Games
03.12.2015

Spieleentwicklung: Programmierer mit kreativer Ader

An der FH Technikum Wien werden international gefragte Spiele-Programmierer ausgebildet. Doch die Studenten müssen sich auch kreativ betätigen und eigene Ideen verwirklichen.

Donnerstag Mittag an der FH Technikum Wien. Während andere gerade genüsslich ihr Mittagessen verspeisen, hocken 17 Studenten vor ihren Bildschirmen und arbeiten an einem 3D-Modell einer Puppe. Auf Englisch erklärt der Lektor, wie die 3D-Modellierungssoftware Autodesk Maya funktioniert. Einige der Studenten lauschen den Anweisungen aufmerksam, andere tauschen ihr Wissen mit Kollegen aus. “Die meisten unserer Studenten sind Programmierer, in Grafikdesign haben nur die wenigsten Erfahrung”, erklärt Alexander Hofmann, Leiter des Master-Studienganges “Game Engineering und Simulation”.

An der FH Technikum Wien werden jährlich zwischen 15 und 18 Programmierer für die Videospielbranche ausgebildet. Wer hier seinen Abschluss macht, ist für den Job als Spieleentwickler gut gerüstet. Dennoch betont Hofmann, dass man keine “eierlegenden Wollmilchsäue”, sondern Spezialisten ausbilden wolle. “Wer bei uns studiert, hat gute Chancen bei Zulieferern für die Spielebranche. Unsere Programmierer arbeiten meist an Grafik-Engines oder Frameworks für Künstliche Intelligenz.” Dennoch sollen die Studenten alle Aspekte der Spieleentwicklung zumindest einmal im Rahmen des Studiums kennenlernen.

Virtueller Horror

Ein frischgebackener Absolvent ist Adrian Kresnik. Er hat sich im Rahmen der Abschlussarbeit einer der aktuell wohl aufregendsten Technologien der Spielebranche gewidmet: Virtual Reality. Dazu entwickelte er ein Spiel und ließ Virtual-Reality-Neulinge mit der Oculus Rift in eine selbst entwickelte Horror-Welt eintauchen. Der Spieler muss durch düstere Gänge in mittelalterlichen Steingemäuern wandern und dabei an jeder Ecke mit einer bösen Überraschung rechnen. “Ich habe klassische Elemente aus Horrorfilmen genutzt, beispielsweise den endlos langen Gang aus ‘The Shining’”, erklärt Kresnik.

Er wollte mit der Arbeit herausfinden, was in Virtual-Reality-Spielen möglich ist. Auch wenn die Ergebnisse hier nicht eindeutig ausfielen, ein Trend war dennoch erkennbar: Alle Testpersonen bevorzugten die Virtual-Reality-Brille gegenüber dem herkömmlichen Monitor. “Der Effekt war für die Befragten auch deutlich intensiver.” Kresnik, der neben dem Studium Erfahrung bei einigen Spieleentwicklern in Wien sammeln konnte, will nun den Sprung in das Ausland wagen. Das erklärte Ziel ist vorerst Kanada, in dem sich zahlreiche bekannte Entwickler, wie zum Beispiel Ubisoft, EA und Rockstar, niedergelassen haben.

Spiele für Patienten

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Andreas Unterbrunner, der sich am Projekt “REHABitation” beteiligt hat. Dabei sollen Patienten bei therapeutischen Übungen in den eigenen vier Wänden unterstützt werden, unter anderem mit Videospielen. Neben dem Studiengang “Game Engineering und Simulation” sind auch die Institute “Biomedical, Health and Sports Engineering”, “Information Engineering und Security” sowie “Informatik” beteiligt. Unterbrunner nutzte seine Erfahrung aus dem Unterricht und machte sich Microsofts Bewegungssteuerung Kinect zunutze, die erkennt, ob der Patient seine Übungen richtig durchführt.

