Digital Life
30.12.2010

Lehrer versorgte Nepal mit WLAN-Verbindung

Bis vor kurzem benötigte der nepalesische Dorflehrer Mahabir Pun mehr als zwei Tage dafür, seine E-Mails abzurufen. Doch gemeinsam mit Freiwilligen baute er in abgelegenen Bergregionen Nepals ein Netzwerk auf, das jetzt 70.000 Menschen mit einem WLAN-Zugang versorgt.

Früher marschierte der 55-Jährige sieben Stunden lang bis zur nächsten Straße, wo er auf den Bus in die drei Stunden entfernte Stadt warten musste. Dort gab es den einzigen Internetanschluss in der abgelegenen Himalaya-Region. Heute dagegen muss sich Pun nur schnell ins drahtlose Netz einwählen, das er in den vergangenen Jahren selbst aufgebaut hat.

Mehr als hundert verarmte Dörfer im Westen Nepals hat Pun mit dem Datennetz ins 21. Jahrhundert katapultiert. In einer Gegend, in der es keine richtigen Straßen oder Krankenhäuser gibt und wo die meisten als Kleinbauern von der Hand in den Mund leben, ist über das drahtlose Netzwerk mit einem Mal die ganze Welt erreichbar: Spezialisten in weit entfernten Kliniken, Familienmitglieder, die ihr Glück im Ausland versuchen, oder Freunde, die es in ein schwer zugängliches Dorf ein paar Schluchten weiter verschlagen hat.

70.000 Menschen bekamen Zugang

"Wir haben Regionen mit Internet versorgt, die kein kommerzieller Anbieter je verkabeln würde", sagt Pun. Er schätzt, dass etwa 70.000 Menschen Zugang zu seinem Netzwerk haben. "Als wir begannen, hatte fast niemand im ländlichen Nepal Zugang zum Internet", sagt er. "Jetzt sind mehr als hundert Dörfer online. Aber das ist gar nichts, es gibt ja noch tausende andere abgelegene Dörfer in Nepal."

Alles begann mit einem Studienaufenthalt Puns in den USA. Damals wurde das Internet gerade populär, der Lehrer erstellte eine Website für sein Heimatdorf. Es war eine der ersten Seiten, die Nepal überhaupt erwähnten, bis Pun wieder nach Hause kam, hatte er schon E-Mails aus der ganzen Welt erhalten - von Menschen, die das 800-Seelen-Dorf auf 2.200 Metern über dem Meeresspiegel besuchen wollten. "Die wollten wissen, wie sie uns helfen können. Da schrieb ich ihnen, sie sollten bei ihrem Besuch doch ausrangierte Computerteile mitbringen." Seinen Schülern baute Pun daraus einen neuen Rechner zusammen.

Jahre später entstand die Idee, das Dorf über Datenfunk mit der nächstgelegenen Stadt Pokhara zu verbinden. Doch noch hatte niemand versucht, im Hochgebirge ein WLAN zu errichten. Zur Überbrückung der zahlreichen Schluchten mussten Antennen gebaut werden, das Material schleppten Freiwillige zusammen mit den Solarzellen für die Energieversorgung in die Berge. Die höchste Antenne steht auf 3.600 Meter Seehöhe und wird von einem Rinderhirten bewacht.

Touristen als Helfer

Auch politisch hatte Puns Projekt mit Widerständen zu kämpfen. Sein Heimatort Nagi war jahrelang unter der Kontrolle maoistischer Rebellen. "Sie hatten ihre Augen überall und stellten viele Fragen. Aber zum Glück verstanden sie nicht viel vom Internet. Wenn die Armee öfter gekommen wäre, hätte sie das sofort gestoppt." Wieder bat Pun ausländische Touristen um Hilfe. Rucksackreisende habe der Zoll kaum verdächtigt, verbotenes Kommunikationsmaterial ins Land zu schmuggeln, sagt Pun.

2007 wurde Puns Einfallsreichtum mit dem Ramon-Magsaysay-Preis gewürdigt, der gemeinhin als das asiatische Pendant zum Nobelpreis gilt. Doch mit der Welt der "Konferenzen, Resolutionen und Selbstverpflichtungen" möchte Pun nicht allzu viel zu tun haben. Den mit 50.000 US-Dollar (38.000 Euro) dotierten Preis habe er nur angenommen, um das Geld sogleich ins Netzwerk zu stecken.

Richtige Medizin durch Vernetzung der Ärzte

Im Computerraum der Dorfschule wird deutlich, was das drahtlose Netz für die Gemeinde bedeutet. An einem Rechner chattet der 63-jährige Amar Pun mit seinen drei Kindern. Wie viele Nepalesen sind sie ins Ausland gegangen, weil sie zu Hause keine Arbeit finden konnten. "Sie berichten mir aus ihrem Leben im Ausland, und ich erzähle aus dem Dorf. Es ist großartig, mit ihnen in Kontakt zu sein," sagt der Vater.

Neben ihm sitzen Teenager vor Facebook oder YouTube und suchen nach den letzten Neuigkeiten über ihre Fußballidole.In der kleinen Gemeindeklinik verbindet sich der Pfleger Rupa Pun jeden Morgen über eine Webcam mit dem Krankenhaus in der Hauptstadt Kathmandu. Mit den Ärzten dort bespricht er seine akuten Fälle. "Schwerkranke brauchten früher zwei Tage, bis sie zur Behandlung im Tal waren. Wir mussten sie in handgemachten Tragen nach unten bringen", erzählt Mun. "Hier konnten wir nur leichte Fälle behandeln. Jetzt hilft mir der Arzt in Kathmandu bei der Diagnose und schickt die richtige Medizin her. Das macht einen großen Unterschied."

(APA/AFP)