Digital Life
11.11.2017

ORF TVThek: "Die großen Gegner heißen Google und Facebook"

Wie werden wir künftig Fernsehen konsumieren? Während der ORF sich mit der Konkurrenz verbünden will, setzt Sky auf neue Inhalte wie VR.

Wie sieht die Zukunft des Fernsehens aus? Diese Frage wurde, neben vielen anderen, auf dem diesjährigen futurezone Day diskutiert. Fakt ist, dass trotz Hype um Netflix und Co nach wie vor 83 Prozent der Bewegtbildnutzung im linearen Fernsehen stattfinden. Bei den großen TV-Sendern gibt man sich deswegen auch relativ ruhig.

„Wir fühlen uns nicht als Dinosaurier und sind auch nicht so aufgestellt“, sagt Thomas Prantner, Chef der ORF TVThek und stellvertretender Direktor für Online und neue Medien beim ORF. Auch Pay-TV-Anbieter Sky fühlt sich mittlerweile gut auf die Zukunft vorbereitet, wie Sky-Produktmanager Tobias Kurig erklärt. Der Streaming-Anbieter „ Watchever“ sorgte beim Start 2014 laut Kurig „für viel Aufregung im Unternehmen“. Als Antwort wurde rasch ein Konkurrenzprodukt entwickelt, der Streamingdienst "Sky Ticket", mittlerweile gibt es „ Watchever“ nicht mehr.

ORF beschwert sich über Gesetz

Prantner fordert einen Schulterschluss der österreichischen Medien, auch der bisher als Gegner des ORF geltenden Privatsender und Zeitungen. „Die großen Gegner heißen Google und Facebook, die fast 50 Prozent der heimischen Werbeeinnahmen lukrieren können. Wir müssen da eng zusammenarbeiten, da wird sich in den nächsten Jahren einiges tun.“ Er fordert unter anderem eine gemeinsame Vermarktungsplattform und hebt die Zusammenarbeit über die APA-Videoplattform als positives Beispiel hervor.

Sandra Thier, die Gründerin des österreichischen YouTube-Netzwerkes diego5, sieht Google hingegen nicht als Feind. Sie ist offizielle Vermarktungspartnerin für Google und YouTube und hat zahlreiche heimische Stars der Videoplattform unter Vertrag. Erfolgreichste Vertreterin ist Joanna Zhou alias CuteLifeHacks. Die frühere Schmuckdesignerin dreht Bastelvideos und verdient damit laut Thier „zehntausende Euros pro Quartal“ und kann „sehr gut davon leben“. „Für sie ist ein Schleimbastel-Video vermutlich kein guter Content, für den Markt, auf dem man mehrere Millionen Abrufe erzielt, aber schon.“

"Content-getrieben"

Laut Prantner könne der ORF mit den Angeboten von YouTube und Co. aufgrund der geltenden Gesetzgebung nicht konkurrieren. Diese schreibt unter anderem mehrmonatige Prüfverfahren bei neuen Angeboten vor. Das sei laut Prantner „steinzeitmäßig lang“ und „gehört dringend geändert“. Er hofft vor allem auf die neue Bundesregierung. „Wir sind stark Content-getrieben, alle meine Angebote hängen massiv davon ab, was ich im in linearen Fernsehen zur Verfügung habe. Wir dürfen keine reinen Online-Inhalte produzieren.“

Bei der Nutzung lässt sich aktuell noch kein eindeutiger Trend erkennen. Während die absoluten Zahlen nach wie vor lineares Fernsehen als dominierende Nutzungsform ausweisen, ist Streaming stark am Vormarsch. Die aktuelle Sky-Exklusivserie Babylon Berlin wurde beispielsweise ebenso oft im linearen Fernsehen angesehen wie über On-Demand-Plattformen. Bei anderen Serien, wie „Walking Dead“ (mehr als zwei Drittel On Demand) und „ House of Cards“ (90 Prozent online) fällt das Verhältnis deutlicher zugunsten der Streaming-Plattformen aus, erklärt Kurig.

Hoffnung auf VR

Laut Prantner erfolgen bei der TVThek 50 Prozent der Abrufe am Desktop, 40 Prozent mobil und zehn Prozent am Smart TV. Dabei käme es auch auf den Inhalt an - je kleiner der Bildschirm, desto kürzer die angesehenen Beiträge. „Es wird sich niemand ein 90 Minuten langes Konzert auf dem Smartphone anschauen, sondern eher auf dem Smart TV“, sagt Prantner.

Große Hoffnungen werden auch auf neue Formate, wie Virtual Reality, gelegt. Sky experimentiert seit einigen Monaten mit diesem Format und veröffentlicht 360-Grad-Videos, beispielsweise von Sportereignissen oder Filmpremieren. „Wir haben erkannt, dass das viel mehr kann als lineares Fernsehen“, sagt Kurig. „Wir mussten auch ein eigenes Studio gründen, weil die Nachfrage bei diesen Inhalten so groß war.“

Prantner kann in einer 360-Grad-Aufnahme eines Flüchtlingslagers, wie es von Sky angeboten wird, keinen Mehrwert erkennen und bezeichnet es als eine Form des Voyeurismus. Thier zeigt sich hingegen von den Möglichkeiten der Technologie begeistert.

TV-Inhalte fotografieren

Thomas Willomitzer, der zuvor an den Start-ups Last.fm und Jumio beteiligt war, versucht hingegen mit einer neuen App den TV-Markt zu erobern. Bei Snapscreen macht der Nutzer ein Foto des Fernsehprogramms und bekommt dazu passend Inhalte präsentiert. So kann man beispielsweise ein Fußballspiel fotografieren und bekommt Infos zum Spieler oder der Mannschaft oder die Möglichkeit, eine Wette abzugeben. Laut Willomitzer kann die App aber auch genutzt werden, um „Lesezeichen“ für Streaming-Dienste zu setzen oder um Szenen mit Freunden zu teilen.

„Der Hype um Second-Screen-Apps ist meiner Meinung nach weitestgehend vorbei“, sagt Kurig. „Wir sehen gerade mit Sky VR, dass es nicht leicht ist, so ein Angebot zu monetarisieren.“ ORF-Manager Prantner sieht in der App einen „klaren Mehrwert“. „Wir werden auch nächstes Jahr einen Relaunch der TVThek machen, da würden wir gerne mehr Funktionen wie diese einbauen.“