Meinung
13.08.2016

Als Löschen noch Männersache war

Ein Umzug bietet die Chance, neu und besser weiterzumachen. Man sollte aber die Gefahren nicht unterschätzen. Und es gibt eine neue Qualität des Siedelns: den digitalen Umzug.

In jedem Menschen sind zwei starke gegenläufige Kräfte am Werk. Die eine will, vor allem, wenn‘s gerade einigermaßen gut läuft, dass es auch weiter so läuft. Dass also alles so bleibt, wie es ist. Bei Computern nennt man das „Never change a running system“. Die andere Kraft will voran. Weiter. Nicht nur gut sein, sondern besser werden. Sich vergrößern. Und letzteres bedeutet dann meist auch irgendwann: Umzug. Mehr Platz. Schönere Räume. Bessere Infrastruktur.

Diese tiefgreifende Veränderung, die man herkömmlich Umzug nennt, hat aber auch noch andere Formen, deren Vorzeichen man manchmal erst auf den zweiten Blick erkennt.

Die rätselhaften Reisen der Dinge

Da wären beispielsweise die geheimen Fortbewegungsmethoden unbelebter Gegenstände. Manche Dinge ziehen unverlangt und mysteriös ganz von alleine um. Der USB-Stick, den man mit einhundertprozentiger Gewissheit am Vortag auf seinen Schreibtisch gelegt hat, ist nicht mehr da. Auch nicht unter den Papierschichtungen, die da liegen. Auch nicht auf den Boden oder in den Papierkorb gefallen. Auch nicht irrtümlich in der Hosentasche oder gedankenverloren ins Bad mitgenommen. Was ist geschehen?

Es gibt eine Theorie, die besagt, dass unbelebte Gegenstände manchmal in die dem Menschen nicht zugängliche fünfte Dimension abrücken. Vielleicht steht ihnen auch Urlaub zu, und wir wissen es nur nicht. Es ist eine bestimmte Kategorie von unbelebten Gegenständen, die manchmal plötzlich nicht mehr da ist. Dinge, die man in einer Hand tragen kann. Dagegen hat man noch nie etwas davon gehört, dass jemand beispielsweise seine Zentralheizung nicht mehr gefunden hätte.

Manche dieser von allein umziehenden Dinge kehren wieder zurück. Nachdem man sein ganzes Büro kubikzentimeterweise durchsucht - und bei der Gelegenheit vielleicht gleich aufgeräumt oder Inventur gemacht - hat, liegt der USB-Stick wieder da, ziemlich genau dort, wo man angefangen hat, ihn zu suchen.

Alles wird mobiler

Manche sehen in solchen Dingen, die sich davonmachen, ein Zeichen dafür, dass sich ein größerer, weiterer, ein richtiger Umzug ankündigt. Leichter gemacht wird einem das heute auch dadurch, dass sozusagen auch Immobilien immer mobiler werden. Man muss seine Räume gar nicht verlassen, um immer wieder kleine, umzugsartige Vorgänge beobachten zu können. Was unter anderem damit zu tun hat, dass von der Einrichtung bis zu den Geräten heute alles immer flexibler, beweglicher und tragbarer wird.

Und weil es so leicht geht, schiebt man eben Teile der Einrichtung von hier nach da, von den stets mitwandernden Laptops, Tablets und Smartphones, die uns inzwischen regelrecht bewohnen, ganz zu schweigen. Die materielle Welt versucht sich der Wendigkeit, Modularität und Flexibilität von Software anzupassen. Auf einer solchen Grundlage fällt es einem natürlich zunehmend leicht, auch über einen größeren Umzug nachzudenken. Sich zu verändern. Sich neu zu erfinden.

Ballast abwerfen ist eine wunderbare Idee

Gleichfalls lokal, also ohne Umzugskartons, geht ein digitaler Umzug vonstatten. Von einem alten Speichermedium auf ein neues beispielsweise, oder von einem „Running System“ auf ein noch nicht Running-Erprobtes. Bei der Gelegenheit kann man auch gleich seine Datenkonvolute aufräumen. Und aufräumen heisst auch: löschen. Aus der Welt der Dinge kennt man den Satz: Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt. Gelegentlich Ballast abzuwerfen, ist eine wunderbare Idee. Das wird einem inzwischen aber immer schwerer gemacht.

Früher war Löschen noch etwas für echte Männer. Gelöscht war gelöscht. Die ganze verweichlichte Welt des UNDO gab es nicht. Etwas zu löschen war eine unumkehrbare Entscheidung. Heute leben wir in einem Zeitalter des umfassenden Speicherwahns. Jeder hebt alles auf, jedenfalls in digitaler Form. Die Hersteller von Speichermedien können gar nicht so schnell liefern, wie der Platz auch schon wieder vollgestopft ist. Und nicht nur Individuen sammeln immer mehr Daten, sondern, wie wir spätestens seit Snowden wissen, auch Behörden.

Vor allem: Was ich vor Jahren einmal ins Netz geschrieben habe, ist da meist unverändert zu lesen. Es hält einen Zustand meiner Persönlichkeit fest, die sich längst weiterentwickelt hat. Das Netz besteht darauf, dass ich immer noch so bin, wie ich einmal war. Es macht uns konservativ. Man muss Umzüge deshalb als eine Maßnahme der Selbsterneuerung begrüßen.

Vorsicht vor Vollendung

Tatsächlich kommt die größte Gefahr aus der festgelegten Ordnung. Feststellen kann man das etwa, wenn man mit dem Umzug fertig ist und alles frisch gestrichen und an seinem Platz ist. Es tritt das ein, was Philosophen oft als Ziel verkünden – ein Moment der Vollendung. Das einzige, was noch stört, ist man selber – derjenige, der wieder Unordnung ins System bringt. Die Idee der Vollendung ist eine Falle. Man denkt, dass man auch vollendet glücklich sein wird, wenn alle Umzugskartons und Dateien ausgepackt und ihr Inhalt präzise platziert ist. Aber von jedem Pizzakrümel, das auf den Teppich fällt, springt einen ein Missempfinden an wie ein wildes Tier: Ich bin, also störe ich.

Lebendigkeit kommt erst wieder in die Arbeitsumgebung, wenn sich der Glanz des Neuen verliert, die Tischplatte eine erste Schramme hat und der neue Glaskrug in der Kaffeemaschine sich in Patina zu verschleiern beginnt. Umzüge sind nicht dazu da, dass man an einem neuen Ort in Perfektion erstarrt. Sie sollen einen erleichtern und erneuern. Und wenn der erste USB-Stick verschwindet, ist alles in Ordnung.