Meinung
12.07.2014

Das James-Bond-Gerät für alle

Der Taschenrechner wird 42. Er hat nicht nur Wissenschaft und Ingenieurswesen revolutioniert – auch zwei fundamental unterschiedliche mathematische Menschentypen sind mit dem kleinen Gerät groß geworden.

Vorab: Ich bin kein Freund von dezimalen Jubiläen. Ich finde sie willkürlich. So, als würde man in einem Text alle 10 Zentimeter mit dem Lineal einen Punkt setzen. Deswegen möchte ich alle dazu einladen, das 42-jährige Jubiläum des Taschenrechners zu feiern. Dass die 42 eine den dezimalen Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht nur ebenbürtige Einheit ist, muß man einem computerinteressierten Publikum zum Glück nicht weiter erläutern.

1972 war das Jahr, in dem mit Apollo 17 die letzten Astronauten zum Mond flogen. In Deutschland lief dafür im Fernsehen die erste Folge von „ Raumschiff Enterprise”, und der ORF übertrug erstmals live den Opernball. Der Sommerhit des Jahres war „Popcorn“ von Hot Butter, ein Synthesizer-Stück, das so penetrant war, dass man an in den Ferien an der Adria mit dem Tretboot gar nicht weit genug ins Meer hinausfahren konnte, um nicht doch noch von dem Sound aus den Strandlautsprechern eingeholt zu werden. Der Synthi vermittelte eine Vorahnung des herannahenden elektronischen Zeitalters.

Die Geburtsstätte des Silicon Valley

In diesem Jahr brachte die Firma Hewlett-Packard den ersten wissenschaftlichen Taschenrechner der Welt auf den Markt. Der HP 35 kostete 395 Dollar und legte das Fundament, auf dem Hewlett-Packard sich danach zwischenzeitlich zum größten Rechnerherstellter der Welt entwickelte. Die Garage im kalifornischen Palo Alto, in der William Hewlett und David Packard in den vierziger Jahren ihre ersten Produkte zusammenbauten, gilt heute als Geburtsstätte des Silicon Valley.

Im Sommer 2007 kam der HP 35s auf den Markt. Äußerlich handelte es sich dabei um eine Retro-Version des 35 Jahre alten elektronischen Erstlings – eine Reverenz zum Preis von 59,99 Dollar, einschließlich der erhöhten Schutzränder, die, neben der dreifarbigen Knopf-Koloratur, die Ästhetik des Rechners prägten. Hinter der nostalgischen Fassade verbarg sich ein hochmoderner Taschenrechner mit gut 100 eingebauten Funktionen. Man konnte jetzt auch wählen, ob man die Eingabe wie ursprünglich zeitsparend in der sogenannten umgekehrt polnischen Notation (UPN) durchführt oder traditionell algebraisch (Speicher war in den frühen siebziger Jahren knapp, UPN kam der Rechenweise der Maschine entgegen) – Dinge, die an die Zeiten erinnern, in denen nicht die Maschine den Nutzern entgegenkommen mußte, sondern es sich umgekehrt verhielt. Noch heute werden in Online-Überweisungsformularen von Banken erst der Nachname und dann der Vorname abgefragt – wie damals, als man den beschränkten Sortierfähigkeiten der Maschine zuarbeiten mußte.

Revolutionäres Rechnerlein

Der HP 35 war zu seiner Zeit revolutionär. Es war das erste Mal, dass Rechner in private Hände gelangten. Auf der 15-stelligen LED-Anzeige konnte höhere Mathematik ausgeführt werden, während die Konkurrenz noch auf die vier Grundrechenarten beschränkt war. Bei HP unterschätzte man den unbekannten Markt. Bis zum Ende der Produktion der ersten Modellreihe im Jahr 1975 verkauften sich vom HP 35 (der so hieß, weil er 35 Tasten hatte) beachtliche 300.000 Stück. Das Gerät war genau so groß, dass es in William Hewletts Hemdtasche paßte – deshalb der Name Taschenrechner.

Vor dem HP 35 war der Rechenschieber das Zunftzeichen von Wissenschaftlern und Ingenieuren gewesen. Mit dem kleinen Rechner änderte sich das. „Wir dachten”, hieß es im Handbuch zum HP 35, „dass Sie gern etwas haben würden wie es bisher nur fiktive Helden wie James Bond oder Dick Tracy in ihrem Besitz hatten.” Der Taschenrechner zeigte auch, dass es, so wie es Rot- und Weißweinliebhaber gibt oder Frühaufsteher und Nachteulen, auch bei den Menschen, die sich der Mathematik zugeneigt fühlen, geheimnisvolle Unterschiede gibt.

Arithmeten und Geometen

Es gibt Arithmeten und Geometen. Arithmeten sind Menschen, denen die puren Abstraktionen der Arithmetik genußvoll runtergehen wie Mango-Milchshake. Sie sind wie Katzen, die sich auch im Dunklen elegant bewegen können. Geometen mögen Mathematik, aber nur wenn sie anschaulich ist. Sie werden unendlich müde, wenn sie mehrdimensionale Matritzen oder Gleichungen mit mehreren Unbekannten sehen, aber sie blühen auf, wenn sich vor ihnen auf dem Bildschirm ein sombreroförmger dreidimensionaler Funktionsgraph oder ein schickes Fraktal zeigt. In den siebziger Jahren waren die Arithmeten die Avantgarde. An der Spitze filigraner Formelgebilde flogen Menschen bis zum Mond. Viel mehr als ein netter Fugbahnschnörkel bliebt da für die Geometen nicht übrig.

Der Taschenrechner wurde zum ersten Hightech-Gadget, quasi zu einem Mathe-iPod. Die Arithmeten wurden mit seiner Hilfe zu den Pfadfindern im Zahlendschungel des Fortschritts. Geometen brauchen dafür eine Art Nachtsichtgerät. Das tauchte dann mit dem Computer auf. Endlich konnte man nicht nur rechnen, sondern sich zugleich auch zeigen lassen, wie das aussieht – und es verstehen.

Am Gymnasium konnte ich Diffenentialgleichungen lösen, aber ich wußte nicht, weshalb ständig das richtige rauskommt. Seit ich einen Computer habe, kann ich mir dazu schöne Funktionsgraphen zeichnen lassen, und wenn ich ein bißchen in den Formelwerten herumknete, sehe ich, wie sich Linien und Kurven verändern und beginne zu begreifen, was da vor sich geht. Natürlich sind die Arithmeten um Jahre schneller bei sowas, aber ich habe mehr Spaß beim Begreifen. Aber alles hat seinen Preis: Seit ich einen Computer habe, kann ich nicht mehr Kopfrechnen.