Mozilla: "Mehr soziale Funktionen für Firefox"

© Jakob Steinschaden

Mozilla: "Mehr soziale Funktionen für Firefox"
05/12/2011

Mozilla: "Mehr soziale Funktionen für Firefox"

Mitchell Baker, die Vorsitzende der Mozilla Foundation, spricht im Interview mit der futurezone über die soziale Zukunft von Firefox, Mozillas Strategie gegen Apple und die Männerdominanz in der Internetbranche.

von Jakob Steinschaden

Die Vorsitzende der Mozilla Foundation, Mitchell Baker (54) kennt das Spielchen nur zu gut: In den Neunzigern kämpfte sie beim Browser Netscape gegen die Vormacht von Microsofts Internet Explorer, brach mit dem Firefox dessen Monopolstellung und sieht sich jetzt mit der restriktiven App-Welt von Apple konfrontiert.

Gratulation: Firefox 4 hat in Sachen Downloads den Internet Explorer 9 um Längen geschlagen.Baker: (lacht) Danke!

Mission erfüllt?Wir haben Microsoft und das IE-Team angespornt, für ein besseres Web zu arbeiten, und ich glaube, sie arbeiten heute hart daran. Das werten wir als Erfolg, aber wir streben nicht 100 Prozent Marktanteil an. Wir wollen mit unseren Produkten demonstrieren, dass die Leute Wahlmöglichkeiten im Web haben und es genießen können. IE 9 ist ein Erfolg für uns, aber Firefox ist immer noch vorne.

Firefox hat auch seine Macken. Viele Nutzer finden, dass Googles Chrome schon schneller und besser ist.Zum Thema Geschwindigkeit: Firefox 3 ist nicht annähernd so schnell wie Firefox 4, und je nachdem, welche Funktion man testet, ist einmal Firefox 4 schneller und einmal Chrome. Für die meisten Leute ist der Unterschied nicht bemerkbar. Wer Speed-Probleme hat, sollte einmal alle Addons abdrehen, weil die wahrscheinlich die Ursache sind.

Trotzdem haben Sie angekündigt, noch 2011 zwei neue, schnellere Firefox-Versionen zu bringen.Das Internet verändert sich schnell, und ein Produkt, dass alle zwölf Monate überarbeitet wird, ist zu langsam. Deswegen haben wir uns dazu entschlossen, die Produktzyklen zu verkürzen. Firefox 5 und 6, das kann ich schon jetzt sagen, werden noch schneller.

Viele sind der Meinung, dass Internet-Browser die perfekte Software zum Managen der Online-Identität wären. Hat Firefox die Chance verpasst, ein Online-Netzwerk zu werden?Wir versuchen nicht, ein Social Network zu werden, genauso wenig, wie wir eine Suchmaschine oder ein Online-Shop sein wollen. Aber angenommen, Mozilla wäre im Bereich der Online-Identität stark, würden wir nicht ein Online-Netzwerk sein, sondern würden erlauben, Online-Identität quer durch verschiedene Netzwerke zu managen. Diese Kernidentität könnte man zu Facebook, aber auch zu vielen anderen Online-Netzwerken mitnehmen. Mozilla will Infrastruktur für Innovationen bereitstellen und nicht mit Applikationen konkurrieren.

Der Browser Rockmelt hat vorgeführt, wie sich so genannte soziale Dienste wie Facebook und Twitter direkt in die Software integrieren lassen. Wird es so etwas auch bei Firefox geben?Es wird keine Features wie bei Rockmelt geben, mit denen man direkt bei einem Dienst posten kann. Wir werden etwas machen, dass Nutzern von Facebook oder Foto-Diensten mehr Kontrolle gibt. Es wird definitiv mehr soziale Funktionen für Firefox geben.

Vielleicht sind soziale Features in Browsern gar nicht so gefragt? Der schon ältere Browser Flock etwa wurde kürzlich abgedreht.Also einige Funktionen, die wir “social” nennen, werden sicher kommen und wahrscheinlich erfolgreich sein. Das Schwere ist, diese Funktionen so zu gestalten, dass sie jeder benutzen kann. Über Facebook beschweren sich laufend Nutzer, und LinkedIn-User wollen wieder etwas anderes. Das andere Problem ist, wie man diese Funktionen wieder abdrehen kann. Wenn ich im Internet suche, will ich diesen Filter, diese Beeinflussung durch Online-Freunde vielleicht nicht haben.

Mozilla ist abhängig von Partnergeldern wie etwa von Google, Yahoo, Amazon oder eBay. Die Partnerschaft mit Google wurde 2011 noch nicht verlängert. Gefährdet das Mozilla?Sie haben recht, der derzeitige Vertrag mit Google läuft nach derzeitigem Stand im November aus. Aber als wir 2004 mit dem ersten Firefox gestartet sind, waren diese Partnerschaften noch auf ein Jahr ausgelegt. Wir haben diese Vereinbarungen immer verlängern können, und ich erwarte, dass wir sie auch heuer fortsetzen werden können. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, sich nach anderen Einnahmequellen umzusehen. Zum Beispiel?Schwierig zu sagen. Aus Business-Sicht ist es natürlich schlau, seine Einnahmequellen zu diversifizieren. Auf der anderen Seite mögen die Nutzer unsere Partner, und die haben keinen Einfluss darauf, wie wir unser Produkt gestalten. Die Suchfunktion ist etwa so eine. Neue Einnahmequellen dürfen neue Produkte nicht beeinflussen, und wir sprechen mit Google, Yahoo, eBay oder Amazon nicht über sie, auch wenn das viel Geld bringen würde.

