GENERATION ANGST
11/10/2010

Profiteure und Verlierer des Kinderschutzes

Nicht erst seit dem umstrittenen Format "Tatort Internet" steigt die Angst der Eltern vor denjenigen, die sich Kindern und Jugendlichen im Internet mit unlauteren Absichten nähern. Eine derartige Medienaufklärung intensiviert die Angst noch zusätzlich. Teil eins der dreiteiligen Serie von Bettina Winsemann.

Die Komplexität alleine des WWW übersteigt oft das Verständnisvermögen der Eltern, Dinge wie P2P-Tauschbörsen oder Skype wirken bedrohlich und verstärken das Gefühl, den Kindern nicht mehr beistehen zu können. Medien"aufklärung", wie bei dem umstrittenen Format "Tatort Internet", verstärken diese Angst vor dem Unbekannten und vor dem, was darin lauert.

Seit "Tatort Internet" ist beispielsweise, anders als die Protagonisten der Sendung betonen, nicht etwa ein Problem wie "Cybergrooming" überhaupt in der Öffentlichkeit angekommen, vielmehr ist durch die reißerische Aufbereitung der Eindruck entstanden, Kinder und Jugendliche wie auch Eltern stünden hilflos den Scharen von in Chats lauernden Menschen gegenüber, die sich mit den Minderjährigen verabreden um dann mit ihnen sexueller Aktivitäten nachzugehen.

Cybergrooming oder: vom Reden zum Sex

Das Wort "Cybergrooming" ist ein Kunstwort, bestehend aus den Worten "Cyber" und "Grooming", wobei Cyber einmal öfter alles, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat beschreibt. "Grooming", (vom englischen to groom) = pflegen, präparieren, putzen) soll hier die Pflege der Kontakte beschreiben, das Präparieren des Kontaktes in der Hoffnung, diesen dann zu den gewünschten Treffen/Handlungen überreden beziehungsweise zwingen zu können.

Was sich aber so einfach anhört, ist in der Realität komplex und daher für die Ermittler durchaus ein Problem. Denn nicht nur ist Cybergrooming, in Deutschland im Strafgesetzbuch bereits geregelt, ein Sonderfall, der in der Offlinewelt nicht strafbares Handeln im Internet strafbar macht; sondern es ist auch eine Handlung, bei der nicht selten die Interpretation der Worte eine große Rolle spielt, so nicht eindeutig nachweisbar ist, dass tatsächlich eine sexuelle Handlung vorgenommen werden wollte.

Hier zeigt sich erneut die Analogie zum Märchen, das Internet ist der Wald, in dem die Gefahren lauern und die dort vorkommenden Gestalten benutzen vielfältige Andeutungen und Anspielungen. Es bleibt dann somit den Ermittlern bzw. schlussendlich den Gerichten überlassen, bei einer Anzeige wegen "Cybergroomings" zu beurteilen ob sich hinter "Komm her, ich zeig Dir was Schönes" eine sexuelle Anspielung verbarg oder nicht, ob hier also tatsächlich eine Vorbereitungshandlung zum Sex mit Minderjährigen getätigt wurde. Gerade wenn das Treffen noch nicht stattfand, kann oft genug nur gemutmaßt werden, was derzeit als "Schlupfloch bei der Strafverfolgung" bezeichnet wird.

Die bayerische Staatssekretärin, Beate Merk, plädierte in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dafür, die Nachweispflichten zugunsten einer strikten Verfolgung der "Täter" zu vernachlässigen. "Dass die sexuellen Absichten nicht in jedem Fall nachweisbar sein werden, ist wohl unvermeidlich. Aber Nachweisschwierigkeiten dürfen uns nicht davon abhalten, ein deutliches Signal gegen solch widerwärtiges Vorgehen von Pädosexuellen zu setzen. Wer anders denkt, hat immer noch nicht begriffen, was der Schutz von Kindern wirklich bedeutet." sagte Merk. Was Merk (und andere) vorschlagen, ist aber letztendlich eine Abkehr vom rechtstaatlichen Grundsatz, sie plädieren für eine Symbolstrafbarkeit, die dem Grundsatz "in dubio pro reo" widerspricht.

