Meinung
08/30/2014

Dämlichkeit durch Bequemlichkeit

Heimautomatisation ist auf dem Vormarsch. Sogar eine Edelfirma wie Apple gibt sich mit profanen Dingen wie Heizungssteuerung ab. Auftretende Probleme lassen sich mit dem Konjunktiv lösen.

„Es gibt etwas Neues“, sagte ein Freund, bei dem ich zu Besuch war, und strahlte. „Ich weiß“, sagte ich, „Apple bringt schon seit längerem eine Wartsmatch raus.“ Er hielt sein iPhone hoch, als handle es sich um ein Stück der verschollenen Bundeslade. „Eine Herrgotts-App, die alles kann (auch sich selbst fehlerhaft gestalten)?“, riet ich. Sprachlos vor Begeisterung wies mein Freund mich mit einer Riesenwischgeste an, gleichfalls zu schweigen. Er, der sonst immer ganz aus dem Häuschen ist, wenn Apple etwas Neues rausbringt, war völlig im Häuschen. Apple steigt in die Haustechnik ein! Mein Freund wollte mir seine neue Heizung zeigen. Worauf Jungs halt so stolz sind. Mir zu Ehren würde er schon jetzt im Spätsommer die Heizung einschalten.

Ich erinnerte mich an einen Sommer, als ich im Netz vergeblich nach einem Senkrechtgrill gesucht und schon in Erwägung zu ziehen begonnen hatte, ich könnte vielleicht nur geträumt haben, dass es Senkrechtgrills überhaupt gibt, bis ich dann, Wochen später, aus einer plötzlichen Eingebung heraus ,Vertikalgrill‘ statt ,Senkrechtgrill‘ googelte – Treffer. Obwohl es damals bereits Oktober war, kaufte ich das Gerät sofort. „Grillen im Winter, heizen im Sommer. Die digitale Revolution verändert alles“, fasste ich zusammen.

„Dass du mit ,Senkrechtgrill‘ nichts gefunden hast, muss aber noch in der Suchmaschinensteinzeit gewesen sein“, merkte mein Freund an. „Ich fühl mich alt“, sagte ich. „Hier, das ist neu“, er zeigte mir die App, mit der sich seine neue Heizung vom iPhone aus steuern lässt.

„Steuern lassen sollte“, sagte er zwei Minuten später. Wie ein Wünschelrutengänger bewegte er sich auf Netzsuche durch den Gang. Unter dem Fußboden, auf den er gezeigt hatte, war der Heizungskeller mit dem LAN-Interface, das dem Ölbrenner seine Anweisungen zurufen sollte. Dass die App mit der Heizung kommunizierte, war an einem grünen Aktivitätsschnörkel zu erkennen, aber es dauerte sehr, sehr lange, der Heizung mitzuteilen, dass man die Raumtemperatur nun also um drei Grad gesenkt hatte.

„Vielleicht nimmt es die App ganz genau“, sagte ich, um Zuversicht zu verbreiten, „mit ganz vielen Nachkommastellen. Das dauert.“ „Keine Datenverbindung“, sagte die App. Ich sah, dass meinem Freund die Sache unangenehm war und versuchte ihn mit der Theorie zu trösten, Apple habe vielleicht bereits eine total avantgardistische Schnittstelle für solche Apps bereitgestellt, die von alleine erkennen konnte, dass es noch Sommer war und Unsinn, die Heizung einzuschalten.

Wieviel Kontrolle geben wir aus der Hand, um uns zuverlässiger oder schneller entscheidenden digitalen Systemen anzuvertrauen? Wie sehr wollen wir uns aus Komfortgründen entmündigen lassen – Dämlichkeit durch Bequemlichkeit? Alt-Apple-Aficionados erinnern sich noch an den Moment, in dem aus dem offenen, bastlerfreundlichen Apple II der geschlossene, bequeme Macintosh wurde. Die frühen Mac-Nutzer wiederum hatten die Büroklammer als zentrales Hilfsmittel für den Auswurf von Disketten, wenn der softwaregesteuerte Servomotor nicht funktionierte. Es war, als hätte jemand gesagt: Du brauchst keinen Schlüssel mehr für deine Wohnung, wir machen das für dich. Und dann kommt man plötzlich irgendwann doch nicht mehr rein.

Wir schwitzten. Es war viel zu warm draußen und die Heizung lief, die sich nun auch noch, wie um ihre absolute Modernität zu demonstrieren, nicht mehr abstellen lassen wollte. „Always on“, sagte ich.

„Als Kind wollte ich immer ein Modellflugzeug mit Fernbedienung“, sagte mein Freund. „Jetzt kann ich mein ganzes Haus fliegen.“ Er drückte sein armes iPhone wie eine Gel-Kompresse in der Hoffnung, die App so zum Funktionieren veranlassen zu können. Haustechnik ist profan. Ist das nicht gefährlich, wenn sich ein quasi mythisches Unternehmen wie Apple plötzlich mit Lichtschaltern und Katzenfutterautomaten abgibt? Eine Firma, deren Maschinen einem bisher immer das Gefühl geben sollten, ein Kontrollzentrum vor sich zu haben, mit dem man die Welt beherrschen kann.

Die Heizung schaltete sich ab.

Einfach so. Vom iPhone aus. Irgendwie war es ein großmächtiges Gefühl. Aber nur irgendwie.

„Wow“, sagte mein Freund.

Ich sagte nichts.