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Serie
12/23/2011

Arbeiten im Wachkoma

Neben E-Mail-Wahnsinn, Sinnlos-Surf-Syndrom und der Schlafkrankheit gibt es keine effektiveren Produktivitäts-Vernichter als unnötige Meetings und geistlose Präsentationen. Präsentationen, die das Publikum langweilen und ihr Kommunikationsziel verfehlen.

84 Prozent aller Zuhörer fühlen sich von Präsentationen tödlich gelangweilt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Wall Street Journal. Fatal: Täglich werden weltweit Millionen Menschen mit Milliarden einschläfernden Präsentationsfolien in ergebnislosen Meetings und auf unmoralisch teuren Konferenzen gelangweilt. Weil einschlafen vor versammelter Mannschaft schlecht für das Gehalt ist, kämpfen die Opfer mit Pseudo-Aktivität gegen den Meeting-Schlaf. Sie frönen dem E-Mail-Wahnsinn und dem Sinnlos-Surf-Syndrom. Wenn Sie meine vorangehenden drei Gast-Kommentare gelesen haben, wissen Sie: diese Kombination vernichtet Produktivität und IQ.

9 Uhr. Die Frisur sitzt. 1.500 Euro sitzen im Konferenzraum.
Kennen Sie das? Montags-Meeting im Konzernkabinett: Zehn Führungskräfte, drei Projektmanager und der neue Praktikant – der kostet nichts, nur Nerven. In seinem Konformisten-Anzug sieht er aus wie eine minderjährige Raubkopie des CEO. Projektmanager „Wichtig“ hat Probleme mit dem Beamer. Sein „Weiß jemand, wie das geht?“ wird mit müdem Stöhnen beantwortet. Als die erste Folie an die wehrlose Leinwand fliegt, sehen alle, dass die Bildschirm-Auflösung Länge mal Breite ins Seitenaus konvertiert.

Wochenstart im Wachkoma
Das Zerrbild interessiert jedoch genauso wenig wie die folgende halbe Stunde: Projektmanager „Wichtig“ präsentiert Vertriebszahlen und Wochenziele. Die anwesenden Marketing-Manager zeigen ihr Desinteresse und ihre „Wichtigkeit“ durch E-Mailen und Surfen. Der Zahlensalat auf den Folien ist so aufdringlich animiert, dass Führungskraft „Wochenend-Trinker“ schwummerig wird. Er schließt die Augen und denkt an den Sex, den er schon lange nicht mehr hatte.

Und dann knallt’s …
Vertriebsleiterin „Karrierefrau“ weckt mit dem Knall ihrer 12-Zentimeter-Louboutin-Absätze kurz alle Anwesenden als sie zur Leinwand trippelt und die verbleibenden 30 Minuten Geldvernichtung übernimmt. In Minute 61 verlassen 1.500 Euro gelangweilt und demotiviert den Raum. Das war das erste von sieben ergebnislosen Meetings, die noch anstehen. Drei davon Telefon-Konferenzen – keines haben Sie vorbereitet. Gut, dass am Schreibtisch Facebook wartet. Vielleicht hat ja da jemand etwas Interessantes „zu sagen“ …

Meeting-Malaria und Präsentations-Pest ruinieren das Jahresergebnis
Jeder Mitarbeiter ist lernfähig: Wenn die meisten Meetings sinn- und ergebnislos bleiben, sind alle zur geldvernichtenden Beschäftigungstherapie verdammt. Vorbereitung, Aufmerksamkeit und Konzentration waren gestern. Heute regiert „Produktivitäts-Tod powered by PowerPoint“. Gleich welche Software Sie einsetzen – sie löst dieses Problem nicht, sie ermöglicht es. Ihr Handlanger: Die Diktatur eines unflexiblen Corporate Designs. Erfolgreiche Grafikgesetze für Werbung und Kundenkommunikation versagen in den meisten Fällen, wenn es um Besprechungen und Präsentationen geht.

Firmen-Unkultur schafft Valium statt Prozac
Warum? Weil sie diktieren statt zu inspirieren. Weil sie die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse missachten. Gutes Kommunikationsdesign ist so wandlungsfähig wie der Kommunikationsanlass. Ist dann noch der Anwender mangels Zeit oder besseren Wissens nicht in der Lage, die Grenzen von Software und Corporate Design durch Kreativität zu überwinden, ist das Ergebnis Valium statt Prozac. Daran sind in erster Linie nicht die Mitarbeiter schuld, sondern fahrlässige „Gesetze“ und Gepflogenheiten der internen Kommunikation.

Leiden Sie unter Meeting-Malaria und Präsentations-Pest?
() Sie verbringen täglich mehr Zeit in Meetings als im Bett.
() Während Telefon-Konferenzen gehen Sie heimlich aufs Klo.
() Ab Meeting-Sekunde 90 verlieren Sie sich in Tagträumen – mit und ohne Sex.
() Ihre durchschnittliche „Vorbereitungszeit“ für Meetings liegt unter 15 Minuten.
() Ein Blinder hat bei Ihren Folien dasselbe Erlebnis wie ein Sehender: Sie lesen vor.
() Ihre Folien-Vorlagen wurden verordnet, nicht gestaltet.
() Entschieden wird in Ihrem Unternehmen am liebsten im nächsten Meeting.
() Bei Kongressen zücken Sie Ihr Handy, sobald Sie sitzen und surfen los.
() Wenn Sie Vorträge spannend finden, twittern Sie jedes Statement sofort.
() Experten erkennen Sie an Ihrer Fach-Sprache – auch Sie sind Experte.
() Der tägliche Meeting-Marathon macht Sie so müde, dass Sie keine Energie haben, sich dagegen zu wehren.

