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Kommentar
05/08/2011

Das Internet ist ein vergesslicher Fälscher

Die Diskussion um den „digitalen Radiergummi“ hat einmal öfter den Satz „Das Internet vergisst nicht“ aus der Mottenkiste der populären Irrtümer hervorgekramt. Natürlich vergisst das Netz.

Wenn Politiker sich zur Vorratsdatenspeicherung äußern, dann gibt es ein Schlagwort, das bereits deutlich besagt, dass derjenige, der es vorträgt, sich eher mit emotional behafteten Totschlagargumenten hervortun will, denn mit Fakten; dieses Schlagwort lautet „rechtsfreier Raum“. Bei der Diskussion um den „digitalen Radiergummi“ oder das „digitale Vergessen“ gibt es ein ebensolches Aussch(l)usskriterium. Sobald allem anderen die These, dass das Netz nicht vergisst, vorangestellt wird, kann die restliche Auseinandersetzung letztendlich nur unzureichend hilfreich sein (dezent ausgedrückt). Banal gesagt: wenn das Fundament nicht stimmt, dann ist die Frage, wie das Haus halten soll. Und die fundamentale These, dass das Netz nicht vergisst, zeugt von wenig Fachwissen, denn bereits eine kurze Überlegung müsste dazu führen, dass das Netz natürlich vergisst – und dies teilweise sogar in einer rasenden Geschwindigkeit.

Wir löschen unser Forum
Vor einiger Zeit kündigte in Deutschland eine große IT-Webseite an, dass eine bestimmte Anzahl früherer Foren nun gelöscht werden würden. Der darauffolgende Aufschrei der Community wurde zwar erhört, änderte jedoch nichts an der Entscheidung. Ganz im Sinne eines fürsorglichen großen Bruders wurde mitgeteilt, dies solle auch ein Beitrag zum digitalenVergessen sein.

Dieses Beispiel macht deutlich, dass Inhalte, die nicht auf dem eigenen Server liegen, letztendlich von dem Speichernden abhängig sind. Allgemeine Geschäftsbedingungen können sich schnell ändern, aber auch technische Begebenheiten (Servercrash, mangelndes Backup), menschliches Versagen (falscher Knopf gedrückt) oder sich ändernde Rechtslagen können dazu führen, dass Inhalte sehr schnell aus dem Netz entfernt werden. Dies ist logisch, denn das Netz ist letztendlich nichts als ein Zusammenschluss von Rechnern.

Frisch verklagt ist halb gewonnen
Doch auch die bisherige Rechtslage macht es möglich, dass Inhalte dem „Zwangsvergessen“ anheim fallen. Firmen fühlen sich beispielsweise durch Kommentare, in denen ihre Geschäftspraktiken besprochen werden, schnell angegriffen und setzen dann ihre Rechtsabteilung auf den Betreiber des Forums oder der jeweiligen Webseite an. Zum Teil führen schon die oft horrenden angedrohten Strafhöhen dazu, dass sich Foren- oder Seitenbetreiber dem Ansinnen der Firmen beugen – und dementsprechend die Inhalte löschen.

Selbst ganze Domains können als Folge des Namensrechtes erklagt und ihre Inhalte gelöscht werden, gleiches gilt für Seiten innerhalb sozialer Netzwerke. Allerdings gilt für Domains auch, dass oftmals schnell eine Domain zu einem aktuellen Thema erworben und mit Inhalte gefüllt, schnell aber wieder aufgegeben wird. Manchmal machen sogenannte Domaingrabber von diesen Domains Gebrauch, manchmal wandert die Domain schlichtweg wieder in den Pool der freien Domains, die dahinter liegenden Inhalte sind verloren oder bleiben manchmal lediglich auf den Servern des ehemaligen Domaininhabers bestehen, der den Zugriff auf sie aber mittlerweile verwehrt. Gleiches gilt für Domains, bei denen der ehemalige Besitzer schlichtweg die Zahlung aussetzte. Auch hier hat das „Netz“ bereits Gedächtnislücken.

Wenn „ja“ zu „nein“ wird
Davon abgesehen ist das Netz auch ein Gedächtnis, das Erinnerungen stetig modifiziert und manipuliert – Inhalte werden nachträglich verändert, ohne dass dies kenntlich gemacht wird, auf der eingebundenen URL findet sich ein neuer Text, der somit den Text, in der er eingebunden wird, verändert oder auch ins Gegenteil verkehren kann. Ein Beispiel hierfür sind die oft nur durch kurze Sätze kommentierten Links bei Twitter. Aus einem „das finde ich aber grausam“ mit einem Link zu einem Artikel über Walfang kann so ein Twittereintrag werden, der ein gefordertes Verbot des Walfanges für grausam erachtet weil die URL längst die Inhalte gewechselt hat. So entsteht dann in einer Art Kettenreaktion eine Falschinformation, die dann die bisherige Information ersetzt. Während im Gedächtnis des Lesers die Erinnerung „xy ist gegen Walfang“ noch existiert, hat das Netz bereits vergessen bzw. speichert etwas anderes.

Das Netz vergisst jeden Tag bzw. verändert seine „Erinnerung“, die ja nicht aus künstlicher Intelligenz besteht, sondern aus einer technischen Zusammenführung von Informationen anderer. Es fälscht insofern auch jeden Tag aufs neue Informationen und manipuliert.

Lange aber nicht ewig
Was ggf. mit dem Spruch „das Netz vergisst nicht“ gemeint ist, ist die Tatsache, dass viele Dinge im Netz lange aufzufinden sind (so die jeweiligen Betreiber der Foren, Server usw. dies möglich machen) und so das „Vergessen von Jugendsünden“ erschwert wird. Hier könnte zwar der digitale Radiergummi, der letzten Endes nichts weiter ist als ein digitales Rechtemanagement mit vorgegebenem Löschdatum, vermeintlich helfen – vermeintlich jedoch nur weil die Erinnerungen bereits, egal ob wahr oder falsch, ihren Weg auf private Server oder in private Gedächtnisse gefunden haben können. Ob das „Saufphoto vom Abitur“ dann noch online zu finden ist, ist eher unwichtig, wenn sich jemand daran erinnert oder zu erinnern meint, dies gesehen zu haben. Dann ist im Endeffekt aber nicht das Netz ausschlaggebend für eventuelle Nachteile, die durch das Dokumentierte entstehen, sondern zum einen die Annahme vieler, dass das „Netz nicht lügt“ sowie die Beurteilung eines Menschen auf Grund von vermeintlichen Fakten. Hiergegen wird aber auch der digitale Radiergummi nicht helfen, hier hilft letztendlich nur die Bereitschaft zu verzeihen. Insofern lautet die Botschaft auch eher „analoges Verzeihen“ statt „digitales Vergessen“.

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