Games
08/05/2015

Serious Games: Flüchtlingsspiel und atomares Australien

Auf der GDC Europe hat das Spielestudio Blindflug darüber geredet, wie man die Balance zwischen Realismus und Spielspaß mit ernstem Hintergrund bewahrt.

Weltweiter Nuklearkrieg mit Milliarden Toten, Wasserknappheit in der Wüste und Flüchtlingsfamilien, die auf der Reise zu einem besseren Leben sterben: Das sind nicht gerade Themen, die sich für ein unterhaltsames Videospiel zu eignen scheinen. Das Schweizer Studio Blindflug wagt sich trotzdem daran.

Im Gegensatz zu anderen Entwicklern versucht Blindflug nicht komplett realistische oder abstrakte Games zu machen, die einzig den Zweck haben den Spieler auf einen Missstand hinzuweisen – die Spiele sollen auch noch Spaß machen. Auf der GDC Europe in Köln hat Tabea Iseli einen Vortrag dazu gehalten.

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Australien führt Atomkrieg

Das erste Serious Game von Blindflug ist First Strike. "Die Idee entstand nach drei Burgern und vier Bieren", sagt Iseli: "Es gibt eine große Abweichung zwischen dem persönlichen Weltbild und der Realität. Die Medienberichterstattung beeinflusst das persönliche Weltbild." So wird zwar ständig über Nordkorea und seine angeblichen zehn Atomwaffen berichtet und über den Iran, der bisher noch gar keine bestätigte Atomwaffen hat, aber nicht über, dass die USA noch immer über 200 Atombomben besitzen.

Bei First Strike wird dies spielerisch verdeutlicht. Der Spieler wählt zum Start eine Atommacht aus. "Wählt man die USA entspricht das dem leichtesten Schwierigkeitsgrad, weil die das größte Arsenal haben. Wählt man Nordkorea ist es nahezu unmöglich das Spiel zu gewinnen", so Iseli.

Um ein gutes Gameplay zu wahren, musste die Realität etwas adaptiert werden. So wurde die ehemalige Atommacht Brasilien in First Strike wieder zur aktiven Atommacht und auch Australien wurde thermonuklear bewaffnet. Ansonsten gäbe es in diesen Regionen keine Interaktion, wodurch der weltweite Atomkrieg nicht tatsächlich weltweit wäre. "Es hat deshalb negatives Feedback gegeben, aber weniger als wir zuvor vermutet hätten. Der negativste Bericht kam von einem Wiener Online-Medium, das uns vorwarf, mit einem Thema wie weltweiter Zerstörung Geld verdienen zu wollen", sagt Iseli.

Weltfrieden

In der First-Strike-Community löste ein anderes Thema eine lange Diskussion aus: Weltfrieden. Im Spiel gibt es ein verstecktes Achievement namens Weltfrieden. "Nur 0,5 Prozent aller Spieler haben das erreicht", sagt Iseli. Auch das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: Es ist schwerer Frieden zu wahren als Krieg zu führen.

Flüchtlingsspiel

"Als die Idee aufkam die Flüchtlingsproblematik in unser nächstes Spiel einzubauen, dachte ich mir zu Beginn nur: Oh nein, bitte nicht", sagt Alesi. Laut ihr sind bei Blindflug alle Mitarbeiter "sehr weiß und sehr schweizerisch", niemand har eine Migrationshintergrund.

Um niemanden vor dem Kopf zu stoßen wurde für das Spiel Cloud Chasers ein fiktives Szenario entwickelt. "Der Vorteil davon ist, dass wir gleich mehrere Flüchtlingsprobleme darin verpacken können." Laut Alesi konzentrieren sich die Medien nur auf das Ziel der Flüchtlinge und nicht die Reise. "Viele Routen der Flüchtlinge führen über den halben Kontinent, durch Kriegsgebiete und oft durch Wüsten."

Wasserknappheit

Deshalb ist es auch das Ziel der Charaktere in Cloud Chasers eine Wüste zu durchqueren. Dabei muss auf die wichtigste Ressource geachtet werden: Wasser. Auch das hat einen realen Hintergrund: "Die Wasserknappheit wird immer mehr zum Problem, nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Australien und Kalifornien."

Die Charaktere, ein Vater mit seiner Tochter, sind frühere Getreidebauern, die nicht von ihrer Arbeit leben können und auswandern müssen, um nicht zu verhungern. Damit will Blindflug auf die immer stärker industrialisierte Landwirtschaft aufmerksam machen, die die Existenz von Bauern in der ganzen Welt bedroht.

Das findet sich auch in der Wasserthematik wieder. Im Spiel muss man mit einem Segelgleiter Wasser in der Wüste sammeln, darf aber dabei nicht zu nahe an die riesigen, automatisierten Sammler heranfliegen. Diese sammeln die letzten Wasservorkommen der Erde für reichen Bewohner ein, die in schwebenden Stätten wohnen.

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Grenzstadt Melilla

Der einzige Weg um in so eine schwebende Stadt zu kommen, ist eine bewachte Grenzstadt auf dem Boden, die als eine Art Schleuse fungiert. In der Welt von Cloud Chasers ist das Durchqueren der Wüste und Erreichen dieser Stadt die letzte Hoffnung für viele Menschen.

Das ist eine Anspielung auf auf die spanische Stadt Melilla, die an der nordafrikanischen Küste liegt. Die Stadt ist von einem sechs Meter hohen, bewachten Grenzzaun geschützt. Immer wieder sterben Flüchtlinge, die versuchen den Zaun zu überwinden.

Sterben in der Wüste

"In der Wüste gibt es immer wieder zufallsgenerierte Ereignisse. Einige können hohe Belohnungen aber auch hohe Risiken bieten", sagt Iseli: "Bis der Spieler es einmal schafft die Wüste zu durchqueren, wird er sehr oft sterben." Damit soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie riskant die Reisen der Flüchtlinge sind. Die Medien konzentrieren sich auf die Berichte über Flüchtlinge die im Meer ertrinken. Dass die Reise zur Küste schon für viele tödlich endet, wird kaum erwähnt.

Cloud Chasers soll im vierten Quartal für iOS und Android erscheinen. First Strike ist für iOS, Android und PC erhältlich.

Disclaimer: Die Pressereise zur GDC Europe und Gamescom wird vom Österreichischen Verband für Unterhaltungssoftware (ÖVUS) und futurezone bezahlt.