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Start-up-Geschichten
02/24/2011

Refinder: Das nächste Level des Hyperlinks

"Wir haben gespürt, dass wir an etwas Großem dran sind", sagt Leo Sauermann vom heimischen Internet-Start-up Gnowsis. Mit der Software "Refinder" sollen deswegen Daten online und offline auf neuartige Weise miteinander verknüpft werden und eine Art elektronisches Gedächtnis schaffen.

von Jakob Steinschaden

"Wir verstreuen heute irrsinnig viele Daten am Desktop, in Wikis, bei Twitter, Facebook oder in Evernote. Und dann verliert man den Überblick", sagt Leo Sauermann, Chef und Gründer der Wiener Web-Firma Gnowsis. "Wir haben eine Lösung dafür: Man muss all diese Daten miteinander verbinden." Mit der neuen Software "Refinder", die ab sofort den ersten 1000 Interessierten zum kostenlosen Testen bereitgestellt wird (www.getrefinder.com), soll man seine Daten verknüpfen können. Möglich wird das vorerst über ein Plugin für Microsofts "Outlook": In einem Seitenfenster kann man seine Kontakte mit Terminen, Webseiten, Links oder Dateien jeglichen Formats verknüpfen. Die dazu notwendigen Tags werden zentral in der Cloud - auf Servern in Deutschland und Österreich - gespeichert. In der Praxis heißt das: Klickt man im eigenen Account auf der Webseite eine Verknüpfung an, springt sofort die passende Datei auf, egal, wo sie liegt.

"Heute dominieren Suchmaschinen", so Sauermann, "was wir aber eigentlich brauchen, sind Navigations-Maschinen." Nur 15 Prozent der Computer-Nutzer würden die Suchfunktion ihres Rechners nutzen, der Rest klicke sich lieber durch Ordner. "Man hangelt sich in Verzeichnisse wie Schule, Studium, Arbeit, weil man sich so instinktiv fortbewegen kann", so Sauermann. "Menschen denken vernetzt. Deswegen bieten wir diese Wege als Produkt an."

Für Insider heißt das: Refinder ist dank der Verwendung des
Standards RDF ("Resource Description Framework") macht Semantic-Web-tauglich. Für Laien: Google findet Neues, Refinder durchstöbert schon Bekanntes.

Ausbau geplant

Zwar ist Refinder derzeit nur als Plugin für Outlook zu haben, in den nächsten Monaten sollen aber eine iPhone-App sowie Anbindungen an den Kurznachrichten-Dienst Twitter, den Notizen-Verwalter Dropbox und das Kollaborations-Tool Basecamp folgen. Großes Ziel ist, auf allen Betriebssystemen Fuß zu fassen und in möglichst vielen Programmen und Web-Anwendungen eingebettet zu werden. Der nächste Schritt wird aber voraussichtlich Gmail sein. "Wir waren bei Google im Silicon Valley, und die haben gesagt: Ja, baut Plugins, kein Problem", sagt Sauermann, "allerdings stecken sie dann auch 20 Prozent vom Umsatz ein."

Eine eigenständige App, wie man sie von Evernote kennt, wird es vorerst nicht geben, weil die Belastung des Prozessors und des Arbeitsspeichers zu hoch seien. Die Entwicklung einer Offline-App von Refinder wird erst nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr angegangen. Derzeit wird darauf geschaut, das Nutzererlebnis auf "Seamlessness" zu trimmen. "Bei Dropbox oder Evernote sind die Dateien an drei oder vier Orten gleichzeitig", so Sauermann. "Auch für uns ist es deswegen einiger Aufwand, die Nutzung wirklich nahtlos zu ermöglichen."

Ist Refinder - in der Beta-Version sind derzeit etwa 50 Bugs bekannt - momentan noch kostenlos testbar, soll es in näherer Zukunft in ein kommerzielles Modell überführt werden. Dann sind nach einem Gratis-Zeitraum von 60 Tagen monatliche Gebühren fällig, die etwa fünf bis sieben Euro betragen könnten. Erstes Zielpublikum sind laut Sauermann "Wissensarbeiter" (z.B. Journalisten), weil die für so etwas am ehesten zahlen würden.

EU-Projekt als Sprungbrett
Hervorgegangen ist Refinder ursprünglich aus dem EU-Projekt NEPOMUK (in Anlehnung an den Brückenheiligen, Anm.) das mit 17 Millionen Euro gefördert wurde und an dem Sauermann wesentlich beteiligt war. Seine Firma Gnowsis wiederum ist ein Spin-Off des Deutschen Instituts für Künstliche Intelligenz und der Universität Wien. Parallel zu seinen Entwicklungen wurde in den USA ein ähnliches Projekt gestartet - nur in einer anderen Größendimension: Mit "CALO" wurde ein DARPA-Projekt um 200 Millionen Dollar betrieben, aus dem schließlich die Personal-Assistant-Applikation "Siri" entstand, die im April 2010 von Apple wiederum um 200 Millionen US-Dollar aufgekauft wurde.

Das sei auch ein wesentlicher Nachteil, den österreichische Start-ups gegenüberstehen. "Uns fehlt diese Kultur, mit Risikokapitalgebern auf ein Bier zu gehen", sagt Sauermann. Im Silicon Valley hätte es mit dem "Homebrew Computer Club" (Apple-Gründer Steve Jobs etwa war dort Mitglied) eine Keimzelle gegeben, aus der eine wichtige Firmen entstanden, die heute junge Start-ups finanzieren.

"Wir sind nur fünf Leute und haben nicht die Venture-Millionen herumliegen", sagt Sauermann. "Aber wir suchen gerade Investoren. 150.000 Euro wären jetzt ganz gut."

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Leo Sauermann, CEO von Gnowsis
Memex: Bereits 1945 beschrieb der US-Mathematiker Vannevar Bush mit dem "Memory Extender" eine Maschine, die in Tischform und auf zwei berührungssensiblen Bildschirmen Mikrofilme abrufen lassen konnte. Vorgesehen, war, die Bildinhalte untereinander über Verknüpfungen in Beziehung zu setzen. Abgelegte Informationen sollten sich über so genannte "Trails" (Pfade) erforschen lassen. Somit war schon vor 65 Jahren ein persönlicher Informations-Assistent zumindest am Papier erfunden.
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