Digital Life
06.11.2012

US-Wahlkampf: Gläserner Bürger ist Realität

Noch nie haben politische Kandidaten so viel über die Bürger gewusst. Das Resultat der Verknüpfung von traditionellen Informationsquellen mit sozialen Netzwerken und Marktforschungsdaten ist – der gläserne Wähler.

Am Wahltag lautet die Devise: Gordon gegen ORCA. Beides sind digitale Systeme zum Monitoring von Wahllokalen. Freiwillige für Barack Obama und den republikanischen Herausforderer Mitt Romney werden vor bzw. – wo erlaubt – in den Wahllokalen drinnen beobachten, wer wählen geht und diese Information über eine Smartphone-App an die Zentrale übermitteln. Wahlbeobachtung dieser Art ist freilich nichts Neues. Doch das Smartphone schlägt die Stricherlliste allemal. Mit den neuen Systemen kann die Information in Echtzeit übermittelt, ausgewertet, um dann umgehend und vor allem gezielt in „Get-Out-The-Vote"-Initiativen in letzter Minute umgesetzt zu werden. Bei einem knappen Rennen kommt es auf jede Stimme an.

Zentrale Erfassung der Daten im großen Stil
„Der große Fortschritt im US-Präsidentschaftswahlkampf 2012 ist, dass die Information zentralisierter erfasst und ausgewertet wird. Das ist viel professioneller als noch 2008", meint Yussi Pick, der selber schon US-Kandidaten über digitale Strategien beraten hat. Für exemplarisch hält er Barack Obamas Dashboard: eine Plattform, für engagierte Wähler sowie Freiwillige. Via Dashboard werden Daten integriert: also etwa jene von der Wählerregistrierung in New Hampshire mit jenen der Stimmenwerbung in Ohio. Wer für Barack Obama arbeiten will, findet Skripts mit verschiedenen Szenarien, wie man mit Wählern redet.

Die Basis-Information ist zunächst die Liste der registrierten Wähler. „Diese enthält nicht nur grundlegende Daten wie Name, Alter und Adresse. Da steht auch drinnen, ob man ein registrierter Demokrat, Republikaner oder Unabhängiger ist sowie die Geschichte des Wahlverhaltens. Macht man vom Wahlrecht nur alle vier Jahre im Präsidentschaftswahlkampf Gebrauch? Oder wählt man auch dazwischen bei den Midterm-Elections oder vielleicht sogar bei den Vorwahlen? Wer immer wählen geht, ist ein überzeugter Demokrat bzw. Republikaner. Da kann sich die andere Seite die Überzeugungsarbeit sparen."

Doch das ist erst der Einstieg zur Erstellung eines modernen Wählerprofils, mit dem ein Wahlkonsulent etwas anfangen kann. John Phillips bezeichnet diese Information quasi als „die DNA der Wählerschaft". Der Boss von „Aristotle", einer Firma in Washington, die auf das Sammeln detaillierter digitaler Information spezialisiert ist, erklärte auf PBS: Man könne über einen Wähler gut 500 Datenpunkte zusammentragen. Und wie setzen sich diese zusammen? – Aus so gut wie jedem „like", das man einmal auf Facebook angeklickt hat, sowie etwa aus Abonnements, Mitgliedschaften, Käufen in online-Läden und über Kataloge.

Kandidaten folgen jedem online-Click
„Das allerneueste Werkzeug im Kampf um die Wähler sind Cookies", erklärt Yussi Pick. Diese Minidateien werden üblicherweise von kommerziellen Unternehmen, die dem Konsumenten etwas verkaufen wollen, auf dem Computer abgelegt. Damit experimentieren nun auch politische Kampagnen. Es bleibt ihnen auch kaum etwas anderes übrig. Denn mittlerweile bewegen sich etwa ein Drittel der registrierten US-Wähler bevorzugt im virtuellen Raum. Den Fernsehapparat drehen sie bestenfalls für Sportereignisse auf. Das heißt: Der große, teure Posten in jeder Kampagne – Fernsehspots – sind für diese Gruppe vergeudet. Will man diese Wähler erreichen, muss man ihnen also online folgen.

Differenziertes Mikrotargeting kann nun durchaus zum Kuriosum führen, dass drei Mitglieder eines Haushalts von den Kandidaten mit drei jeweils unterschiedlichen Online-Werbungen beglückt werden. Die Kosten beider Kandidaten für die Online-Werbung betragen diesmal rund 160 Millionen Dollar, - etwa sechs Mal so viel wie 2008.

Selbst noch so geschicktes Verknüpfen und Auswerten von Daten wird Wähler dennoch nicht gerade in Massen zu den Urnen treiben. Laut Studien bringt geschicktes Mikrotargeting einen Vorteil von zwei bis drei Prozent. Doch das kann bei einer knappen Wahl entscheidend sein. In 48 von 50 Bundesstaaten sowie in Washington D.C., dem District of Columbia, herrscht die Winner-takes-all-Regel. Das heißt: Der Kandidat, auf dem mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen fallen, bekommt alle Wahlmänner des jeweiligen Staates zugesprochen. Die magische Zahl für den Sieg im US-Präsidentschaftswahlkampf: 270 Wahlmänner.

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