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Stromerzeugung Wie Wien Energie den Windpark wartet.

Das geöffnete Windturbinen-Gehäuse in 65 Meter Höhe
Das geöffnete Windturbinen-Gehäuse in 65 Meter Höhe - Foto: Wien Energie/ Christian Hofer
Die futurezone war bei einer Windturbinen-Wartung in Österreichs höchstgelegenem Windpark dabei. Es war hoch, kalt und ein bisschen beängstigend, aber sehr faszinierend.

"Ich klettere voraus und ihr folgt mir einfach", sagt mir ein Wartungstechniker am Fuße der Leiter im 65 Meter hohen Turm 5 des Windparks Steinriegel. Wien Energie hat die futurezone eingeladen, bei einer Halbjahreswartung einer Windturbine dabei zu sein. Ich habe mich freiwillig gemeldet. Auf 1600 Meter Seehöhe stehe ich nun in schwerer Klettermontur, Arbeitsschuhen, Helm und Brille da, darunter Jacke, Haube und zwei Pullover - es könnte kalt werden.

Wie ein Space Shuttle

Beim Losklettern sorge ich gleich mal für Gelächter. Geklettert wird innen, zwischen Leiter und Turmwand, nicht außen an der Leiter entlang. Auf der Innenseite verläuft ja auch das Sicherungsstahlseil. Bereits nach wenigen Metern wird klar, dass der Aufstieg anstrengender als gedacht wird. Alle zehn Meter muss man eine Metallluke durchstoßen. Die kalte Leiter lässt die behandschuhten Finger taub werden. Zwischendurch muss ich dreimal rasten, mich gegen die Wand im Rücken lehnen und durchschnaufen.

Oben angekommen werde ich von Wolfgang und Stefan begrüßt, zwei Wartungstechnikern von Wien Energie, die gemeinsam mit zwei Kollegen einer Fremdfirma die Halbjahreswartung an der Windturbine vornehmen. Die Hinterseite des zigarrenförmigen Gehäuses ist geöffnet. Am Ende ragt ein spitz zulaufender Mast mit dem Windsensor oben drauf in die Höhe. Sieht fast so aus wie die Aufnahmen des Space Shuttle mit geöffneter Ladebucht.

Horrorvorstellung Umfallen

Der Länge nach verläuft der Antriebsstrang der Windturbine. Die Hauptwelle führt in ein großes Getriebe, von dort geht es weiter in den zylinderförmigen Generator. Daneben bleibt nur wenig Platz. Der Wind bläst heftig, rund 15 Meter pro Sekunde (54 km/h), schätzen die Wartungstechniker. Meine Hände klammern sich fest an das Getriebe, einerseits weil es warm ist, andererseits weil der Turm schwankt.

Ich frage die Anwesenden, ob sie das Schwanken des Turmes misstrauisch macht. "Das ist noch gar nichts. Wir sind auch bei 20 Meter pro Sekunde hier oben." Befürchten sie nie, dass der Turm einmal umfallen könnte? "Naja, diese Horrorvorstellung gibt es schon, dass ein Turm umkippt mitsamt den Leuten oben drauf." In den Anfängen der Windkraft ist ein Windturbinen-Turm auf Grund einer falschen Auslegung des Fundaments schon einmal umgefallen. Die Techniker vertrauen ihrer Anlage aber.

Schmiermittel

Ihre Aufgabe in luftiger Höhe ist es, ein Halbjahresservice durchzuführen. Dabei geht es darum, bestimmte Teile der Turbine zu kontrollieren. Außerdem wird sehr viel geschmiert. Auf einer kleinen Ablage über der Hauptwelle liegen Behälter mit unterschiedlichen Schmiermitteln. Werden auch Schrauben nachgezogen? "Nein, das wird nur beim Jahresservice gemacht."

An der Vorderseite des Turmes ragen die drei Blätter des Rotors - Gesamtdurchmesser: 62 Meter - ruhig in die Luft. Ob der Turm wohl noch mehr wackelt, wenn sich der Rotor bewegt? "Probieren wir's aus", meinen die Techniker und greifen nach der Fernbedienung. Ein unscheinbares Gerät an einem Kabel, mit kleinem Display, erlaubt die Steuerung der gesamten Anlage.

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Mit Wolfgang und Stefan (re.) am schwankenden Windrad - Foto: Wien Energie/ Christian Hofer

Vibrationen unerwünscht

Wenn das Windrad in Gang gesetzt wird, drehen sich zunächst die Rotorblätter um ihre eigene Achse, um dem Wind Angriffsfläche zu bieten. Der Windsensor am Heck des Gehäuses registriert, in welche Richtung der Wind bläst. Vier Motoren an der Basis des Turbinengehäuses drehen selbiges plus den Rotor davor in die richtige Position. Die Rotorblätter setzen sich erstaunlich schnell in Bewegung. Der Turm wackelt nur geringfügig heftiger.

Auch der Geräuschpegel steigt nur wenig an. Meine Händer liegen immer noch am Getriebe. Man spürt, dass sich darin was bewegt. Offenbar sollte man das nicht. Die Wartungstechniker nicken sich wissend zu. Vibrationen sind nicht erwünscht.

