Meinung
11.02.2012

Aus dem Netz zurück ins Ziegelland

Die Firma Amazon will WAS bitte? Läden bauen? Richtige, echte Geschäfte mit Wänden, Fußböden und dreidimensionalen Möbeln aus Möbelmolekülen?

Dem US-Blog „Good E-Reader“ ist zu Ohren gekommen, dass Amazon angeblich in den nächsten Monaten im Raum Seattle einen ersten Laden eröffnen will (In Seattle ist der Stammsitz von Amazon). Das Geschäft sei als Versuchsballon gedacht. Der weltgrößte Internethändler liebäugelt im Zug seiner aggressiven Expansionsstrategie mit einem Einstieg in den Einzelhandel. Angeboten werden sollen hauptsächlich eigene Produkte wie die Kindle-Reader, Taschen oder Bücher von Amazon.

Was will Amazon-Chef Jeff Bezos da draußen in dieser kalten, bitlosen Analogwelt? Gut, es gibt Berührungspunkte, immerhin verkauft das Unternehmen, sieht man von E-Book- und Musikdownloads ab, weitgehend materielle Produkte. Aber der Witz an Amazon, das Revolutionäre war doch, wenn wir uns recht entsinnen, dass es keine Filialen gibt und der Zwischenhandel ausgeschaltet wird. Wegrationalisiert. Eine Station weniger, über die ein Konsumakt laufen muß.

Zurück an den Start

Ist nun, nach einer Ehrenrunde durch die letzten anderthalb aufregenden Jahrzehnte – durch eine Hightech-Hysterie bis zum Crash im Frühjahr 2000, in ein neues Jahrtausend nebst Web 2.0 und ein Social Media-Universum – alles wieder wie am Anfang? „Brick and mortar“, wie es despektierlich hieß, wenn von den materialstarren, klobigen Hinterlassenschaften einer versinkenden Epoche die Rede war, den Ziegel-und-Mörtel-Dingern, in denen der Einzelhandel vonstatten ging, statt sich fix und federleicht dem Netz einzufügen? Und jetzt – zurück in die Kuhzunft?

Einkaufsphilosophen wie der Spiegel-Kolumnist Tom König beklagen die fatalen Folgen des Internetshoppings für den Einzelhandel. Königs Frau hält ihm vor, dass er sogar einzelne Bleistifte online kaufe. Der Konsument kommt ins Nachdenken: „Zweifelsohne zerstört E-Commerce ja den stationären Einzelhandel und heizt nebenbei die Erderwärmung an. Wenn alle ihre Kulis online ordern, wird es irgendwann keine Schreibwarengeschäfte mehr geben - und außerdem keinen Winter mehr.“

Sieht man von der Erderwärmung ab, über die man sich angesichts der aktuellen 14 Grad Minus auch nochmal eingehender unterhalten müßte, aber ich schweife ab – jedenfalls kenne ich, was das mit den Bleistiften angeht, auch ganz andere Fälle. Ein Freund von mir ist Kalligraph, ich teile mit ihm die geradezu teenagerhafte Liebe zu Bleistiften. Den frischen Holzgeruch nach dem Anspitzen. Die Kunst, so mit einem Bleistift zu schreiben oder zu zeichnen, dass die Mine sich quasi selbst anspitzt. Und in jeder Stadt gibt es mindestens ein Schreibwarengeschäft, in dem Menschen wie mein Freund und ich sich zutiefst verstanden fühlen.

