Games
06.08.2016

Pokemon Go: Warum es kein zweites Pokévision geben wird

Niantic Labs liefert sich derzeit ein Wettrüsten mit Hackern, die Pokémon-Tracker wie Pokévision wieder zurückbringen wollen. Ein Kampf, den die Hacker bereits verloren haben.

Pokémon-Go-Entwickler Niantic Labs musste sich in den vergangenen Wochen viel Kritik gefallen lassen. Vor allem die Kommunikationspolitik des Unternehmens verärgerte viele Gamer. Statt sich konkret zu bestimmten Problemen, wie zum Beispiel dem "Drei-Schritte-Bug", zu äußern, hieß es meist "Kein Kommentar". Das will Niantic offenbar ändern. Das Unternehmen veröffentlichte am Donnerstagabend einen Blog-Post, in dem man erstmals sein Vorgehen gegenüber Drittanbietern wie Pokévision erklärte.

"Wie einige von euch vermutlich bemerkt haben, wurde Pokémon Go kürzlich in Lateinamerika inklusive Brasilien veröffentlicht", heißt es im Blog-Post. "Dieser Schritt hat sich durch das aggressive Vorgehen von Dritten, die auf unsere Server außerhalb des Spiele-Clients zugreifen wollten und damit gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, verzögert." Um die Last auf die Server zu verringern, wurden daher Änderungen an der API vorgenommen, die nun Zugriffe außerhalb des Spieles verweigern. Eine Maßnahme, die relativ rasch Wirkung zeigte: Niantic veröffentlichte ein Diagramm, das einen deutlichen Rückgang der Standort-Abfragen zeigen soll.

Niantic will Radar reparieren

Genaue Zahlen nannte Niantic jedoch nicht. Das sorgt nun für heftige Kritik vonseiten der Pokémon-Go-Community. Da die Y-Achse des Diagramms nicht beschriftet ist, kann nicht beurteilt werden, wie heftig die Last durch Drittanbieter tatsächlich war und ob der Rückgang signifikant ist. Zuletzt wurde aber bekannt, dass allein Pokévision, ein Web-Dienst, der Pokémon in der Nähe anzeigt, mehr als 50 Millionen Unique User verzeichnete, elf Millionen nutzten den Dienst täglich.

Derartige Kartendienste wurden von vielen Pokémon-Go-Spielern genutzt, um den Verlust des Pokémon-Radars auszugleichen. Das integrierte Tool sollte eigentlich über "Schritte" grob anzeigen, wie weit ein Pokémon entfernt ist und bei der Suche helfen. Doch dieser funktioniert aus unbekannten Gründen bereits seit einigen Wochen nicht mehr und zeigte zuletzt stets drei Schritte Entfernung an. In einem kürzlich veröffentlichten Update wurden nun die Schritte entfernt. Niantic versprach, dass man an einer Lösung arbeite. Ob die Schritte in der bisherigen Form zurückkehren, ist unklar. In der Beta-Phase zeigte der Tracker beispielsweise die Distanz in Zehn-Meter-Schritten an.

Jagd auf Unknown6

Das Abschotten der API soll auch Bot-Entwickler und Hacker, die gezielt die Server attackierten, treffen. Bots nutzten unter anderem den API-Zugang, um gezielt auf die Jagd nach seltenen Pokémon zu gehen und effizienter zu leveln. Die Änderung erschwert die Arbeit der Bots, verhindert diese aber nicht komplett. Einige Nutzer versuchen aus den Bots Kapital zu schlagen und verkaufen unter anderem auf Willhaben Konten - ein Problem, mit dem auch MMOs wie "World of Warcraft" seit Anbeginn zu kämpfen haben. Niantic hat aber offenbar damit begonnen, gezielt Sperren gegen Bot-Nutzer auszusprechen.

Eine rasche Lösung für die API-Sperre ist nicht in Sicht. Auch die gut organisierte Pokémon-Go-Community beißt sich derzeit die Zähne an den implementierten Maßnahmen aus. Statt Pokémon jagen derzeit zahlreiche Entwicklerden "Unknown6", der offenbar für die Kommunikation mit dem Server verlangt wird. Um was es sich bei " Unknown6" genau handelt, ist unklar - sei es nun digitale Signatur, Schlüssel oder Zertifikat, alles scheint möglich zu sein. Kurioserweise war die Funktion offenbar bereits zuvor im Client vorhanden, wie Vergleiche mit alten App-Versionen zeigen. Warum sich Niantic erst jetzt dazu entschlossen hat, die Sicherheitsmaßnahme zu aktivieren, ist unklar.Einige Nutzer spekulieren, dass Niantic bewusst Bots Zugriff gewährt hat, um deren Verhalten besser beobachten zu können.

Ein unerwünschter Nebeneffekt der Änderungen war aber offenbar auch ein Bug, der die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pokémon wegläuft, wesentlich erhöhte. Zudem fiel der Bonus an Erfahrungspunkten, wenn man einen "Klasse"-Wurf oder Besseres schafft, weg. Niantic gestand den Fehler ein und verspricht einen raschen Bugfix.

Frust auf Hacker-Community abgeladen

Der russische Bot-Entwickler Mila432 will eine Lösung gefunden haben, die er in einem YouTube-Video demonstriert. Da er jedoch, wie viele andere Entwickler auch, ein Unterlassungsanordnung von Niantic erhalten hat, darf er diese Lösung aber nicht veröffentlichen. In den Unterlassungsanordnungen scheint Niantic eine effiziente Waffe gefunden zu haben, die bereits schwerwiegendere Folgen als die Änderungen an der API haben. Die Entwickler-Community wurde um zahlreiche Talente reduziert.

Erschwerend kommt hinzu, dass zahlreiche Pokémon-Go-Spieler ihrem Frust freien Lauf lassen und Entwickler, die eine Lösung für "Unknown6" suchen, beschimpfen. Der öffentliche Discord-Channel der Reddit-Community musste kurzfristig geschlossen werden, mittlerweile ist er wieder zugänglich - und hoffnungslos überlastet und von Spam-Nachrichten überschwemmt.

Die Zeit der Tracker ist vorbei

Eine Rückkehr der Pokémon-Tracker ist zwar theoretisch möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Denn selbst wenn die technischen Hürden längerfristig überwunden werden können, werden wohl Niantics Anwälte rasch einschreiten. Wer nachhaltig suchen möchte, sollte sich daher an Crowdmapping-Projekten wie der österreichischen PokéMap beteiligen, die von Nutzern gemeldete Sichtungen sammeln und so mögliche Nester identifizieren wollen. Auch das beliebte Subreddit The Silphroad hat ein ähnliches Projekt gestartet, das einen weltweiten Pokémon-Atlas aufbauen will.