Keine zutreffende Antwort
ARBEITEN SIE AUF DEM BAU? Falls nicht: Sind Sie vielleicht die Reinkarnation von Steve Jobs? Beides wäre gut für die Wirtschaft. Sollten Sie einfach nur normal sein: Herzlichen Glückwunsch! Bleiben Sie so und infizieren Sie andere. In einer abartigen Geschäftswelt ist der Normale wegweisender als der Einäugige unter Blinden.

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ALARMSTUFE EINS:
Meeting-Malaria und Präsentations-Pest haben eine schleichende Inkubationszeit. Wenn Sie die ersten Symptome tatenlos akzeptieren, brauchen Sie sich nicht wundern, wenn Ihre Kollegen Sie eines Tages hinterrücks als den oder die „zahnlose XY“ bezeichnen.

Mehr als 5 zuftreffende Antworten
HERZLICHES BEILEID: Muster-Chef Bernd Stromberg würde jetzt sagen: „Wenn du schon auf der Titanic fährst, dann setzt du am Besten noch Hein Blöd ans Steuer .“ Sie sind nicht Hein Blöd, so ist das nicht gemeint. Nur: Wenn Sie Ihre Kreativität und Produktivität weiter so vergeuden, wird bald nichts mehr davon übrig sein.

Präsentieren wie Steve Sokrates
Die gute Nachricht: Niemand wird als Sokrates geboren. Sie müssen kein Rhetorik-Genie, Design-Gott oder Hacker sein, um ein spannendes Meeting vorzubereiten und zu halten. Was müssen Sie tun? Nicht viel. Sie müssen ein paar einfache Regeln beherzigen und Ihre Kreativität um ein paar neue Spielarten erweitern. Wichtig: Dabei müssen Sie sich selbst treu bleiben und authentisch sein.

Erste Hilfe: Nein sagen – bis die Zunge blutet
Plus: Sie müssen „nein“ sagen lernen. NEIN zu Design-Diktatur, wenn sie Zielgruppe und Kommunikationsanlass missachtet. NEIN zu unnötigen Meetings und fehlender Ergebnis-Kultur. NEIN zu kontraproduktiver Besprechungs-Digitalisierung und Laber-Inflation via Instant Messenger, Telefon-Konferenz und Video-Calls. Und weil „Nein“ nicht produktiv ist, sagen Sie anschließend „Ja“ zu einer neuen Meeting- und Präsentationskultur in Ihrem Unternehmen.

Zweite Hilfe: Werden Sie digilog und anatal
Digital ist im schlechtesten Fall das neue „doof“. Instant Messenger und Video-Calls überwinden Kontinente und Zeitzonen und wirken persönlich. Im überkommunizierten Berufsalltag ersetzen sie jedoch niemals das analoge Gespräch. Undiszipliniert eingesetzt, bewirken sie sogar das Gegenteil.

Bevor Sie mitten in einer „Telko“ aufs Klo schleichen, werden Sie bitte wieder „analog“. Es ist nur beim ersten Mal subversiv lustig, dass es keiner der 17 anderen Teilnehmer bemerkt. Was bleibt, ist eine Bankrott-Erklärung an Sie selbst. An Ihre Firma und an den Plural aus Ihnen und der Firma, die Ihr Weihnachtsgeld bezahlt: Unternehmenskultur nennt man das – Sie sind ein Teil davon.

Dritte Hilfe: Bilden Sie Meinung!
Der schlimmste Fehler, den Sie beim Präsentieren machen können, ist …? Vorleser sein. Wenn Sie nicht Bernhard Schlink sind, landen Sie damit keinen Bestseller, sondern in der Wüste der Gedankenlosigkeit. In der Langeweile. Im Aus. Wenn Sie Menschen vorlesen, was sie gerade sehen, dann ist das so als würden Sie einem Sehenden beschreiben, was er gerade sieht. Das beleidigt seinen Verstand. Das ist so unnötig wie Krieg.

Anlässlich ihrer Buchveröffentlichung „E-Mail macht dumm, krank und arm“ hat Autorin Anitra Eggler eine mehrteilige Serie zum Thema Digitale Kommunikation für die futurezone verfasst. Eine 77-seitige Leseprobe des Buches findet sich auf Slideshare.

Anitra Eggler (38) ist Autorin, FH Dozentin und Expertin für digitale Kommunikation, Marketing, Medien und PR. Sie war als Journalistin, Start-up-Managerin, Kreativdirektorin, Agentur-Chefin und zuletzt Online-Verlagsgeschäfts-führerin tätig.  Sie hat in Passau Kulturwirtschaft und Journalismus studiert und in München den ersten Internet-Boom an vorderster Front erlebt. Im Jahr 2010 wurde Anitra Eggler von Österreichs Frauenzeitschrift „Woman“ zur Nummer eins der Kategorie „Werbung und PR“ gekürt.

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