Meinung
29.10.2016

An allem einmal drücken

Er war das Inbild der anbrechenden Automatisierungsepoche: der Knopf. Fast hätten Touchscreen und Sprachsteuerung ihm den Garaus gemacht, aber nur fast.

Wenn in den frühen James-Bond-Filmen der kandidierende Weltherrscher seine Macht demonstrieren wollte, drückte er auf einen Knopf, worauf sich Wände verschoben, Möbel beiseitefuhren und begehbare Weltkarten über den Fußboden glitten. Für Fortschrittsfreunde war mit dem Knöpfchendrücken die Vorstellung von komfortablem, modernen Leben verbunden. Kulturpessimisten gruselten sich vor einem von Automatischem umzingelten Menschen, der nur noch mit halboffenem Mund den Einschaltknopf am Fernseher, den Starterknopf im Auto und die Fahrstuhlknöpfe im Büro drückte.

Mit der TV-Fernbedienung begann der Niedergang der knopfdruckausgelösten Frontalbeschallung durch Medien. Nun hatte man eine ganze Knopfschar zur Verfügung, die nicht nur ironisch als „Macht“ bezeichnet wird und den vormals passiven Fernzuseher in seinen eigenen Bildregisseur verwandelte. Wie viele andere analoge Dinge, so geriet auch der Knopf mit der Digitalisierung in die Krise. Folientastaturen und Klickbuttons trieben die Virtualisierung des Knopfs voran.

Schließlich das iPhone, die Mutter digitalen Hard- und Software-Designs, auf dem - außer zwei heimlichen Knopf-Rudimenten im Rand - nur noch ein letzter fingerbeerengroßer Knopf prangt, der nun mit jedem neuen Modell vor der Existenzfrage steht. Brauchen wir den überhaupt noch? Reicht es nicht einfach, das iPhone kühlend an die Stirn zu halten und hineinzudenken?

Aber dem Knopf scheint ein tiefes Bedürfnis innezuwohnen, Unebenheiten an der Welt zu ertasten und sich nicht ganz in die globale Glätte der Bildschirme zu verlieren. Mit aufwendiger Technologie versuchen beispielsweise Fahrzeughersteller, dem Lenker das haptisch herbeisimulierte Gefühl wiederzugeben, auf einer armaturenbrettebenen Bildschirmfläche auf einen richtigen, analogen Knopf zu drücken.

Der digitale Morsetaster

Nun kommt Amazon und möchte die Menschheit mit kleinen, vernetzten Plastikknöpfen überziehen, so wie Rapper-Handies mit Brillianten enkrustiert sind. Sogenannte Dash-Buttons sollen den Online-Einkauf radikal vereinfachen und den Knopf zu neuer Blüte führen. Für jedes Produkt, das ein Kunde öfter mal nachkaufen möchte, erwirbt er erst um 4,99 Euro einen Knopf, der beispielsweise an die Waschmaschine gebappt wird, um Waschpulver nachzuordern – mit dem privaten WLAN verbunden, ist genau das die einzige Funktion des digitalen Morsetasters.

Anders als etwa die Einknopfbedienung eines iPhones, die im Zusammenspiel mit Touchscreen und Mobilbetriebssystem genial einfach ist und trotzdem komplexe Operationen ermöglicht, führt der Dash-Button die Knopfkultur jedoch wieder zurück in die Steinzeit. Zwischen einfach und simpel gibt es einen fundamentalen Unterschied. Aber der Konsument ist ein opferbereites Wesen, das gewillt ist, für seine Bequemlichkeit einiges dahinzugeben.

Handlungsniveau einer Amöbe

Ist der Dash-Button (und eine zwangsweise Amazon Prime-Mitgliedschaft) aktiviert, kann sich der zeitgenössische Knöpfchendrücker entspannt auf das Handlungsniveau einer Amöbe begeben – ohne zu wissen, ob etwa inzwischen am anderen Ende der Leitung eine Preiserhöhung stattgefunden hat. Ob sich die Kaufen-Knöpfe, ein jahrzehntealter Traum von Vertriebsfachleuten, als eine Art intelligente Prilblumen durchsetzen oder als Mode wieder hingerafft werden, bleibt abzuwarten. Das Prinzip hält in vielfachen Variationen das gesamte Internet am Laufen. Marketingmenschen sprechen vornehm von Convenience. Der Volksmund weiß es schlichter: Faulheit siegt.