Digital Life
27.06.2014

"Trial & Error ist der bessere Weg"

David Kelley, Design-Vordenker und Leiter der d.school an der Universität Stanford spricht im futurezone-Interview über Trial & Error, Hollywood und Kreativität bei Kindern.

David Kelley leitet das Designinstitut d.school an der Stanford Universität und gründete das Design-Beratungsunternehmen Ideo. Er gilt als Mitbegründer des „Design Thinking“, einer Methode zur Entwicklung neuer Ideen. Die futurezone sprach mit dem Design-Vordenker über revolutionäre Produkte.

futurezone: Es hat den Anschein, dass viele revolutionäre Produkte aus den USA, konkret aus dem Silicon Valley, kommen. Warum?
David Kelley: Weil die Menschen im Silicon Valley glauben, dass sie die Welt verändern können, sie sind einfach aufgeschlossener. Wenn ich andere Länder außerhalb der USA besuche, erfahre ich immer, warum man etwas nicht tun kann, warum etwas nicht funktionieren wird. Im Silicon Valley sagt man – möglich, dass das funktioniert, probier es.

Kann ein Designer die Welt verändern?
Eine kulturelle Veränderung herbeizuführen, ist wirklich schwierig, denn da muss sich die Gesinnung, die Einstellung der Menschen ändern. Ein Designer, wie ich es interpretiere, kann die Welt als „design thinker“ verändern. Jedes Produkt, das meine Firma IDEO entwirft, ist interessant für diese Welt. Um die Welt zu verändern, muss man etwas bringen, das ein Durchbruch ist. Da genügen nicht kleine Buschfeuer, da müssen viele dieser kleinen Feuer zusammen kommen.

Sie haben eben diesen Begriff „Design Thinking“ entwickelt. War daran das digitale Zeitalter schuld?
Wir haben anfangs nur physikalische Dinge gemacht. Da ein neues Fahrrad, hier ein neuer Sessel, ein neuer Toaster, ein neuer Einkaufswagen. Den Prototypen haben wir dann dem Kunden gezeigt und er hat entschieden – ja, so machen wir das. Heute machen wir nicht nur Produkte, sondern wir entwickeln Services. Wir machen Videos der Zukunft. Etwa, wie Menschen in Zukunft in das Spital einchecken. Wir liefern unsere Ideen, wie es funktionieren könnte. Wir machen noch immer das gleiche, aber wir malen ein Bild der Zukunft und in diesen Bildern stecken unsere Ideen. Das ist etwas, was Designer nämlich gut können, Bilder zu malen, in dem ihre Ideen vorkommen.

Aber wenn der Begriff Design fällt, denkt man in erster Linie an Produkte.
Stimmt, wir hatten das Problem vor allem in Europa aber auch in New York – wenn Journalisten Design hören, denken sie immer an Kunst, an Ästhetik. Aber ich bin kein Ästhetik-Professor, ich bin ein Ingenieur.

Wenn Sie in die Zukunft schauen – welcher Zeit-Horizont macht da Sinn?
Zu weit in die Zukunft zu blicken, also etwa hundert Jahre, macht keinen Sinn, weil es für die Menschen irreal, nicht vorstellbar ist. Wenn ich über die Zukunft nachdenke, gehe ich in die Vergangenheit zurück – wenn man an die Anfänge der Computer denkt, an den Beginn des Web, dann haben die Menschen eine Vorstellung. Daher macht es meiner Meinung nach nur Sinn, so weit in die Zukunft zu blicken, wie man in die Vergangenheit schauen kann, die man selbst noch erlebt hat bzw. an die man sich noch erinnern kann. 20 Jahre in die Zukunft zu schauen ist da ein guter Zeitrahmen. Alles darüber hinaus ist Spekulation.

Sie leiten die d.school in Stanford, eine der anerkanntesten Design-Institute der Welt. Wie unterscheiden sich Ihre und die heutige Generation bei der Design-Arbeit?
Heute wird experimenteller, intuitiver gearbeitet. Beispiel Computer: Ältere Menschen haben Angst, dass etwas schief gehen könnte. Jüngere probieren einfach herum. Und wenn es schief geht, dann reparieren sie es und dann starten sie einen neuen Versuch. Das ist ein intuitiverer Weg. In meiner Generation wurde ein Projekt gestartet, da wurde anfangs festgelegt, was rauskommen sollte, es gab eine lange Planungsphase und am Ende gab es dann ein Ergebnis. Heute sind es viele Einzelexperimente, bis das Projekt abgeschlossen wird, heute werden verschiedene Ideen versucht, bis es zu einer endgültigen Lösung kommt, es gibt viele Realisierungs- und Probierphasen.

