Digital Life
05/10/2017

Mit Programmierer-Rockstars gegen den Fachkräftemangel

An Donnerstag findet Europas größte Entwickler-Konferenz in Wien statt. Mit bekannten Namen, wie Doom-Erfinder John Romero, will man Wien für Entwickler attraktiver machen.

Sei es nun Bill Gates, Elon Musk oder Steve Jobs: All diese Gründer werden aufgrund ihrer Erfolge als regelrechte Genies gefeiert. Doch so talentiert sie in gewissen Disziplinen auch sein mögen, für den rasanten Aufstieg ihrer Unternehmen ist meist ein großes Team an Entwicklern verantwortlich, die selten oder gar nie in das Rampenlicht treten. Ebendas will nun eine Wiener Konferenz ändern.

“Die Entwickler stehen nicht in der ersten Reihe, sie sind aber für das System sehr wichtig. Wenn man ein Start-up mit einer Band vergleichen würde, wären sie die Schlagzeuger oder Bassisten”, so Thomas Pamminger, der gemeinsam mit Sead Ahmetovic und Benjamin Ruschindie Konferenz “WeAreDevelopers”organisiert.

Mehr als 3000 Teilnehmer erwartet

Dazu hat man die “Rockstars” der Branche eingeladen. So kommen Rasmus Lerdorf und Hakon Wium Lie, die vor mehr als 20 Jahren die Web-Standards PHP und CSS entwickelt haben. Ohne diese Technologien wäre das moderne Web nicht möglich. Und auch die großen US-Konzerne wie Google, Netflix, Uber oder Amazon sind prominent vertreten. Man habe das Programm bewusst so gestaltet, dass beispielsweise Marketing- oder Sales-Verantwortliche damit nichts anfangen können, erklärt Ruschin: “Bei uns sind wirklich nur Developer und Entscheider.”

Das Ergebnis: Mehr als 3000 Teilnehmerwerden am 11. und 12. Mai in der Wiener Marx-Halle erwartet. Damit ist “WeAreDevelopers” die größte Entwicklerkonferenz Europas. Ähnlich viele Teilnehmer ziehen lediglich die Entwickler-Konferenzen großer US-Hersteller, wie von Microsoft oder Google, an. Dort werden aber meist ausschließlich die Produkte des Herstellers diskutiert. Das wollen die Veranstalter vermeiden und locken stattdessen einen bunten Mix an Talenten nach Wien.

Gegen den Fachkräftemangel

Genau das ist gefragt. Denn obwohl die Konferenz gut besucht ist, herrscht derzeit in der IT-Branche ein akuter Fachkräftemangel. Daraus ist auch die Idee zur Konferenz entstanden: “Viele Unternehmen haben ein Problem, gute Developer zu finden. Wir haben uns dann die Landschaft angeschaut und festgestellt, dass man die Developer üblicherweise auf Meet-ups findet”, erklärt Ahmetovic. “Das sind kleine Events, auf dem oft nur zehn bis zwanzig Leute sind. Allein in Österreich gibt es weit über 100 davon. Unser Ziel war es, all diese Meet-ups miteinander zu vernetzen und zu einer Veranstaltung zusammenzuführen.

Mit dem Event wolle man auch Wien als Standort für Entwickler stärken. Ein Drittel der mehr als 3000 Besucher reist aus dem Ausland an. Insgesamt werden Besucher aus 50 Ländern, darunter auch aus Honduras, den Philippinen oder Südkorea, erwartet. “Wien hat sicher nicht das Image einer Tech-Stadt. Woher auch? Wir haben bis dato wenige große Konzerne gehabt, die hier Entwicklung machen.” Erste Schritte in die richtige Richtung gäbe es bereits. So hat IBM im Vorjahrein Client Innovation Center eröffnet, das für den IT-Riesen neue Technologien erforschen und weiterentwickeln soll. Jeden Monat wurden zehn neue Mitarbeiter, vorrangig Entwickler, eingestellt.

Hoffen auf gleichen Effekt wie Pioneers Festival

An innovativen Unternehmen würde es in Österreich nicht mangeln, so Ahmetovic: “Da gibt es viele Unternehmen in Österreich, die für Entwickler interessant und oft sogar Weltmarktführer sind, aber zugleich auch wenig sichtbar.” Als Beispiel dafür zieht er den Technologie-Hersteller TTTech heran, der unter anderem die NASA beliefert. “Ich glaube, die österreichischen Tech-Firmen müssen auch mehr internationale PR für sich machen, um die Talente hierher zu bewegen.” Hier will man mit der Konferenz ein wenig nachhelfen. “Den Effekt, den das Pioneers Festival auf die Start-up-Branche hatte, wollen wir auf die Tech-Branche haben”, hofft Ruschin.

Politische Rückendeckung hat man offenbar, Bundeskanzler Christian Kern und Staatssekretär Harald Mahrer treten bei der Eröffnung der Konferenz auf. Zugleich kritisieren die Veranstalter aber auch die aktuelle Bildungspolitik. “Wir haben zu wenig praktische Ausbildung”, sagt Ruschin. “Es muss ja nicht ein klassisches universitäres System sein, es kann ja auch eine Coding School sein.” Zudem müsse Informatik bereits von klein auf gelehrt werden, ähnlich wie in Skandinavien. “Es kann nicht sein, dass du dich in dieser digitalisierten Zeit erst in der Mittel- oder Hochschule mit diesem Thema beschäftigst”, sagt Ahmetovic.

Wer schon alles kann, hat es oft schwer

Vorbild dafür könnten die USA sein, in denen sich viele Menschen das Programmieren selbst beibringen und so ihre IT-Karriere beginnen. “Die meisten Arbeitgeber, mit denen wir sprechen, interessieren sich gar nicht dafür, ob die Personen einen Abschluss von einer Universität hat. Wenn er die Fähigkeiten hat, die das Unternehmen braucht, wird er angestellt.” Hierzulande habe man es aber als Autodidakt ohne Titel oft schwierig, da insbesondere große Unternehmen einen Bachelor- oder Master-Abschluss verlangen.

Neueinsteiger warnt Pamminger davor, sich auf reine Trend-Themen zu konzentrieren. So gibt es aktuell einen großen Hype um Chatbots - Programme, mit denen sich ein Nutzer via Sprache oder Text unterhalten kann. “Wenn man sich die Digitalisierung in einigen Branchen ansieht, fällt auf, dass einige viel weiter als andere sind. Unternehmen wie Bosch, die gerade stark nach Entwicklern suchen, beschäftigen sich mit ganz anderen Themen als Chatbots. Da geht es eher um die Frage: Wie wird mein Unternehmen in zehn oder zwanzig Jahren aussehen?”

Hier habe Österreich noch großen Nachholbedarf, auch da viele Manager die Vorzüge der Digitalisierung nicht erkennen und abwarten würden. Ein fataler Fehler, meint Ruschin: “Überleben werden sie nur, wenn sie das, was sie tun, digitalisieren und automatisieren.”