Schreibwarengeschäft als Existenzbedrohung

Ich wollte eigentlich immer schon lieber ein Schreibwarengeschäft führen, anstatt zu schreiben. Beseligt durch die Regalreihen wandern, zärtlich über die Papiersorten streicheln und am Likörgeruch der Lösungsmittelchen schnuppern wie an einem guten, doppelt gebrannten Schnaps. Ich würde aber nichts hergeben, also: verkaufen wollen und den Laden zusperren, damit keiner reinkommt und etwas mitnimmt. Und so etwas ähnliches hat mein Freund, aus schierer Not, gemacht. Er hat sich für das schönste und beste Papiergeschäft der Stadt Lokalverbot auferlegt und das auch den Angestellten mitgeteilt, so wie man sich, um der Spielsucht zu entgehen, in Spielcasinos selbst auf eine schwarze Liste setzen lassen kann. Da Kalligraphie eine brotlose Kunst und er ständig pleite ist, waren die Verlockungen des Schreibwarengeschäfts für ihn zu groß und existentiell gefährlich. Es ist nicht das Internet, das dem Einzelhandel schadet. Es ist die Leidenschaft.

Und noch ein neuer Dienst, der uns zurückführt in der Zeit: Pinterest. Der jüngste Hit unter den sozialen Medien ist – ein Schaufenster. Ok, jeder kann jetzt also ein Schaufenster haben. War das nicht die Art von Netz, von dem wir einmal wegwollten? Das World Wide Web als die längste Schaukastenfront des Planeten? Gut, man kann da jetzt noch seinen Senf dazuschreiben, und man kann schneller umdekorieren als früher. Die immer größere Nähe von Netzneuigkeiten mit Altigkeiten aus der analogen Welt ist aber nichtsdestoweniger mißtrauenerregend.

Supermarkt der Zukunft

Und während die einen wieder rauswollen aus der rein digitalen Welt, wollen die anderen ihr mit angemessenen Mitteln entgegenkommen. Im „Future Store“ in der nordrhein-westfälischen Stadt Tönisvorst etwa, wo die Metro gemeinsam mit einer Reihe von Partnern den Supermarkt der Zukunft experimentell erprobt, und zwar im realen Einsatz.

Selbstverständlich kann man in dem Laden, in dem 65.000 Produkte angeboten werden, elektronisch bezahlen. Man kann schon zu Hause mit der Kamera am Smartphone Produkte einscannen, die nachgekauft werden sollen, das Handy kümmert sich dann um die Einkaufsliste und macht Rezeptvorschläge von Starkoch Armin Auer, falls einem nichts einfällt, das man kochen könnte („Der Kochvorgang kann per Video betrachtet werden“). Die Waagen in dem Supermarkt erkennen die Waren von selbst, man muß keine Nummern mehr eintippen. Und Funkchips melden der hausinternen Metzgerei, wann die Schnitzel in der Tiefkühltruhe nachgefüllt werden müssen.

Reisen mit riesigen Raumschiffen

Amazon raus, Metro rein – ich stelle mir vor, wie sie sich irgendwo auf halbem Weg begegnen. Die Vorstellung ist auf bemerkenswerte Weise konkret, denn ich habe als Junge ein paar hundert Perry Rhodan-Romane zu mir genommen, in denen man über ungewöhnliche Welten aufs Lehrreichste informiert wird. Unter anderem gibt es dort natürlich Reisen mit riesigen Raumschiffen (welche die gute alte vierdimensionale Welt repräsentieren) durch die fünfte Dimension (welche den Cyberspace repräsentiert) – aber wenn es nur das gäbe, wäre es ein bißchen banal.

Also verfügen die Raumschiffe des Solaren Imperiums (also wir) über die Möglichkeit, den Halbraum zu durchqueren. Der befindet sich gewissermaßen halb zwischen vierter und fünfter Dimension, eine Tatsache, die uns heute, im Zeitalter gebrochener Dimensionen („Fraktale“) schon alltäglich geworden ist. Um gegebenenfalls gegnerische Gerätschaft zu orten, die sich durch den Halbraum schleicht, obwohl man da ja alles andere als schleichend unterwegs ist, gibt es den sogenannten Halbraumspürer; aber ich schweife ab.

Heute haben wir längst die Paketverfolgung durch den Halbraum zwischen virtuellem E-Commerce und dem echtstofflichen Einzelhandel. Und hier irgendwo dazwischen werden sie sich begegnen.

Peter Glaser Zukunftsreich

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.