Sie beschreiben das im Valley so populäre Trial & Error?
Genau, früher hatte man eine lange Planungsphase, heute lehren wir ihnen, etwas nicht nur im eigenen Labor zu kreieren, sondern die Ideen laufend herzuzeigen, dem Boss, dem Kunden, dem Kollegen, auch Menschen, die mit der Idee, dem Produkt nichts zu tun haben. Mit jedem Feedback lernt man dazu. Wir hätten es nie unserem Vorgesetzten gezeigt, ehe es nicht perfekt gewesen wäre.

Was ist der bessere Weg?
Die Trial&Error-Weg natürlich. Auch ich habe meine Methode geändert, weil ich gemerkt habe, dass hier mehr rauskommt und weil ich bei meinen Studenten sehe, dass das ständig funktioniert.

In der d.school wurden viele spannende Produkte entwickelt, wie die Solarlampe d.light für Entwicklungsländer. Was sind Voraussetzungen für eine disruptive Technologie, die die echten Probleme löst?
Um eine disruptive Technologie zu entwickeln, muss das Produkt ein echtes Problem, und deren gibt es auf der Welt genug, lösen. Das Produkt, das Service muss machbar sein, man muss es aus Geschäftssicht vertreiben können, es muss technologisch funktionieren und die Kunden müssen es wollen. Genau hier kommt das Design Thinking ins Spiel – wir beobachten, erkennen Probleme und dann schauen wir uns an, welche Technologie es gibt oder entwickelt werden muss, um dieses Problem zu lösen. In Indien sterben jährlich zwei Millionen Babys an Unterkühlung, weil sie nicht rechtzeitig in ein Spital und zu einem Inkubator gebracht werden können. Wir haben eine Art Schlafsack entwickelt, Embrace, dessen Hülle mit Parafin gefüllt und erwärmt werden kann. Allein heuer haben wir mit dieser Erfindung 50.000 Leben retten können.

Der Unterschied der Kulturen. Welche Fehler macht Europa?
Ich kenne nicht ganz Europa, aber das Klischee-Beispiel ist – ich gehe zu einem deutschen Produzenten und schildere ihm die Idee eines, sagen wir, hölzernen Apfels. Jeder im Raum sagt dir, warum es eine schlechte Idee ist. Derjenige, der das beste Argument hat, warum aus der Idee nichts wird, ist der Held und wird in der Gruppe als besonders smart angesehen, weil er am besten weiß, warum es nicht funktionieren kann. In einer guten Unternehmerkultur würde sich das der gleiche Mann denken, würde aber neue Ideen einbringen und so die Grund-Idee und auch das Produkt verbessern. Im Silicon Valley hält man nichts davon, Ideen und Geheimnisse für sich zu behalten, sondern darüber zu reden, damit die Ideen besser werden. Ich beschütze nicht meine alte Idee, sondern bekomme durch Input eine bessere, neue.

Mit Ihren Ideen haben Sie auch schon Hollywood beeinflusst. Wie arbeiten Sie mit der Filmindustrie zusammen?
Hollywood ist ein lustiger Platz, da es unter den Producern einen regelrechten Wettbewerb gibt, wer die beste und neueste Technologie verwendet. So wie die angesagtesten Schauspieler gebucht werden, bauen sie in ihre Filme auch neue Technologien ein – beim Filmen, bei der Gestaltung oder auch als Gerät im Film. James Cameron ist so einer, der immer das Neueste will. Für uns ist Hollywood ein fantastischer Platz, weil sie große Budgets haben, die viel möglich machen.

Sind Sie häufig mit Hollywood in Kontakt?
Die ganze Zeit. Sie haben ein Problem, wir haben die Lösung. Ich erinnere mich an die Free-Willy-Filme, da wollten sie anfangs einfach einen Wal-Plastikkopf auf einer Stange montieren. Wir haben ihnen dann gesagt, dass wir einen einen echten, schwimmenden Wal produzieren können, der noch dazu so aussieht wie ein echter und den der Regisseur dirigieren also fernsteuern kann. Der Wal hat sieben Millionen Dollar gekostet.