Du gehst mir nicht ins Internet...

Wie auch in den Märchen, wo den Kindern verboten wird, bestimmte Wege zu nutzen, ist der Ausweg vieler Eltern, Kindern und Jugendlichen das Internet zu verbieten. Diese hilflose Geste bedeutet nicht nur für die Betroffenen, dass sie in Zeiten des Internet als globales Kommunikations- und Informationsmedium außen vor bleiben, sie werden bei einer Zuwiderhandlung auch zusätzlichem Druck ausgesetzt. Die Eltern sind die ersten Anspruchspartner bzw. sollten es sein. Wenn aber befürchtet wird, dass es wegen der Nutzung des Internet bereits zu Auseinandersetzungen kommt, bleibt belästigten Kindern und Jugendlichen der Weg zu den Eltern versperrt, wenn es darum geht, sich die Probleme von der Seele zu reden und Lösungen zu finden.

Ähnlich verhält es sich mit Falschaussagen, wie sie beispielsweise auf manchen "Kinderschutzseiten" zu finden sind. In einem besonders perfiden Fall wurde suggeriert, Kinder und Jugendliche würden sich selbst strafbar machen, wenn sie von sich sexuell aufreizende Fotos verschickten. Dies ist nicht nur rechtlich gesehen falsch, es gibt jenen, die Minderjährige zu solchen Fotos überreden konnten, ein zusätzliches Druckmittel. "Schick mir weitere Fotos, sonst sage ich der Polizei, was du mir geschickt hast und du kommst ins Gefängnis." wirkt dann zusätzlich auf die ohnehin schon überforderten Minderjährigen ein.

Der "böse Kinderschänder" lauert überall

Es bedarf keiner großen Recherchearbeit, um festzustellen, dass die Mehrheit der sexuellen Übergriffe an Kindern und Jugendlichen durch Verwandte oder Bekannte erfolgt. Die Statistiken der Polizei sprechen hier eine deutliche Sprache, dennoch arbeiten auch die Medien daran mit, die Angst vor dem im Internet oder draußen lauernden Kinderschänder stetig zu verstärken. Auch hier resultiert diese verstärkte Angst in hilflosen Schutzgesten, die nicht helfen. Im Gegenteil, die Angst der Eltern führt hier noch zu Nebeneffekten und einer Art Hyterie, die insbesondere für Kinder negativ zu bewerten sind.

So hat eine Umfrage der britischen Organisation "Play England" ergeben, dass ein Drittel der Befragten einem Kind in Not nur noch zögerlich helfen würden da die Angst als Kidnapper oder Schlimmeres angesehen zu werden, zu groß ist. 44% der befragten Männer und 28% der Frauen gaben dieses Problem an. 47% der Befragten gaben an, dass es für Kinder draußen zu gefährlich sei, weshalb für Kinder oftmals nur noch das Spielen in der Gruppe erlaubt wird. Dadurch, dass auch der soziale Zusammenhalt innerhalb bestimmter Orte oder Stadtviertel nicht mehr gegeben ist und teilweise Schulfreunde weiter entfernt wohnen, bleibt Kindern somit nur noch das Spielen im Haus. Dazu kommt, dass sich die Sorgen der Eltern auf die Kinder übertragen - immerhin 71% der Kinder sorgen sich in Bezug auf Fremde, die sie verfolgen oder kidnappen.

Obgleich die Fakten und Zahlen wenig Anlass für diese übertriebene Besorgnis geben, werden Eltern und Kinder hier unter anderem von den Medien in eine Art Strudel der Angst gezogen, der insbesondere einer großen Industrie nutzt: der, die sich um "Kinderschutz" in technischer Hinsicht kümmert. Ein lukratives Geschäft, in dem wir euch in Teil 2 der Serie berichten: "Öffnet eure Brieftaschen für die Kinder".

(Twister/Bettina Winsemann)

**Weitere Infos:

Profiteure und Verlierer des Kinderschutzes II

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