Meinung
10.10.2015

Angriff der Datenteilchen

Die Digitalisierung führt zu einer weltweiten Neuverteilung von Macht – und die Atomtechnik hilft uns dabei zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht.

Während die Atomkraftwerke auf der grünen Wiese nach und nach ihre Arbeit einstellen - Österreich war da ja vorbildlich -, breiten sich stattdessen die Hallen der Datenkraftwerke in der Landschaft aus. Diese riesigen Data Center weisen interessante Ähnlichkeiten mit den alten Nuklearanlagen auf. Beides sind Hochsicherheitsanlagen, in beiden spielt Kühlung eine wichtige Rolle, um die stattfindenden Prozesse unter Kontrolle zu halten. Die Kräfte, die in ihrem Inneren walten, sind exorbitant. Sie können sehr nützlich sein, aber auch außerordentlich gefährlich werden. Sie verbinden sich mit diffusen Ängsten, aber auch mit großen Zukunftshoffnungen. Und sie lassen sich über die Kenntnis atomarer Vorgänge verstehen.

Die digitale Kernspaltung wurde nicht entdeckt, sondern erfunden. Anfang der Sechzigerjahre entwickelten unabhängig voneinander der amerikanische Ingenieur Paul Baran und der britische Kernphysiker Donald Davies ein fundamental neues Verfahren der Nachrichtenübermittlung: das digitale Packet Switching. Baran arbeitete für die RAND Corporation, die Denkfabrik der amerikanischen Streitkräfte, an dem Problem störungsanfälliger Telefonverbindungen und suchte nach einer Möglichkeit, weiter telefonieren zu können, auch wenn ein Nuklearschlag die Vermittlungszentrale ausradieren würde. Er schlug vor, die Atomisierung der Hardware durch eine Atomisierung der Signale zu umgehen.

Als Baran die Idee 1960 vorstellte, hielt man ihn erst für verrückt. Er hatte erkannt, wie mächtig Software ist. Nachrichten, die bis dato über feststehende, analog geschaltete Verbindungen wie auf einer Halskette vom Sender zum Empfänger aufgefädelt wurden, sollten nun in digitale Atome aufgesplittet werden. Jedes dieser Atome - Packets, wie Donald Davies sie nannte - würde mit einer Absender- und einer Empfängerkennung versehen sein und sich selbständig seinen Weg durchs Netz suchen, um sich am Ziel zusammen mit den anderen einschwärmenden Bausteinchen wieder in das Ausgangsmolekül zurückverwandeln zu lassen, in die ursprüngliche Nachricht.

Damit konnte man Daten nun gewissermaßen versprühen und die vorhandene Bandbreite durch die Feinverteilung effizienter nutzen. Anstelle einer Hierarchie von Vermittlungsstellen sollte es nur noch Netzknoten geben, die alle gleich intelligent waren. Fiel ein Knoten aus, konnte jeder andere seine Aufgabe übernehmen. Zentrale gab es keine mehr.

Eine Maschinerie verändert die Welt

Es dauerte ein knappes Jahrzehnt, ehe die technischen Voraussetzungen geschaffen waren, um die Idee zu verwirklichen. Am 29. Oktober 1969 wurde mit den ersten via Packet Switching versandten Zeichen zwischen zwei kalifornischen Großrechnern eine Maschinerie in Gang gesetzt, die seither analoges Material in digitale Substanz überführt und die Welt verändert: das Internet. „Analoges Material“ heißt: Texte, Bilder, Sounds, Werkzeuge, Maschinen, Methoden, Strukturen, soziale Verhältnisse, Arbeitsformen, Geschäftsmodelle, Privatleben, Denken, Fühlen. Alles.

Ein paar Jahre später begann sich etwas Merkwürdiges abzuzeichnen. Die Technologie, die ursprünglich Auswirkungen eines Atomangriffs verhindern sollte, schien nun ihrerseits zum Angriff überzugehen und ganze Wirtschafts- und Kulturbereiche auszulöschen. Traditionelle Branchen, Jobs und Güter waren von der Auflösung in Bits bedroht. In den Achtzigerjahren führte die Digitalisierung erstmals zu drastischen Veränderungen im Verlagswesen. 530 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks verschwand der ehrbare Berufsstand des Schriftsetzers, und auf den Tischen der Grafiker hockte nun eine Riesenbildschirmmaschine. Die Zeitschriften- und Buchherstellung war Software geworden.

Der Urknall des Netzes

1993 war hatte die Entwicklung des Internets die kritische Masse erreicht. Mit der PC-Revolution waren Computer alltäglich geworden, und sie standen auch nicht mehr nur als Solisten auf dem Schreibtisch – ein Modem dran, und man war vernetzt. Zwei ideal ineinandergreifende Software-Konstrukte - das am Kernforschungszentrum CERN entwickelte World Wide Web und der erste visuelle Browser Mosaic, später in Netscape umbenannt - machten das Internet schließlich auf einfache Weise für jedermann zugänglich. Was folgte, war der Urknall des Netzes hinaus in die Weltöffentlichkeit. Und wie es sich für einen Urknall gehört, flogen - und fliegen - einem dabei die Teilchen um die Ohren.

Digitalisierung ist mehr als nur eine Umwandlung der Welt in Nullen und Einsen. Die Vorstellung eines Teppichs aus Binärzahlen reicht nicht aus, um zu erfassen, was in diesem weitreichenden Prozess vor sich geht. Immer mehr Produkte, Vorgänge und Arbeitswelten, die zuvor isoliert und an bestimmte unaustauschbare Materialien gebunden waren, gehen mit der Digitalisierung in einen neuen, gemeinschaftlichen Aggregatzustand über. Diese digitale Substanz hat eine grundlegend neue Offenheit und Leichtigkeit, und ihre Zerlegungsprodukte lassen sich auf überraschend reichhaltige Weise rekombinieren und wieder zu neuen Produktmolekülen zusammenstecken. Manchmal genügt es schon, wenn diese neuen, digitalen Produkte nur momentlang existieren. Google ist die Firma, die dieses Prinzip bisher am erfolgreichsten erfasst und umgesetzt hat. Jede Ergebnisseite einer Suchanfrage ist ein eigens für mich persönlich synthetisiertes Antwortmolekül.

Daten entern die physische Welt

Befragt zu dem, was nun kommen wird, wirft Wolfgang Blau, scheidender Digitalchef des britischen „Guardian“, den Blick auf ein großes Bild: „Ein Umbruch in dieser Dimension bedeutet immer beides, den Verlust wertvoller Konventionen und Lebensweisen und den Gewinn neuer Einsichten. Wir erleben derzeit – ob vom Netz verursacht oder nur beschleunigt – eine weltweite Neuverteilung von Macht.“

Tatsächlich haben wir es längst nicht mehr nur mit einer Umwandlung der analogen Welt in eine digitale zu tun. Das, was sich in den letzten Jahren im Datenraum entwickelt hat, erweitert seinen Machtbereich zunehmend hinaus in die analoge Welt. „Es ist noch nicht lange her, dass der Cyberspace ein spezifischer Ort war, den wir regelmäßig besuchten und in den wir von der bekannten physischen Welt aus hineingelugt haben“, schreibt der Autor William Gibson, dem wir den Begriff Cyberspace verdanken. „Jetzt hat sich der Cyberspace umgestülpt. Das Innere hat sich nach Außen gewendet. Es hat die physische Welt kolonialisiert.