Die Filmindustrie beeinflusst also auch die Erfinder/Designer, die Technologie-Unternehmen?
Hollywood ist wirklich gut für magische Ideen, in Hollywood beherrscht man das Story-Telling, das Geschichte-erzählen, wenn man an die Transformer-Filme denkt. Was man nicht beherrscht, ist die Technologie. Die Filmschaffenden malen ein interessantes Zukunftsbild, allerdings irren sie sich öfter als sie Recht haben. Hollywood ist wichtig, um die Menschen für die Zukunft zu interessieren.

Woher bekommen Sie Ihre Ideen?
Von Menschen, ich beobachte sie und sehe auch, wo ihre größten Probleme liegen.

Die sind Ihrer Meinung nach?
Bildung – man hat sein junges Kind und man weiß, dass der Unterricht dem Kind mehr schadet als nützt. Da hoffen wir, einiges zu entwickeln, das der Welt hilft. So wie in Peru, dort haben wir die Innova-Schulen mitentwickelt. Die verfolgen ein ganz anderes Lehrkonzept, mit offenen Räumen etc. Die meisten Schulen schauen doch eher aus wie Gefängnisse.

Was soll ein kleines Kind spielen, um kreativ zu sein?
Ich frage immer Studenten, wenn sie an die D-School kommen, was ihr Lieblingsspielzeug war – wenn sie Lego sagen, sag ich „ok“. Lego ist sehr wichtig.

Sollte man nicht Kinder fragen, welche Probleme sie lösen wollen bzw. was ihrer Meinung nach die Probleme sind?
Unbedingt, denn wenn man Kinder fragt, was die Probleme der Welt sind, sagen sie Armut, Entwicklungsländer, Bildung, Umwelt sowie Gesundheit. Solche Probleme wollen sie lösen, auch Kinder wollen an solchen Projekten mitarbeiten und „etwas Großes“ erfinden.

Geht das im heutigen Bildungssystem überhaupt?
Es gibt eine große Bewegung. Man muss den Kindern erklären und lehren, wie man Probleme löst. Meistens werden sie in Gruppen eingeteilt – in Talentierte, und in weniger Talentierte – und dann beginnen die Kinder genau so über sich zu denken – „Ich bin ein wenig Talentierter“. Das ist keine Motivation. Man muss ihnen sagen – du bist smart, du arbeitest hart an dir, du kannst das und du wirst noch besser.

Aber es ist Tatsache, dass nicht jedes Kind gleich talentiert ist?
Aber Kreativität hat nichts damit zu tun, ob man musikalisch ist, künstlerisch talentiert ist oder sportlich. Jeder ist kreativ. Jeder auf seine Art und Weise.

Wie und wann kann man mit der kreativen Bildung beginnen?
Man muss die Ängste beseitigen. Man darf ihnen nicht sagen, dass sie mit dem Klavier-Geklimpere aufhören sollen, weil sie es nicht können. Man darf ihnen nicht sagen, dass sie nicht gut malen können, man muss ihnen immer Mut machen. Wenn man ihnen sagt, dass es schlecht ist, haben sie Angst und dann versuchen sie nichts mehr. Aber das ist ein weltweites Problem. Man muss die Kinder an der Hand nehmen, ihnen zeigen, wie das Klavier spielen geht, ihnen sagen, du kannst das wirklich gut. Dann sind sie ermutigt.

Wie würden Sie Kinder kreativ fördern?
Am besten ist, man gibt es ihnen ein Projekt, anstelle eines Lehrbuches. Das ist projektbezogenes Lernen, bei dem ich schulisches Wissen spielerisch vermitteln kann.

David Kelley

Er ist einer der angesehensten Designer der Gegenwart, war mit Steve Jobs befreundet, hat Apples erste Computermaus gebaut, arbeitet regelmäßig mit Hollywood-Produzenten zusammen, seine Studenten haben unter anderem Instagram oder Snapchat entwickelt: David Kelley leitet nicht nur die d.school in Stanford, sondern gemeinsam mit seinem Bruder Tom das Unternehmen IDEO.

Nach seiner Ausbildung war er u.a. auch bei Boeing beschäftigt, wo er am Design der Boeing 747 mitgearbeitet hat. Kelley hat die Innovationsmethode "Design Thinking" begründet, gemeinsam mit seinem Bruder hat er das Buch „Creative Confidence: Unleashing the Creative Potential Within Us All“ geschrieben.