation oder ihren Hintergründen gefragt werden, sehen sich Schriftstellerinnen noch immer Fragen ausgesetzt, die eher als weiblich angesehene Themen betreffen - Fragen nach dem Friseur, den Kochkünsten, dem Zusammenspiel zwischen Schriftstellerei und Familienleben. Eine Problematik, die im Artikel "Das heimliche Schreiben der Frauen" nachzulesen ist.

Pseudonyme als kreatives Markenzeichen

Pseudonyme können jedoch auch als Zeichen der Kreativität angewandt werden, dienen als Botschaft an andere indem sie etwas über den Pseudonymträger aussagen. Hier widerspricht die Pseudonymkultur auch der Annahme, dass ein Realname einem Pseudonym an Aussagekraft überlegen sein muss. Werden beispielsweise bestimmte Namen, Buchtitel usw. verwendet, so ist durch das Pseudonym bereits eine Information über den Träger des Pseudonyms mitgeteilt worden, während der bloße Realname diese Information nicht in sich trägt. Einfach ausgedrückt: wer sich in einem Forum "Esmeralda Wetterwachs" nennt, der teilt damit bereits seine Affinitär zu den Scheibenweltgeschichten des Terry Pratchett mit. Und er weckt somit ggf. schon das Interesse anderer Begeisterter, die bei einem bloßen "Hans Fischer" nicht wissen können, dass sie ein gemeinsames Hobby mit Hans Fischer haben.

Der vorgenannte Allerweltsname zeigt auch schon eine Problematik der Identifizierbarkeit auf. Sie wirkt, wenn sie nur durch den Realnamen erwirkt werden soll, nicht auf alle gleich. Menschen mit eindeutigen Namen sind hier benachteiligt da sie, anders als jene mit "Allerweltsnamen" tatsächlich durch den Realnamen identifizierbar sind, während sich die Hans F"ischers, Horst Schmidts oder Susanne Hansens der Welt (bzw. ihre Äquivalente in anderen Ländern) lediglich teilidentifizieren. Für sie wären dann, sollte es tatsächlich um jederzeitige Identifizierbarkeit gehen, weitere Identifikationsmerkmale notwendig wie beispielsweise Adresse, Telefonnummer oder ähnliches.

Draußen weiß ich auch, mit wem ich es zu tun habe

Unabhängig von der Frage der Pseudonymisierung: weiß ich tatsächlich, wie oft argumentiert wird, mit wem ich es zu tun habe, wenn ich offline bin? Diesbezüglich gibt es verschiedene Stufen des "Wissens" bzw. "Nichtwissens". Manchmal weiß ich über den anderen gar nichts, was aber auch nicht notwendig ist. Wenn ich mich mit dem Herrn im Gasthof unterhalte, dann ist es für die Unterhaltung unwichtig, wer er ist. Auch der Name, den er mir ggf. aus Höflichkeitsgründen mitteilt, kann falsch sein, was mir aber egal ist, da die Qualität der Kommunikation eher oberflächlich ist.

Trete ich mit jemandem in eine Geschäftsbeziehung, so ist noch immer kein Realname notwendig. Dem Bäcker, der mir die Brötchen verkauft, ist es egal, wer ich bin. Für ihn ist wichtig, dass ich den notwendigen Kaufpreis zahle. Auch für Regressansprüche ist lediglich wichtig, dass die Transaktion stattgefunden hat, nicht aber automatisch auch, mit wem sie stattfand. Gleiches gilt auch für Transaktionen im Internet - solange beispielsweise die CD bezahlt wird, ist es dem Verkäufer egal, wer sie tatsächlich erstanden hat.

Manchmal jedoch möchte ich vorher wissen, mit wem ich es zu tun habe bzw. manchmal ist es notwendig um z.B. zu wissen ob derjenige befugt ist, einen Raum zu betreten, diverse Dokumente zu erhalten etc. Doch auch hier würde es ausreichen, seine Befugnisse zu belegen, ohne dass eine tatsächliche Identifizierbarkeit notwendig ist. Als Beleg dienen beispielsweise vergebene Kunden- oder Bestellnummern, wie es sie bei der Onlinereservierung für Kinokarten oder ähnliches gibt. Wer sich hinter der Reserviernummer 384 verbirgt, ist für den Kartenverkäufer egal, ihm ist erneut lediglich wichtig, dass die Transaktion mit dem vereinbarten Partner stattfindet. Auch wird oft lediglich der Vorname mitgeteilt, der, genau wie auch der komplette Realname, keine eindeutige Identifizierung ermöglicht.

In den wenigsten Fällen weiß man im Offlineleben anfangs, mit wem man es zu tun hat, wenn es um den Realnamen geht. Pseudonyme oder Transaktionsnummern ersetzen hier den Realnamen, ohne dass überhaupt eine Diskussion um die Herausgabe des Realnamens entsteht. Warum also die Diskussion um Realnamenpflicht bzw. Identifizierbarkeit im Internet? Zum einen weil es sich weniger um Pseudonimisierung, sondern um Anonymisierung handelt, zum anderen weil das Internet gerade auch bei Meinungen und Kritiken eine größere Reichweite ermöglicht.

(twister/Bettina Winsemann)