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Peter Glaser: Zukunftsreich

Das Online-Universum

In den sechziger Jahren war der Himmel ein technisches Problem. Es ging um die Frage, wer ihn als erster befahren und betreten würde. Der Himmel hieß nun Weltraum und hatte sich aus der duftigen Sphäre der Religion zu einem handfesten geopolitischen Interesse verdichtet. Im Oktober 1957 - meinem Geburtsjahr - schossen die Russen den ersten künstlichen Himmelskörper in eine Umlaufbahn: Sputnik I.

Die Erstürmung des Firmaments durch die Raketenwissenschaft begleitete mein Heranwachsen. Ich las die ersten fünfhundert Perry Rhodan-Romanheftchen. Rhodan, der blonde, blauäugige Beherrscher des Solaren Imperiums, pflegte die Himmelstiefe in kilometergroßen Kugelraumschiffen zu durchpflügen. Auch der Tod war durch Ingenieurskunst aufgehoben: Ein sogenannter Zellaktivator verlieh dem ehemaligen Mondlande-Astronauten Rhodan Unsterblichkeit. Dagegen war der klassisch katholische Himmel (zumal es Leute, die auf Wolken saßen, auch in der Fernsehsendung mit dem Traummännlein gab) eine ziemlich altmodische Veranstaltung. Sein Gegenstück, die vulkanische Hölle, war im Bild mittelalterlicher Folterkammern stehengeblieben. Wie modern dagegen war das gebändigte Flammeninferno eines Raketentriebwerks!

Der Vorstoß ins Hauptabendprogramm des Fernsehens

Während mit Griffen in den Götterhimmel der alten Griechen - Merkur, Gemini, Apollo - das amerikanische Raumfahrtprogramm das der Sowjets überflügelte, startete im Fernsehen Commander Cliff McLaine mit dem Schnellen Raumkreuzer Orion zur ersten Raumpatrouille – für meine Generation der Vorstoß in eine weitere Wandlungsform des Jenseitigen: in das Hauptabendprogramm des Fernsehens. Der Weg der Menschheit in die Himmelsweiten war so respektgebietend, dass sogar die elterliche Erziehungsgewalt davor zurückwich. Wenn die Raumpatrouille flog oder ein Lift-off von Cape Kennedy anlag, galt eine Ausnahmeregelung die täglich genehmigte Fernsehdosis betreffend. Orion war die Einflugschneise ins Erwachsenwerden: Fernsehen nicht mehr nur bis zum Traummännlein, sondern immer.

Dem unausgesprochenen allgemeinen Aufruf zur Himmelfahrt folgend, entwickelte ich in dem Labor, das im Keller meines Elternhauses aus einem Chemiekasten hervorgegangen war, Treibstoffe nach einem Schwarzpulver-Grundrezept. Erst versuchte ich, die nötigen Ingredienzien in einer einzigen Drogerie zu erwerben, zog mir jedoch das alarmierte Mißtrauen des Inhabers zu („Was willst du denn damit machen, Burschi?“). Beim nächsten Mal besorgte ich die Stoffe einzeln in verschiedenen Drogerien; man lernt. Die Mischung füllte ich in einen Rundkolben aus Jenaer Glas und versuchte das Geschoß im Garten aus einem gußeisernen Christbaumfuß zu starten. Das Glas schmolz, in der Wiese blieb ein verkohlter Fleck und ich zog mir den Zorn der Nachbarin zu, deren Wäsche auf der Leine ich mit Schwefelschwaden imprägniert hatte.

Wolkenkratzer, die fliegen können

Die erste Mondlandung sah ich in der Sommerfrische in einem Landgasthaus in Hirschegg. In dieser langen Nacht trank ich vor Aufregung zwei Liter Cola mit der Folge, dass ich Colageschmack bis heute nicht mehr vertrage. Der Überdruß an der Raumfahrt stellte sich alsobald ein. Die nachfolgenden Mondlandemissionen, mit denen die siebziger Jahre begannen, waren unbedeutend, langweilig und grau wie der Mond. Der eine, entscheidende himmlische Moment war verglüht. Als die Ära der Space Shuttles begann, war der Zauber verflogen.

Das eigentliche Produkt der Mondlandemission war längst eingefahren. Es war nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Darum, mit den riesigen Raketen den Stahlhochbau zu derselben Vollendung zu bringen, zu der die alten Ägypter die Steinbearbeitung mit dem Pyramidenbau geführt hatten.

Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt

Die technische Himmelsbewältigung stagnierte, und in den achtziger Jahren schlug das Pendel nach der anderen Seite aus. Das Universum implodierte. Nach der Challenger-Katastrophe und dem GAU in Tschernobyl waren die beiden naturwissenschaftlich fundierten Großtechnologien des 20. Jahrhunderts, Raumfahrt und Nukleartechnik, praktisch gescheitert. Das Columbia-Unglück, Fukushima und was da aus Überheblichkeit und „wirtschaftlichen Zwängen“ noch kommen mag, sind nur noch tragische Nachgänge.

Längst wenden sich Himmel und All auf technischem Weg nach Innen, in das Online-Universum, den Cyberspace, die elektronische Endlosigkeit. Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt, jetzt kann jeder mitfliegen. Es ist die Fortführung des unstillbaren menschlichen Bedürfnisses, die Unendlichkeit zu durchqueren. Und auch dabei hat das Religiöse wieder die Technologie durchdrungen, ob wir es nun an der offensichtlichen Übereinstimmung zwischen einem Hausaltar und einem Rechner auf dem Tisch erkennen oder an der spirituellen Inbrunst von Videospielern oder tief beseelten Hackern.

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Peter Glaser

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