Themenwechsel: Die Internetnutzung am Handy wird immer wichtiger. Werden Browser dort so wichtig sein wie am Desktop?Ich hoffe, dass die fundamentale Technologie, die einen Browser ausmacht, genauso populär wird. Ein Browser hat zwei Schichten: die technische Plattform und die visuelle Darstellung am Bildschirm. Diese darunterliegende Schicht, die es erlaubt, die selben Web-Inhalte mit verschiedenen Browsern abzurufen, gibt es in der App-Welt nicht. Wir testen gerade eine technische Infrastruktur, die es erlaubt, ein und dieselbe App auf vielen verschiedene Geräten, etwa einem iPhone, einem Windows-PC und einem Android-Handy zu nutzen.

Apple-Chef Steve Jobs findet ja, das am Handy nicht über den mobilen Browser, sondern vielmehr über Apps auf das Web zugegriffen wird.(lacht) Aus seiner Sicht stimmt das sicher, weil am iPhone nichts anderes als Safari funktioniert. Wir haben das schon einmal erlebt. Microsoft hat eine hochgradig zentralisierte Plattform betrieben, die 90 Prozent der Welt benutzt hat, und die zum Desaster wurde. Aber so muss das nicht laufen.

Wird Firefox jemals in den App Store kommen?Apple behauptet, dass das illegal sei, indem sie ihre Nutzungsbedingungen für den App Store entsprechend formulieren. Theoretisch könnten wir wie Opera eine Proxy-Lösung machen, aber wir haben uns für Firefox Home entschieden. Anstatt aber zu versuchen, Firefox in den App Store zu bringen, konzentrieren wir uns lieber auf die technische Plattform, die ich eben beschrieben habe.

Eines Ihrer Community-Mitglieder hat mit “Seabird” ein Handy-Konzept für Mozilla entworfen, das auf viel Gegenliebe gestoßen ist. Wird es jemals ein Firefox-Handy geben?Nein, wir haben derzeit keine Pläne, ins Hardware-Geschäft einzusteigen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Sofern es nicht unbedingt notwendig ist, konzentrieren wir uns lieber auf Software.Stichwort Software: Ein Handy-Betriebssystem wäre auch eine Option.Wir haben das überlegt, aber wir wollen lieber eine Infrastruktur machen, die unabhängig vom Betriebssystem funktioniert.

Mozillas E-Mail-Client Thunderbird steht immer im Schatten von Firefox. Wird man dort neue Kommunikationskanäle wie Facebook und Twitter integrieren?Thunderbird wird 2011 Verbesserungen bekommen. Wir glauben aber, dass die Integration von zusätzlichen Kommunikationskanälen eher im Web stattfinden sollte als in einer geschlossenen Applikation wie einem E-Mail-Client. Wir investieren derzeit viel Zeit und Energie, darüber nachzudenken, wie online kommuniziert wird. Die Integration von Twitter etwa wird nicht in Thunderbird kommen, sondern viel eher im Browser. Thunderbird steht deswegen im Schatten von Firefox, weil nur sehr wenige Menschen einen E-Mail-Client nutzen, und die wollen lieber weniger als mehr neue Features.Warum ist Firefox eigentlich so beliebt in Mitteleuropa? In Österreich ist er sogar Marktführer.Hier ist den Leuten offensichtlich Privatsphäre und Kontrolle wichtiger als in den USA. Außerdem hatte Netscape, von dem Firefox abstammt, eine sehr lebendige Anhängerschaft in diesem Teil der Welt. Die Sorgen, dass ein oder zwei Konzerne die ganze Kontrolle über das Internet haben, sind hier viel stärker ausgeprägt. Die Mozilla-Community, die es uns erlaubt, mit Microsoft und Google zu konkurrieren, ist in Zentraleuropa sehr stark.

Sie sind eine der wenigen weiblichen Manager großer Internetfirmen. Wie würde das Internet aussehen, wenn 50 Prozent der Chefs und Entwickler im Silicon Valley weiblich wären?Das Internet ähnelt noch stark einem Video-Spiel. Das wäre glaube ich anders.

Letzte Frage: Was hat es eigentlic mit Ihrer außergewöhnlichen Frisur auf sich?(lacht) Also, mit der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass es der Haarschnitt ist, den ich am meisten mag. Er ist pflegeleicht, stört nicht und sieht gut aus. Angefangen hat es mit einem sehr schlechten Haarschnitt, und ich sagte zu meinem Friseur: ,Das musst du richten. Probier aus, was du willst, ein Schlamassel ist es sowieso schon.`

Die Vorsitzende der Mozilla Foundation, Mitchell Baker (54) kennt das Spielchen nur zu gut: In den Neunzigern kämpfte sie beim Browser Netscape gegen die Vormacht von Microsofts Internet Explorer, brach mit dem Firefox dessen Monopolstellung und sieht sich jetzt mit der restriktiven App-Welt von Apple konfrontiert. Mit der futurezone sprach sie über die soziale Zukunft von Firefox, Mozillas Strategie gegen Apple und die Männerdominanz in der Internetbranche.
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