Meinung 16.05.2015

Apfelpisser und Rosen-Hacker

Es ist nicht ganz einfach, zu definieren, was ein guter Hack ist.

Für die einen ist es sowas wie das Umprogrammieren interstellarer Raumsonden, die mit jahrzehntealter Hardware durchs All segeln. Für Wau Holland, den legendären Mitgründer des Chaos Computer Clubs, war es schon ein Hack, wenn sich jemand mit dem heißen Wasser aus einer Kaffeemaschine eine Instantsuppe zubereitet – Stichworte: „kreativer Umgang mit Technik“ und „nutzeruntypisches Verhalten“.

Gute Hacks haben oft auch etwas Pubertär-Genialisches. Die Pubertät ist die Zeit, in der das Spaßhabenwollen sozusagen ernsthafte Ausmaße annimmt und sich mit einem technischen Welterkundungsbedürfnis verbinden kann, das einer Warnung Folge leistet: Werde nicht erwachsen, es ist eine Falle! Pfiffige Hacks, der Begriff „Trojaner“ weist darauf hin, sind viel älter als Computer. Populär geworden ist der Begriff aber im Zusammenhang mit diesen Maschinen.

Die Geburtsstätte der Hackerkultur

1946 wurde am Massachussetts Institute of Technology ( MIT) der Tech Model Railroad Club gegründet. Eine Modellbahnanlage der Spurgröße H0 ging in Betrieb – „das System“. Die eigentliche Wunderwelt aber lag unter der Trägerplatte der Anlage. In seinem Buch „Hackers“ beschreibt Steven Levy, welchen unauslöschlichen Eindruck dieser technische Underground in einem Neuling hinterlassen konnte: „Es gab reihenweise Schalter und matte Bronze-Relais und ein weitläufiges Gewirr von roten, blauen und gelben Drähten, das aussah wie eine in Regenbogenfarben explodierte Version von Einsteins Frisur.“

Gefragt war eine hohe Kunst, wie sie beispielsweise Musikclowns beherrschen: Erst wenn man mehrere Instrumente virtuos spielt, kann man diese Fähigkeit auch überschreiten, um hochkarätigen Spaß zu produzieren. Als es 1959 den ersten Programmierkurs am MIT gab, waren viele der Teilnehmer aus dem Modelleisanbahnclub dabei. Ihre Erfahrungen mit den elektrischen Schaltkreisen des „Systems“ hatten ihnen ein spielerisches Vorverständnis von Computer-Hardware vermittelt.

Und lange bevor kleine Computer Einzug in die Studentenbuden der Welt hielten, wurden schon Lochkarten und Anverwandtes gehackt.

Der Rose-Bowl-Hack

Am 2. Januar 1961 sahen 100.000 Zuschauer im „Rose Bowl“-Stadion im kalifornischen Pasadena ein traditionelles Jahresanfangs-Footballmatch zwischen den Minnesota Golden Gophers und den Washington Huskies; ein paar Millionen mehr Zuschauer fieberten vor den Fernsehschirmen mit. Für die Halbzeit hatten die Jungs aus Washington eine ausgeklügelte Flip-Card-Show vorbereitet, bei der das Publikum verschiedenfarbige Pappen hochhält und damit in der Menschenmenge Bilder erscheinen läßt. Jeder Zuschauer mit einer Pappe ist ein Pixel.

Pappen und Anleitungen waren auf den Plätzen verteilt, die von Studenten aus Washington besetzt waren. 15 verschiedene Flip-Card-Bilder sollten so vor den Augen der Nation erscheinen. Ab dem zwölften Bild wurde es merkwürdig. Eigentlich sollte eine Husky zu sehen sein, das Maskottchen der Washingtoner, aber zu sehen war ein Nagetier. Mit dem nächsten Riesenbild sollte das Wort HUSKIES erscheinen, aus irgendeinem Grund war es aber verkehrt zu lesen – SEIKSUH. An das, was dann kam, erinnern sich viele noch heute.

Caltech verschafft sich Aufmerksamkeit

Das Wort CALTECH erschien, hochgehalten von hunderten von Studenten aus Washington. Ein paar Sekunden lang war es vollkommen still im Stadium. Jeder wußte, was Caltech war – das kleine California Institue of Technology, das an der selben Straße lag wie das Stadion. Aber niemand wußte, was der Name auf den aufwendigen Publikumsbildern der Washington Huskies-Fans zu suchen hatte.

Eine Handvoll Caltech-Studenten hatten in wochenlanger Vorbereitung den Ablauf der Show heimlich verändert. Sie wollten ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, dass die Rose Bowl zwar „ihr“ Stadion war, sie aber bei diesen Neujahrsspielen immer vollkommen ignoriert wurden. Um herauszufinden, wie das Flip-Card-System der Huskies funktioniert, schickten sie einen der ihren als neugierigen Reporter getarnt los. Ergebnis: Alles, was sie tun mußten, war, die 2.232 Anleitungskärtchen zu ändern, die auf den Sitzen im Stafion liegen würden.

Sie klauten ein einzelnes Anleitungskärtchen aus dem Hotel, in dem die Cheerleader aus Washington untergebracht waren und ließen für 30 Dollar 2.232 neue drucken. Entsprechend dem beabsichtigten Hack mußten alle Karten entsprechend den Sitznummern von Hand neu markiert werden. Während die Cheerleader Disneyland besuchten, wurden in ihrem Hotel die alten Karten gegen die neuen ausgetauscht und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Eine garstige Grünfläche

Heute sind Hacks nicht mehr nur fernsehweit nationale Angelegenheiten, sie sind planetar. Und kaum etwas steht anschaulicher für dieses Planetare als die Webweltkarte Google Maps. Hier sind die Nutzer sogar eingeladen, Veränderungen anzubringen: Mit dem Map Maker, so die Google-Idee, läßt sich mit Nutzerhilfe die Detailtiefe und Qualität der Karte verbessern. Wenn nichts schiefgeht.

Neue Einträge müssen vom System erst zugelassen werden, und es gibt auch die Möglichkeit, sich viele Einträge auf einmal genehmigen zu lassen. Kreative Menschen können damit, ganz im Geiste des Rose Bowl-Hacks, ein großes Bild einschleusen, das man anhand seiner einzelnen Teile gar nicht erkennen kann. Ende April wies ein User namens ezhik in den „Hacker News“ darauf hin, dass in einer Region im Nordosten Pakistans ein grünflächengrünes Android-Männchen auf ein mit denselben Mitteln zusammengebasteltes Apple-Logo pinkelt.

Ein Nutzer, der schon Hunderte von ernstgemeinten wie auch albernen Kartenänderungen vorgenommen hatte, war etwas über die Geschmacksgrenzen hinausgeraten. Ergebnis: Der Map Maker ist bis auf weiteres gesperrt – „so lange, bis wir intelligentere Mechanismen entwickelt haben, die solche Vorfälle verhindern können,“ wie eine Google-Sprecherin bekanntgibt.

Pfiffige Hacks, der Begriff „Trojaner“ weist darauf hin, sind viel älter als Computer.

( futurezone ) Erstellt am 16.05.2015