© Christopher Dernbach, apa

Peter Glaser: Zukunftsreich
09/17/2011

Das Geheimnis der Wiederholung

Warum Computer eigentlich vollkommen verrückt sind und Menschen zugleich immer dasselbe und ständig etwas Neues wollen.

Ich träumte, bei einem Arzt zu sein. Ich hatte Beschwerden, die etwas mit einem Zwang zum Neuen zu tun hatten. In dem Wartezimmer spielte leise Ragtime-Musik. „Wenn ich einen Film sehe, langweilen mich die Bilder zu Tode“, sagte ich dem Arzt - „Ich will nur noch Schnitte sehen. Alles andere interessiert mich nicht mehr. Im Netz nur noch die Klicks. Keine Texte mehr, nix Visuelles, kenn ich alles schon.“ „Sie haben einen Morbus Nostalgis“, sagte der Arzt. „Sie leiden an einer leichten Form von Neuigkeiten-Manie. Sie sind ein bißchen Beständigkeitsgestört. Das kriegen wir wieder hin.“

Ich hatte das Gefühl, voranzukommen, aber dann wachte ich auf. Es war immer wieder der selbe Traum, seit Tagen. Ich kannte ihn in- und auswendig, er langweilte mich zu Tode. „Anderes Programm“, sagte ich zu der ersten Tageshelligkeit hinüber, die beim Fenster hereinkam. Aber sie schwieg nur und leuchtete graublau.

Do it again
„Ich war stets erstaunt über das weit verbreitete und spontane Auftreten regelmässig sich wiederholender Handlungen“, schrieb ein befreundeter Psychologe an den Kulturphilosophen Lewis Mumford. „Es ist dem magischen und dem religiösen Ritual verwandt, liegt aber noch tiefer. Man findet es beim Kleinkind, das eine Geschichte in genau den gleichen Worten wiederholt haben will – es ist die elementarste Form der Mechanisierung und steht im Gegensatz zur Unberechenbarkeit des Impulses“. Ist es eine Art von Narkose, die von der Wiederholung ausgeht? Ein gefährliches Behagen, das uns betäubt, während wir uns in Maschinen verwandeln?

Die Fähigkeit zur Wiederholung ist immer Ausdruck einer vitalen Lebendigkeit. Herzschlag, Sex, Ritual, Refrain – im „wieder" schwingt ein Geheimnis. „Do it again", sagte Marilyn Monroe. "Wieder" ist Zukunft. Warum hatte ich dann Alpträume, wenn Dinge sich widerholten? Worin besteht diese manchmal geradezu körperliche Lust an der Wiederholung – daran, zum dreunddreissigsten Mal „Casablanca“ zu sehen und zum vierundvierzigsten Mal bei Facebook nachzusehen, ob jemand etwas Neues gepostet hat? Und das in einer Zeit, in der Neuigkeiten immer massiver auftreten und und das Leben aus Abwechslung bestehen soll, einem endlosen Fluß des nie Gehörten, Überraschenden, nie Gesehenen. In der das Neue der Todfeind der Wiederholung zu sein scheint.

Computer sind vollkommen verrückt
Exzessive Wiederholung gehört zu den Grundlagen der Computerei. Schleifen („Loops“) sind Kernelemente jeder Programmiersprache. An ihnen kann man erkennen, dass Computer eigentlich vollkommen verrückt sind. Sie befinden sich in einem ständigen Zustand der Raserei, in dem Bits unaufhörlich herumfahren und auf ein Signal warten, das diesen Rundlauf beendet. (Die Ringstraße um die sechs Hauptgebäude des Hauptquartiers der Firma Apple im kalifornischen Cupertino heißt nicht ohne Ironie „Infinite Loop”)

Wenn man Programmiersprachen mit anderen künstlerischen Sprachen vergleicht, wird deutlich, dass Loops eine sehr alte Form sind. Schon die frühesten Epen der Menschheit - das Gilgamesch-Epos, die Ilias, die Odyssee - ähneln in Struktur und Entstehungsprozess den digitalen Monumentalwerken unserer Zeit, den großen Programmierprojekten mit ihren Abermillionen Codezeilen. Der Loop findet sich unter der Bezeichnung Refrain schon in den frühesten Formen. Bei beiden Schöpfungen waren Generationen namenlos geliebener Autoren am Werk.