Bislang sind nur einige wenige Übungen, wie zum Beispiel Kniebeugen implementiert. “Es ist besser, leichte Übungen mit hoher Komplexität zu erfassen als umgekehrt”, erklärt Unterbrunner. Die Erkennung erfolgt relativ simpel, mit einem relativ deutlichen “Ding”-Geräusch erfährt der Benutzer, wenn er die Übung richtig durchführt. Nun soll die Aufbereitung der Daten verbessert und die Oberfläche vereinfacht werden. Zudem sind Workshops geplant, bei denen interessierte Ärzte, Patienten und Therapeuten wertvolles Feedback liefern sollen. Das von der FFG geförderte Projekt soll laufend verbessert werden. So möchte Unterbrunner unter anderem komplexe Übungen mithilfe eines Wiiboards erfassen, ein Pulssensor soll zudem die Stimmungslage des Benutzers aufzeichnen.

“Rainbow Six” trifft “Hotline Miami”

Neben “Serious Games” entwickeln die Studenten aber auch “klassische Videospiele”, versuchen sich teilweise aber an kuriosen neuen Spielideen. “‘BroSquad’ ist ein Taktik-Shooter wie Rainbow Six, allerdings aus der Top-Down-Perspektive”, erklärt Michael Mroz. Gemeinsam mit drei Studienkollegen - Ivan Lazarov, Nikolaus Sperat und Bernhard Schuller - entwickelt er den kuriosen Top-Down-Shooter, der an den Indie-Hit “Hotline Miami” erinnert. Die Begeisterung für Videospiele ist den Studenten anzumerken, immer wieder geraten sie über neue Ideen ins Schwärmen.

Die Idee ist simpel: Zwei Spieler schlüpfen in die Rolle einer Spezialeinheit, die gegnerische Wachen ausschalten muss. Dabei ist jedoch Teamwork gefragt, denn jeder Spieler verfügt über einen stark eingeschränkten Sichtkegel. Der Rest des Bildschirms bleibt schwarz. Zudem sind die Gegner clever: Sie hören Schüsse und suchen Deckung. Der Spieler ist rasant und trotz Comic-Stil überraschend brutal. Inspiration lieferte hierbei vor allem der “Hotline Miami”-Prototyp “Super Carnage”. Doch während es bei derartigen Shootern vor allem auf Können und rasche Reaktion ankommt, sind bei “BroSquad” Planung und behutsames Vorgehen gefragt. Ein Treffer und der Spieler ist tot.

Kein Mangel an Talenten

Das Spiel wird im Rahmen der Projekt-Vorlesung im dritten Semester entwickelt, Anfang 2016 soll es fertig sein. Hofmann ist immer wieder begeistert darüber, was die eigentlich vorrangig technisch begabten Studenten auf die Beine stellen. “Die Assets sind uns eigentlich nicht so wichtig, wir wollen vor allem die technische Basis schaffen. Über Game Jams und unsere gut vernetzten Lektoren knüpfen aber viele Studenten Kontakte zu Grafikern und Designern.” So verfährt auch das “BroSquad”-Team. “Wir sind eigentlich alle Coder, bei den Grafiken helfen uns vor allem Freunde”, erklärt Mroz. “Wir wollen den Nährboden schaffen, damit die Studenten ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Diese Projekte sind schließlich so etwas wie ihre Visitenkarte für den Einstieg in die Branche”, so Hofmann.

In dieser Branche gibt es aber auch harten Wettbewerb. Neben Sproing, dessen Gründer Harald Riegler Hofmann unter anderem zur Gründung des Studienganges inspirierte, nehmen auch andere Studios immer wieder Absolventen auf. “Österreich ist nun einmal ein sehr kleiner Markt. Wir sind sehr gut mit den heimischen Firmen vernetzt, aber selbst die können keine 16 Absolventen pro Jahr aufnehmen.” Daher kooperiert man zunehmend auch mit Unternehmen im Ausland. So ist die FH Technikum Wien Mitglied im Bundesverband der deutschen Games-Branche (GAME). So konnte man beispielsweise bereits Praktikumsplätze für Studenten an Land ziehen. “Sie waren wirklich begeistert von uns.”

Einen Talentemangel, wie zuletzt des öfteren kritisiert wurde, fürchtet Hofmann nicht, “In Österreich gibt es viele Talente, der eine ist aber womöglich etwas weiter als der andere. Wir versuchen schon, dass wir stets die Besten holen.”