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Peter Glaser: Zukunftsreich

Das Auto, das gehen kann

Früher mußte man sein Auto bei einem Händler oder in den Showrooms der Hersteller abholen. Inzwischen ist die Produktion so individuell geworden, dass es nur noch Einzelstücke gibt. Die alten, riesigen Autofabriken haben sich in Schwärme kleiner, mobiler Superwerkstätten verwandelt, in denen jeweils nur noch ein einziger Wagen maßgefertigt wird. Seit sie selbst fahrbar sind, übernehmen diese miteinander vernetzten Werkstätten zugleich auch Transportaufgaben wie die Teilebeschaffung oder die Anlieferung des fertigen Wagens. Ökonomen nennen das „Just-in-time-Manufaktur“.

Die Jacke ist schlecht gelaunt

Dem Anlaß entsprechend will ich mir etwas Passendes anziehen, aber erst einmal gibt es eine längere Diskussion mit meiner Lieblingsjacke, das schlechte Laune hat. Alle Dinge, mit denen man im Alltag zu tun hat, haben inzwischen ein raffiniertes technisches Innenleben. So sind auch Textilien hochgradig vernetzt und mit einer beträchtlichen Eigenintelligenz ausgestattet. Kleidungsstücke können nun manchmal sogar intelligenter sein, als die Leute, die sie tragen.

Da es sich bei der anrollenden Fabrik um ein fahrerloses Fahrzeug handelt, das sich computergelenkt seinen Weg sucht, kann ich mich schon vor der Ankunft mit dem Betriebspersonal unterhalten. Die übliche Minimalbesetzung: ein Mensch und ein extrem wandlungsfähiger Roboter. Fabrikarbeiter nennen sich nun stolz Manufaktoren und sehen sich als moderne Nachfahren der alten Handwerksmeister. Entscheidende Hilfe dabei bekommen sie von den Robotersystemen, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen.

Der Roboter grinst

Der Roboter am anderen Ende der Bildverbindung hat, wie bei der Produktübergabe an Kunden üblich, Menschengestalt angenommen. Während der Arbeit können sich die Maschinen je nach Bedarf in kürzester Zeit umkonfigurieren.

„Können sie Herrn Berger sehen?“, der Roboter grinst und zeigt hinter sich auf einen leeren Platz vor einer Werkzeugwand. Ich weiß, dass da mein neues Auto steht und grinse zurück. Wie aus dem Nichts taucht die obere Hälfte von Herrn Berger auf. Er ist Chefkonstrukteur und Montageleiter in einer Person und hat gerade die Chamäleonlackierung, die ich bestellt habe, nochmal getestet. Ist der Chamäleon-Effekt ausgeschaltet, hat der Wagen eine fixe Farbe. Ist er eingeschaltet, nimmt die Karosserie perfekt Muster und Farben der Umgebung an. Man wird praktisch unsichtbar. Da das auf öffentlichen Straßen zu gefährlich wäre, darf der Effekt nur bei Geländefahrten aktiviert werden. Und genau das ist es, was ich geordert habe: den ultimativen Geländewagen.

Die höchsten Formen der Maschinenintelligenz

Ingenieure haben herausgefunden, dass man Robotern, um die höchsten Formen der Maschinenintelligenz zu erreichen, zugleich einen gewissen Eigensinn zugestehen muß. Ein Fabrikroboter würde sich niemals tätlich gegen einen Menschen richten, wie das in düsteren Science-Fiction-Geschichten gern ausgemalt wird. Um seine volle Leistungsfähigkeit nutzen zu können, muß man ihm allerdings gewisse Launen zugestehen.

„Er muß nicht essen, nicht schlafen und er braucht sich nicht zu rasieren“, Herr Berger blickt den Roboterkollegen mit einem zusammengekniffenen Auge an, „aber er beklagt sich trotzdem über alles mögliche.“

Biomechanische Fortbewegungshilfen

„Hören Sie nicht auf ihn!“ Der Bot schiebt Herrn Berger mit einem seiner Greifarme ein Stück von sich weg, und die beiden beginnen sich zu zanken. Meine Jacke gibt mir ein Signal, dass es dazu auch gern etwas sagen würde, aber ich schalte es stumm, obwohl ich weiß, dass ich mir dafür später Vorwürfe anhören muß.

Als die Fabrik vor dem Haus hält und ich in den Werkstattraum eingelassen werde, sehe ich gerade noch, wie der Roboter genervt die Augen verdreht und „Oh Mann!“ stöhnt. Mein neues Auto ist nun sichtbar – mit montierten Füßlern, wie ich es mir gewünscht habe. Diese Alternative zu Reifen ist extra für mich entwickelt worden. Es sind biomechanische Fortbewegungshilfen, die wie kleine Füße aussehen. Jeweils ein Dutzend davon ersetzen einen Reifen. Auf den Simulationen, die ich gesehen habe, hat mich das Auto damit immer an einen Tausendfüßler erinnert. Da die Füßler ungleich flexibler sind als herkömmliche Reifen, eignen sie sich hervorragend im Gelände.

Ich bedanke mich bei den beiden Autobauern. Der Roboter macht eine wegwerfende Geste, „war doch nur eine Kleinigkeit.“ Dann setze ich mich in mein neues Gefährt, berauscht von Besitzerstolz, und watschle los.

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Peter Glaser

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