„Die meisten gegenwärtig verfügbaren Computerprogramme“, schreibt Joseph Weizenbaum in seinem Klassiker „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“, „vor allem die umfangreichsten und wichtigsten unter ihnen, sind nicht ausreichend theoretisch fundiert. ... Diese gigantischen Computersysteme sind in der Regel von Programmiererteams zusammengestoppelt worden, deren Arbeit sich oft über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstreckt. Wenn das System gebrauchsfertig ist, haben die meisten der ursprünglichen Programmierer gekündigt oder ihr Interesse anderen Projekten zugewandt, so dass, wenn diese gigantischen Systeme schließlich benutzt werden, ihr innerer Ablauf von einem einzelnen oder einem kleinen Team nicht mehr verstanden werden kann.“ Am Ende läuft es wie bei Homer, Walt Disney oder Bill Gates – aus dem menschlichen Bedürfnis, komplexe Dinge auf eine Person zu reduzieren, entsteht der falsche Eindruck, dass einer allein das ganze Werk geschaffen hat, während es sich in Wahrheit um eine großartige Gemeinschaftsleistung handelt.

Die Stunde des Entertainer
Mir gegenüber wohnt ein Studentenpärchen, nette Leute, leider haben sie ein Klavier. Er, der Student, übt seit Monaten „The Entertainer", dieses Ragtime-Stück. Er sagt, er spielt. Ich sage, er übt. Das einzige, was das Stück spannend macht, ist die Frage, an welcher Stelle er hängenbleiben wird. Ich sitze, jedenfalls akustisch, neben dem Klavier und versuche zu arbeiten, das heißt, etwas Neues zu denken und aufzuschreiben. Das geht aber nicht. Jeder Ideenfunke wird von den Anschlägen auf der Klaviatur ausgelöscht. Und die Zeit bleibt stehen. Vielmehr: es ist nie welche vergangen. Höre ich den „Entertainer", so wird mir schmerzlich bewußt, dass ich mich wieder eine Weile der Illusion hingegeben habe, die Zeit würde vergehen. Sie steht aber. Wenn er, der Student, nach drei klavierlosen Wochen wieder in die Tasten holzt, ist alles, was ich in diesen drei Wochen erlebt habe, wie nie gewesen. Ich finde mich wieder an dem selben Punkt wie zuvor – gefangen in der immer gleichen, unveränderlich festgeschraubten, mumifizierten Minute des „Entertainers“.

Das kosmische Steak

Im Klang dieser musikalischen Gebetsmühle zerfällt jeder Glaube an Entwicklung und Fortschritt zu Staub. Ein solches fundamentales Wiederholungsereignis nenne ich eine Zeitschleife. Erste Bekanntschaft damit habe ich in Stanislaw Lems "Sterntagebüchern" gemacht. Darin berichtet der Weltraumfahrer Ijon Tichy von seinen Reisen in die Weiten der Galaxis. Gleich am Anfang der ersten Reise häufen sich die Probleme: Ein angebranntes Steak, das Tichy hinaus ins All geschmissen hat, umkreist nun sein Raumschiff und bringt die Navigation durcheinander, da es (das Steak) in unregelmäßigen Abständen Sonnenfinsternisse verursacht, während es durch das Sichtfeld des Teleskops fliegt.

Dann geht eine Vorrichtung kaputt, zu deren Reparatur zwei Leute gebraucht werden; Tichy aber ist allein. Er schafft es, seine ramponierte Rakete in die Nähe eines Gravitationsstrudels zu dirigieren, um - hier ist sie - in eine Zeitschleife zu gelangen. Die besonderen Verhältnisse in einer Zeitschleife machen es möglich, als derjenige von heute auch sich selbst von gestern zu begegnen. Womit die Reparatur des Raumschiffs kein Problem mehr gewesen wäre. Aber natürlich geht der Ärger erst richtig los. Am Ende ist das Raumschiff gedrängt voll mit streitenden Tichy`s aller Altersstufen vom Säugling bis zum Greis.

Zeitschleifen sind kein Science-Fiction-Phänomen. In der Realität reichen sie weit über das schattenhafte Wiedererleben eines Deja Vu hinaus. Mit jeder weiteren Zeitschleife, in die man gerät, tut sich neuerlich ein Abgrund in dem auf, was man für die Gegenwart hält. Denn nicht „Alles schon mal dagewesen” muß es heißen. Sondern “Alles immer noch da”. Ich wurde müde, aber ich wehrte mich mit allen Mitteln. Nicht wieder dieser Traum.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.