Digital Life
05.08.2011

iJoule: Digitaler Ernährungsberater statt Diät

Ein neuer Web-Dienst aus Wien will seinen Nutzern bei abnehmen helfen. Die Kosten dafür könnten in Zukunft die Krankenkassen tragen, da iJoule zur Prävention bei Erkrankungen, die mit Übergewicht zusammenhängen, beisteuert.

“Wir wollen die Übergewichtsrate in Österreich senken.” Das Ziel, dass sich der neue Web-Dienst www.ijoule.com aus Wien gesetzt hat, ist hoch. Bedarf für ihren digitalen Ernährungs-Coach gibt es hierzulande aber auf jeden Fall: Laut einer OECD-Studie gelten in Österreich 57 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen als übergewichtig, etwa 12 Prozent leiden unter Fettsucht. “Die Wachstumzahlen der übergewichtigen Menschen in den westlichen Volkswirtschaften steigen rasant an, weil wir uns immer weniger mit Ernährung beschäftigen”, sagt iJoule-Chef Christoph Sauermann, der 17 Jahre lang in der Pharmaindustrie tätig war. “Diätprogramme unterstützen das sogar: Durch ihren kurzfristigen Ansatz sagen sie dir, was du essen sollst, um möglichst rasch möglichst viel Gewicht zu verlieren. Wenn man aber das Zielgewicht erreicht hat, fällt man in das alte Verhalten zurück und wundert sich dann über den berühmten Jojo-Effekt.”

Keine Diät
Aus diesem Grund  ist iJoule nicht als Online-Diätprogramm, sondern als digitaler Ernährungs-Coach aufgebaut. Grundziel ist, die Energiebilanz des Nutzers ausgewogen zu gestalten. Dazu werden Ziele bei der eigenen Ernährung und Bewegung definiert, deren Erreichen man in seinem iJoule-Profil notiert. ““Es sind selten die großen, sondern die kleinen Zwischenmahlzeiten, die man gar nicht mehr bemerkt”, sagt Sauermann. “Um sich wieder für die eigene Ernährung zu sensibilisieren, muss man ein Tagebuch führen.” Zudem hält sein Web-Dienst Tipps bereit, wie man die definierten Ziele erreicht: Ein Ernährungsbaukasten zeigt, wie man seine Mahlzeiten aus Eiweißen, Fetten, Kohlenhydraten und Vitaminen richtig zusammenstellt, ein Coaching-Tool schlägt Strategien zum Erreichen der Bewegungsziel vor - etwa, dass man am Arbeitsweg eine Station früher aussteigen und den Rest zu Fuß gehen könnte.

Verzicht
Größtes Anliegen von iJoule ist es, dem Nutzer auf Dauer eine Änderung seiner Gewohnheiten zu ermöglichen und die Maßnahmen dafür möglichst alltagstauglich zu gestalten. Der Web-Dienst verzichtet so etwa bewusst auf einen Kalorienrechner. Das sei für die meisten Menschen zu kompliziert, so Sauermann. Auch rät er dazu, am Anfang die Waage wegzupacken, weil diese oft Falschinformationen liefern würde. Bei Ernährungsumstellung und mehr Bewegung werden Körperfette ab- und Muskeln aufgebaut. Da Muskeln schwerer sind, kann es anfangs sogar zu einer Gewichtszunahme kommen, von der man sich beim ständigen Wiegen irritieren lassen könnte. Derzeit entwickelt iJoule eine neue Methode, mit der die Nutzer per Maßband und Webseite selbst ihr Körperfett berechnen können.

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Krankenkassen als Partner
“Jemand, der sich an die iJoule-Regeln hält, wird sehr rasch eine Normalisierung seines Körpergewichts feststellen”, sagt Sauermann. Mindestens würde man drei Monate brauchen, um sein Ziel zu erreichen. Zwar gibt es iJoule in einer eingeschränkten Gratis-Version (z.B. wird nur Abendmahlzeit berechnet), wer das volle Programm will, zahlt dafür ab 6 Euro Monatsgebühr. In Deutschland kann man sich die iJoule-Kosten aber bereits von den Krankenkassen zurückerstatten lassen, für Österreich laufen diesbezüglich derzeit die Verhandlungen und sollen noch 2011 positiv abgeschlossen werden. Wirtschaftstreibende und Gewerbepensionisten bekommen von der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) die iJoule-Gebühren bereits im Rahmen des “Gesundheitshunderters” zurück. Bis Jahresende hofft Sauermann auf 50.000 aktive iJoule-Nutzer im deutschsprachigen Raum.

Datenschutz

“Wir arbeiten mit Gesundheitsdaten und wollen den Nutzer deswegen in seiner Anonymität schützen”, sagt iJoule-Technikchef Christoph Richter. Anders als bei Online-Plattformen wie Facebook oder Google+ ist es Mitgliedern erlaubt, unter Pseudonymen auf der Plattform und im angeschlossenen Forum mit Expertenberatung aufzutreten. Die vielen persönlichen Daten, die man mit der Zeit in seinem Konto anhäuft, werden auf Servern in Deutschland gehostet. Die Kommunikation zwischen Computer des Nutzers und diesen Großrechner wird per SSL-Verschlüsselung gesichert. Zahlungsinformationen hingegen speichert iJoule nicht selbst, sondern überlässt das Partnern wie PayPal oder Kreditkartenunternehmen. “Unsere Webseite wurde von der Datenschutzkommission zertifiziert, das ist auch Vorraussetzung für die Partnerschaften mit den Krankenkassen.”

Entstehung
Das iJoule-Konzept stammt ursprünglich vom dänischen Ernährungswissenschaftler Arna Astrup, der die Idee aber nicht in ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen verwandeln konnte. Mit Hilfe des österreichischen Teams soll das jetzt gelingen. Neben Sauermann gehören Firmenanteile etwa dem hemischen Investor Johann Hansmann, der auch österreichische Start-ups wie Busuu.com und Durchblicker.at finanziert hat, sowie Rudi Kobza, Geschäftsführer der Werbeagentur Loewe GGK. Insgesamt hat iJoule derzeit 14 Mitarbeiter (Ernährungs- und Fitness-Experten, Programmierer, etc.), wobei mit steigender Beliebtheit in erster Linie im Customer Support aufgestockt werden soll.

Dass es Potenzial für einen Ernährungs-Dienst in Österreich gibt, hat schon der „KiloCoach“ gezeigt. Der Web-Dienst ist in Kooperation mit dem KURIER unter http://kilocoach.kurier.at erreichbar. Nutzer haben mithilfe des Online-Ratgebers bis dato insgesamt mehr als 33.000 Kilo abgenommen. Je nach Ziel zahlt man eine monatliche Nutzungsgebühr ab 29 Euro (ab 19 Euro für KURIER-Abonnenten). Online kann dann ein Ernährungs- und Bewegungsprotokoll geführt werden. Die Webseite wurde auch für Handy-Displays optimiert.

In den USA sind die „Selftracker“ (dt. „Selbstvermesser“) bereits ein großes Thema. Egal ob Blutdruck, Sport, Nahrungsaufnahme, Schlafgewohnheiten oder Sex: Mitglieder der  „Quantified-Self“-Bewegung
(http://quantifiedself.com)
dokumentieren mit Hilfe von Web-Diensten alle möglichen Verhaltensweisen, um Veränderungen messen zu können. Angestrebt wird damit ein besserer Lebensstil. Das Selftracking hat auch Schattenseiten. So waren vor kurzem sämtliche Sex-Daten der Nutzer des Web-Dienstes FitBit.com öffentlich einsehbar.