Strom für 24.000 Haushalte

Das Getriebe der Anlage übersetzt die Rotordrehung wahweise in 1000 oder 1500 Umdrehungen pro Minute. Der Generator ist auf diese fixen Drehzahlen ausgelegt. Neuere Anlagen, wie jene 11 Türme, die im Windpark Steinriegel im Jahr 2014 in Betrieb gingen, arbeiten mit variabler Drehzahl. Der Turm, auf dem ich stehe, zählt zu den zehn älteren Modellen am Steinriegel. Die neuen sind noch höher (85 Meter) und haben einen noch größeren Rotordurchmesser (71 Meter).

Die älteren Windturbinen, die am Kamm der Rattener Alm aufgereiht stehen, leisten jeweils 1,3 Megawatt. Die elf neuen Turbinen kommen auf jeweils 2,3 Megawatt. Der ganze Windpark zusammen weist eine Gesamtleistung von 38,3 Megawatt auf. Jährlich werden 79.000 Megawattstunden Ökostrom erzeugt. Damit kann der Strombedarf von rund 24.000 Haushalten abgedeckt werden.

Klaustrophobie

Im offenen Teil des Turbinengehäuses wird es langsam ziemlich kalt. Im vorderen, überdachten Teil ist man windgeschützt, kann jedoch nicht aufrecht stehen. In diesem Bereich halten sich die Wartungstechniker auch während ihrer Pausen auf. Proviant haben sie dabei. Hinauftragen müssen sie diesen nicht. Stattdessen kann man dafür einen kleinen Lastenkran verwenden. Was macht man, wenn man mal aufs Klo muss? Runterklettern oder durchhalten.

Am vorderen Ende des Gehäuses befindet sich die Luke, durch die man in die Windradnabe gelangt. Dazu wird zunächst das Windrad abgestellt und mittels einer großen Scheibenbremse über der Hauptwelle so angehalten, dass eine von drei Einstiegsöffnungen genau hinter der Luke liegt. Das Windrad wird dann noch mechanisch verriegelt, bevor ein Techniker in die Nabe einsteigen kann. Klaustrophobisch darf man dabei nicht sein. Auf den ersten Blick sieht es in der Nabe wie in einem U-Boot aus. Leitungen, Rohre, Motoren, dreckiges Wasser.

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Das Innere der Windradnabe - Foto: Wien Energie/ Christian Hofer

Besser als im Büro zu sitzen

Wie kommt man eigentlich dazu, so einen Job zu machen? Wolfang ist gelernter Schlosser, Stefan gelernter Elektriker. Beide sind einer Ausschreibung von Wien Energie gefolgt. Die Konkurrenz war dabei zahlreich. Gar nicht wenige Mitarbeiter wollten sich zum Wartungstechniker ausbilden lassen. Die Schulungen fanden in Deutschland und Dänemark statt. In ihrer Motivation sind sich die Männer einig: An Windrädern zu arbeiten ist für sie erfüllender als in einem Büro oder einer Werkstatt zu sitzen.

Nach eineinhalb Stunden ist die Kälte in alle Gewandschichten vorgedrungen und die Zeit für den Abstieg ist gekommen. Kurz befürchte ich, dass dabei gar nicht die Leiter benutzt wird und ich stattdessen aus 65 Meter Höhe abgeseilt werde. Aber nein. "Sowas passiert nur im Notfall, zum Beispiel wenn hier irgendwas zu brennen beginnt." Also wieder die Leiter runter. Wieder am Boden angekommen ist es deutlich wärmer, aber auch hier bläst der Wind.

Windräder in der Landschaft

Auf den ersten Blick scheint es so, als seien die Türme im Windpark Steinriegel recht zufällig in der Landschaft verteilt. Stimmt nicht so ganz, erklärt Andreas Dornhofer, der Projektleiter des Windparks. Er ist am Boden geblieben, aber auch dort schon ein wenig angefroren. Zwischen jedem Windrad (inklusive Rotor) gibt es seitlich mindestens den dreifachen Rotordurchmesser und in Hauptwindrichtung mindestens den fünffachen Rotordurchmesser Abstand.

Bei all dem Wind fragt man sich, wie die 21 Türme hier überhaupt errichtet worden sind. Dornhofer: "Im Sommer ist der Wind etwas schwächer." Für die Errichtung der Windräder und den Austausch bestimmter Teile muss ein mobiler Kran die engen Serpentinen auf den Bergkamm hinauf fahren. Bei dem Windturm, auf dem ich gerade war, wird es demnächst wieder so weit sein. Das Getriebe ist nach über zehn Jahren Betrieb reif für ein Großservice.

Wie eine Lok am Stahlmast

Ohne einen wirklich großen Kran geht dabei gar nichts. Das Turbinengehäuse kommt mitsamt allen Innereien auf rund 50 Tonnen Gewicht, mitsamt dem Rotor sogar auf 80 Tonnen, meint Dornhofer. Das ist in etwa so viel wie eine Zuglokomotive. Getragen wird das alles von einem Stahlzylinder, dessen Wände nur acht bis zehn Millimeter dick sind.

Wenn es nach Wien Energie geht, werden künftig mehr solcher Konstrukte errichtet werden. Das Versorgungsunternehmen will den Anteil erneuerbarer Energien in der gesamten Produktion bis 2030 auf 40 Prozent erhöhen. Derzeit liegt der Anteil bei 20 Prozent.

(futurezone) Erstellt am 30.04.2016, 06:00

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