kultur im wandel
01/05/2011

Internet beendet die Ära der Superstars

"Einschläge wie Nirvana wird es nicht mehr geben", sagt Derek Miller von der Indie-Band Sleigh Bells.

Kometen-Einschläge wie Nirvana, einen Sound, der um die Erde schwappt, wird es nicht mehr geben. Nur mehr Sternenstaub. Asteroiden, die örtlich aufleuchten!" Derek Miller, Chef der Sleigh Bells, hat eine klare Vorstellung von der Zukunft der Popmusik. Er und seine Duopartnerin Alexis Krauss fusionieren auf ihrem viel beachteten Debüt-Album "Treats" verzerrte Hardcore-Sounds mit süßen Melodien. Stur und visionär orientieren sich die New Yorker damit anstatt an Marktanforderungen ausschließlich an den eigenen kreativen Gelüsten, an dem Drang, Innovatives zu schaffen.

Doch die Zeiten, als solche Dickköpfe - Leute wie David Bowie, Iggy Pop, Prince und Kurt Cobain - genau deshalb zu Weltstars wurden, sind mit der Internet-Revolution vorbei. "Jeder kann Musik machen und sie online veröffentlichen", sagt Miller. "Ohne Plattenfirmen, die bisher eine Art Qualitätsfilter waren, muss man sich jetzt aber durch sehr viel Mittelmäßiges hören, um zu den Sternstunden zu kommen. Außerdem sind Genres irrelevant geworden. Denn im Internet existieren weder Geografie noch ein geistiger oder politischer Kontext."

Sehnsucht

Bewegungen wie Grunge, Punk oder Goth, die ihre Triebkraft auch aus der Sehnsucht nach Gruppen-Zugehörigkeit bezogen wird es deshalb nicht mehr geben, glaubt Miller. Auch, weil durch die Vielzahl an anderen Unterhaltungsmöglichkeiten Musik für Jugendliche nicht mehr diese prägende Bedeutung hat.

"Im Internet sind Songs einfach nur da - losgelöst von einem definierenden Umfeld. Du entdeckst sie allein zu Hause am Computer. Ich halte das für eine großartige Entwicklung. Denn es ist ein ganz purer Zugang: Du reagierst einzig und alleine auf die Kraft der Songs - fesseln sie dich oder nicht?"
So gibt es - ganz nach Millers Geschmack - in der fragmentierten Szene viele Acts, die wie er experimentieren und die Popmusik vorantreiben. Unter den vielversprechendsten davon sind CocoRosie. Zwei Schwestern aus den USA, die auf dem jüngsten Album "Grey Oceans" Gitarre, Harfe, Klavier und Samples zu einer einnehmenden Klanglandschaft verbunden haben.

Aus Oregon kommen Tu Fawning, die Trompete und Posaune in ihren percussiven Sound integrieren. Aus England stammt James Blake, der Soul und Seele in die Dubstep-Szene bringt und Anfang Februar sein Debüt veröffentlicht. Xiu Xiu verweben Electronic-Experimente mit Art Rock, ohne je auf die Kraft von Melodien und Songs zu vergessen.

Mega-Deals wie einst für Bowie oder Prince wird es für diese Künstler nicht mehr geben. Aber Miller ist überzeugt: "Wenn man Talent hat und klug wirtschaftet, kann man - dank Internet - trotzdem von der Musik leben. Und wer will denn ohnehin schon all den Ballast, der mit Superstar-Ruhm einhergeht?"

Die Mär vom Online-Star

Um in die Spitzen der Charts zu kommen , braucht es aber mehr als "nur" das Internet - was oft vergessen wird. Als Justin Bieber zwölf war, veröffentlichte seine Mutter selbst gedrehte Gesangsaufnahmen auf YouTube. 2010, also vier Jahre später, kennt jeder das kanadische Pop-Bürschchen ("Baby") mit Helmfrisur. Dass dazwischen Talentscouts, Manager und Profistudios für den rasanten Erfolg sorgten, wird allzu gern vergessen, die Mär vom selbst gemachten Internet-Star zu gern erzählt.

Auch die Schottin Susan Boyle, bei der Aussehen und Gesangsstimme so gar nicht zusammenpassen wollen, wird gerne als YouTube-Star gesehen, obwohl sie eine stinknormale Talentshow im britischen TV durchlief. Das millionenfach geklickte Online-Video war nur deswegen ein Hit, weil es die herablassende Arroganz von Jury und Publikum dokumentierte.

Die englische Rockband Arctic Monkeys und die Londoner Sängerin Lily Allen etwa sollen ihren Erfolg allein der schlauen Nutzung des Online-Netzwerks MySpace verdanken. Direkter Kontakt zu den Fans und Gratis-Musik hätten sie berühmt gemacht. Wer nachhakt, erfährt, dass ihr Aufstieg ohne hartes Touren und gute Plattenverträge nicht möglich gewesen wäre. Der Mythos, dass das Publikum im Internet seine Stars selbst macht, hält sich trotzdem. Internet-Dienste wie "SellABand" oder "AKA Music" haben ihn zum Geschäftsmodell gemacht: Fans können über die Webseiten Geld in Nachwuchstalente und junge Bands stecken, damit sich diese eine CD-Produktion leisten können. Der große Wurf ist indes ausgeblieben: SellABand musste bankrott von Investoren gerettet werden.

Indes haben andere Webseiten, allen voran Facebook und der Kurznachrichten-Dienst Twitter, das Ruder an sich gerissen. Bei ihnen spielen Nachwuchstalente bescheidene Nebenrollen. Die Aufmerksamkeit der Fans haben vielmehr Lady Gaga, Britney Spears und Katy Perry. Und die sind nicht wegen des Netzes, sondern dank harter Arbeit und teurer Manager berühmt geworden.

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(Brigitte Schokarth, Jakob Steinschaden)