Demonstration gegen die Google-Busse in San Francisco

© Kurtis Alexander

Digital Life
05/26/2014

Krasse Gegensätze im Tal der Reichen

Aufruhr im Valley - es gibt zwar keine Web-, aber eine Immobilienblase. Schuld sind die Technologie-Konzerne mit ihren IT-Millionären.

Das Silicon Valley (SV) ist die Heimat der bedeutendsten Technologie-Unternehmen der Gegenwart, von Google bis Apple, von Facebook über Intel bis Pixar und eBay. Das SV ist das Zentrum der Hightech-Szene und wohl jener Platz auf der Welt, wo es die meisten Millionäre und auch Milliardäre gibt. Nirgendwo sonst – abgesehen von Monaco vermutlich – ist die Dichte an Tesla-Fahrern so hoch, reihen sich millionenschwere Villen nebeneinander und fahren so viele Luxus-Autos durch die Straßen. Der weltliche Reichtum ist beeindruckend, ebenso wie die eklatanten Einkommensunterschiede.

Die andere Welt

Einige Häuserblocks weiter werden auch hier die Probleme der Vereinigten Staaten sichtbar. Obdachlosigkeit. Auf einer Parkbank in der University Ave Ecke Bryant Street preist ein Obdachloser seine Bilder an, im Gebüsch der Parkanlage vor der Universität Stanford steht der mit Habseligkeiten angefüllte Einkaufswagen eines Mannes, der hier regelmäßig seine Nachtstunden verbringt. An der Ecke El Camino Real/Sandhill Road in Palo Alto hält jeden Tag ab etwa 15 Uhr ein Mann einen Pappkarton in die Höhe und geht damit zwischen den Autos hin und her, um Almosen zu erbetteln – das Stanford Shopping Center als Kulisse im Hintergrund.

Wer die Walgreens-Filiale in Mountain View besucht, sieht dort jene shoppen, die keine Tech-Millionäre sind. Und auch in San Jose, keine 20 Minuten von der Universität Stanford entfernt, trifft man das echte Amerika, wenn man eine öffentliche Veranstaltung besucht. Die Ärmsten sind die Lateinamerikaner, sie verdienen mit 20.000 Dollar pro Jahr im Schnitt ein Drittel des Einkommens eines Weißen.

Das andere Palo Alto

In Palo Alto selbst gibt es mit East Palo Alto einen Stadtteil, den man meiden sollte, weil er als nicht sonderlich „gemütlich“ bzw. als kriminelle Gegend bezeichnet wird. Das Krasse - einige Hundert Meter sind in dem Fall entscheidend, ob ein Haus, bzw. eine „Lage“, 200.000 oder zwei Millionen Dollar wert ist. Der Immobilienmarkt ist fern jeder Realität. „Ein Irrsinn, was da derzeit abläuft“, schildert ein Verkäufer im T-Mobile-Store. „Aber diese Immobilienblase wird bald platzen.“ Konkrete Anzeichen dafür gibt es noch keine, jedoch Demonstrationen in San Francisco und entlang der Strecken, die von den Mitarbeiter-Bussen von Google- und Facebook genutzt werden. Dort, wo die Busse Halt machen, sind die Immobilienpreise nämlich ebenso in astronomische Höhen geklettert.

Die Schuldigen

Die Hauptschuldigen sind schnell gefunden, es sind die neuen Web-Firmen wie Google, Facebook und seit Herbst vergangenen Jahres Twitter. Wer früh bei diesen Unternehmen dabei war und mit Aktien-Optionen bedacht wurde, wurde zum Millionär. Und hatte dieser das Glück oder die Voraussicht, sich vor dem Boom oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende hier niederzulassen und ein Haus zu kaufen, hat ihm das nochmals einen zusätzlichen Bonus gebracht. „280.000 Dollar habe ich vor acht Jahren für das Haus bezahlt“, erzählt ein ehemaliger Google-Manager, „verkauft habe ich es um 1,8 Millionen.“

Allein der Börsengang Twitters hat 1600 neue Millionäre hervorgebracht – und sie alle wollen wohnen und fahren – teure Autos gibt es zuhauf, aber die Immobilien werden knapp. Mittlerweile gibt es für Top-Immobilien Dutzende Bewerber und die meisten davon können den Kaufpreis praktisch bar auf den Tisch legen. Den Zuschlag bekommt letztlich der, der dem Verkäufer zu Gesicht steht bzw. ihn mit anderen Bonusleistungen überzeugen kann.

So schön die Gegenden im Silicon Valley auch sind, man sieht und bemerkt Dinge, die in einem Hightech-Zentrum anders sein sollten. Straßen sind teilweise in schlechtem Zustand, Betonplatten stehen hervor, Schlaglöcher gibt es mitten in Palo Alto, die Mobilfunkverbindungen sind – besonders im amerikanischen T-Mobile-Netz – teilweise gar nicht vorhanden, selbst in noblen Gegenden, in denen IT-Reiche leben.

Die Weißen verdienen am meisten

Genau genommen ist das Silicon Valley kein Tal, sondern der 4800 Quadratkilometer große Bereich zwischen San Francisco im Norden und San Jose im Süden, der auch als Bay-Area bezeichnet wird. Insgesamt leben hier 2,9 Millionen Menschen, 1,4 Millionen von ihnen haben einen Job im Valley.

29,5 Prozent der Bevölkerung stammen aus den USA, 59,5 Prozent aus Asien (14 Prozent aus China, zwölf Prozent von den Philippinen und je elf Prozent aus Vietnam und Indien), neun Prozent aus Europa und je ein Prozent aus Afrika und Ozeanien. 2,5 Prozent der Bevölkerung sind schwarz, 27 Prozent Hispanics, 30 Prozent asiatisch und 37 Prozent weiß – diese Bevölkerungsschicht verdient auch am meisten, im Schnitt rund 60.000 Dollar (44.000 Euro) pro Jahr.

Am wenigsten verdient die lateinamerikanische Bevölkerungsschicht mit 20.000 Dollar (17.000 Euro). 61 Prozent der Bevölkerung sind unter 44 Jahre alt, nur zwölf Prozent sind älter als 65. Die Akademiker-Quote ist ebenfalls überdurchschnittlich, fast die Hälfte der Erwachsenen haben einen Universitäts- (45 Prozent) und weitere 25 Prozent einen College-Abschluss.

Morgen: Warum das Silicon Valley einzigartig ist und sich nicht kopieren lässt