Meinung
19.05.2012

Abgefahren: Die Zukunft!

„Kultur ist Reichtum an Problemen“, befand der Schriftsteller Egon Friedell schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts – für die Mobilität moderner Gesellschaften gilt das in besonderem Maß. Heute, 100 Jahre später, begegnet die Zivilisation dieser Fülle an Herausforderungen namens Verkehr mit neuen Strategien. Wir schreiben das Jahr 2030...

Die Energiegewinnung ist um ein Vielfaches kleinteiliger und klüger als noch vor 20 Jahren. Nicht mehr nur große Kraftwerke, sondern ein intelligentes System aus Mikro-Ergiequellen trägt zur Versorgung bei. So gibt es Straßenbelag, der, wenn er begangen oder befahren wird, aus kinetischer Energie Strom erzeugt. E-Autos fungieren in Verbindung mit dem flexiblen Netz auch als Stromspeicher und gleichen wetterabhängige Schwankungen bei der Erzeugung regenerativer Energie aus. Wie viele Hunderttausend andere erlaube ich, während mein Wagen auf dem Parkplatz steht, einem Energieversorger bezahlten Zugriff auf meine Batterie, um Spitzenlasten im Netz abzufedern.

Die neue Lebensart: Borgen statt besitzen
Anfang der 20er Jahre des neuen Jahrtausends waren verschiedene Verlockungen entwickelt worden, um aus Benzinfahrern Elektromobilisten zu machen. E-Fahrzeuge wurden mit eigenen Fahrspuren, Parkplätzen und Ladestationen privilegiert („Park & Load“). Um lange Ladezeiten zu vermeiden, kann man seither bei Servicestationen leere Batterien einfach gegen geladene eintauschen. Neuartige Sharing-Systeme senkten die Schwelle der anfangs höheren Anschaffungspreise. Die neue Lebensart fand Anklang: borgen statt besitzen. Der rasche Zugriff auf Mobilität gewinnt an Attraktivität gegenüber der Last dauerhaften Eigentums.

Computer und Kommunikationselektronik sind 2030 weitgehend verschwunden. Kaum jemand trägt noch sichtbare Geräte mit sich herum. Mobiltelefone sind in Schmuckstücke oder Kleidung integriert. Hardware ist fast vollständig in den Hintergrund getreten. Computerleistung wird von einer öffentlichen Infrastruktur bereitgestellt, die auch das Internet immer und überall zugänglich macht. Tastatur und Bildschirm, die man früher bei sich haben mußte, können nun fast überall auf eine beliebige Fläche projiziert werden – auf ein Blatt Papier, eine Handfläche, einen Autorücksitz.

Ein „Internet auf Schienen“ entsteht
Als 2023 zwei der weltgrößten Ölfelder zu versiegen begannen, explodierte der Benzinpreis. Mit dem Schwinden fossiler Brennstoffe wuchs die Vielfalt alternativer Energien und Antriebsformen. Zahlreiche konkurrierende Mobilitäts-Alternativen drängten auf den Markt – E-Fahrzeuge waren gefragt wie nie. Die Idee der Globalisierung begann erstmals ihre Faszination zu verlieren. Das Regionale, der Nahbereich erlebte auch aus ökonomischen Gründen eine Renaissance. Das perfekte Fortbewegungsmittel dazu: Elektrofahrzeuge.

Mobilität wird immer variabler und vielfältiger. Mit neuen Optionen, Systemen und Diensten paßt sie sich flexibel einem immer stärker städtischen Umfeld und den individuellen Bedürfnissen an. Neben E-Autos erfreuen sich elektroverstärkte E-Cycles, Roller und modulare Systeme, etwa Huckepack-Fahrzeuge oder Fahrräder, aus denen sich  ein Wagen zusammenstecken läßt, zunehmender Beliebtheit.

Führerlose Transportkomponenten lenken sich durch selbstregulierende Netzsysteme: Ein „Internet auf Schienen“ entsteht. Auch den Fahrern herkömmlicher Fahrzeuge wird zunehmend assistiert. Die Autoscheiben werden zu Bildschirmen, auf denen neue Hinweisebenen die Sicht der Insassen erweitern.

Autofirmen verwandeln sich zunehmend in IT-Unternehmen
Die Ballungsräume verdichten sich zu Hyperstädten. Gleichzeitig nimmt die weltweite Vernetzung der urbanen Zentren untereinander immer stärker zu. Die Datenmobilität führt dazu, dass Autofirmen sich zunehmend in IT-Unternehmen verwandeln. Fortschritte in der Telepräsenz, bei Repräsentations-Robotern und zivilen Fahr- und Flugdrohnen, lassen das „fahrerlose Fahren“ zu einer neuen Massenbewegung werden. Elektronische Systeme steuern Fahrzeuge nun sicherer als menschliche Lenker. „Hybrid“ bedeutet 2030, dass man sich aussuchen kann, ob man selbst lenken möchte oder das Fahrzeug einem elektronischen Leitsystem überläßt und stattdessen arbeitet, schläft oder einer Unterhaltung nachgeht. Fahrzeuge lernen immer besser, in spontanen Netzwerken zu kommunizieren, in die der Straßenverkehr sich verwandelt.

Das neue Zeitalter hat auch einen neuen Klang. Da Elektrofahrzeuge sehr leise sind und Verkehrsteilnehmern damit ein altgewohntes Aufmerksamkeitssignal fehlt, haben Sounddesigner synthetische Motorenklänge entwickelt. Wie früher Klingeltöne für Mobiltelefone, kann man nun verschiedene Fahrzeuggeräusche downloaden. Die Bordintelligenz erkennt auf der Straße die Akustik der umgebenden Fahrzeuge und verhindert Mißtöne – statt Verkehrsrauschen entsteht so im Zeitalter der Elektromobilität ein orchestrierter Klang, der sowohl der Sicherheit als auch der Lebensqualität der Bewohner entgegenkommt. Es ist der Sound der E-poche.

Mehr zum Thema

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.